Anzeige

Neu im Kino: „Barry Seal“

Da wird die Luft allmählich dünn

Von Florian Kölsch
 - 11:54
Läuft gut: Tom Cruise mit seiner Filmehefrau Sarah Wright in Doug Limans „Barry Seal - Only in America“. Bild: Universal Pictures, F.A.Z.

Wir befinden uns im Amerika der frühen Reagan-Ära: Vietnam ist vorbei, der Drogenhandel kommt auf, und zeitgleich wird der von Ronald und Nancy Reagan ausgerufene „War on Drugs“ zu einem der zentralen Themen gemacht. Der Widersprüchlichkeit dieser Zeit hat sich Regisseur Doug Liman („Swingers“, „Die Bourne Identität“) in seinem satirischen Actionfilm „Barry Seal – Only in America“ angenommen. Es geht um die wahre Geschichte des Piloten Barry Seal, dessen Leben lange nicht beachtet und nun von dem Drehbuchautor Gary Spinelli ausgegraben wurde: Tom Cruise mimt den talentierten Piloten, der als Mitarbeiter einer amerikanischen Airline nebenbei Zigarren aus Mittelamerika einschmuggelt.

Anzeige

Dieser Nebenerwerb fällt einem ominösen jungen Mann (Domhnall Gleeson) auf, der sich als „Schafer“, Mitarbeiter der CIA, vorstellt. Er rekrutiert Seal und überzeugt ihn, für die CIA verdeckte Operationen in Südamerika zu fliegen. Auf diesen soll der Pilot Waffen nach Nicaragua schmuggeln und Luftaufnahmen von den Gebieten machen, in denen die Vereinigten Staaten die Contras im Kampf gegen die Sandinistas unterstützen. Es ist ein lukratives Geschäft für Seal; nach einer Weile soll der gefragte Pilot sogar noch mehr verdienen: Das gerade aufstrebende Medellín-Kartell um Pablo Escobar will seine Drogen nach Amerika verkaufen, Seal soll als Kurier fungieren. Auf seinen Operationen klappert er nun verschiedene Stationen ab, belädt nach dem Abladen der Waffen seinen Flieger neu – mit Kokain aus Kolumbien. Selbiges wirft er beim Rückflug über seiner Heimat Louisiana ab. Frau und Kind denken, er fliege weiterhin reguläre Linienflüge.

Als Seal nach einer Razzia in Kolumbien im Gefängnis landet und nur durch Hilfe der CIA herauskommt, muss seine Familie aus Sicherheitsgründen nach Arkansas umziehen – und Seal ist gezwungen, seine Gattin und die Kinder über seinen geheimen Nebenjob endlich aufzuklären. Seine Frau Lucy (Sarah Wright) reagiert ähnlich verblüfft wie der Zuschauer – besonders, als sie das viele Geld, das ihr Mann verdient hat, irgendwo verstauen muss. Ans Aufhören denkt Seal aber noch lange nicht, auch wenn inzwischen die Polizei hinter ihm her ist und die Höhenluft zwischen CIA und Drogenbaronen für den Piloten allmählich dünn wird. Diese aberwitzige Story inszeniert Regisseur Doug Liman spannend und unterhaltsam, bei der Umsetzung ließ er sich offensichtlich von Martin Scorseses Mafia-Epos „Good Fellas“ inspirieren, aber auch Reminiszenzen auf die farbenfrohe Serienästhetik des Netflix-Formats „Narcos“ und den Retro-Realismus von Ben Afflecks „Argo“ fallen auf.

Kinotrailer
Kinotrailer: „Barry Seal“

Der Film gewinnt sehr stark durch seine für einen Blockbuster doch recht eigenwillige Ästhetik: Retro-Gimmicks stoßen hier auf eingespielte Rock-Songs von Talking Heads bis George Harrison und bunte Farben, die dem Film eine psychedelische Note geben. Am deutlichsten wird diese durch die besondere Kameraästhetik des uruguayischen Kameramanns César Charlone übertragen: Charlone, der durch seine Arbeit an „City of God“ international bekannt wurde, liefert verwackelte Bilder, die für eine realistische, lebhafte Stimmung sorgen. Auch ist er ist immer nah an seinen Charakteren, immer nah an Cruise, der absolut im Zentrum des Films steht.

Cruise beeindruckt durch ein humorvolles, gleichsam in die Tiefe gehendes Spiel und beweist wieder einmal, dass er ein Schauspieler ist, der einen Film allein tragen kann. Hier emanzipiert sich Cruise von seinen reinen Actionrollen der letzten Jahre und mimt Seal so charmant wie passioniert. Dabei wird er perfekt in Szene gesetzt von Regisseur Doug Liman, der mit Cruise schon beim Science-Fiction-Film „Edge of Tomorrow“ zusammenarbeitete. „Barry Seal – Only in America“ bietet Einblicke in ein aufregendes Kapitel amerikanischer Zeitgeschichte und in eine außergewöhnlich Vita, die tragisch endete. Die Qualität des Films liegt in dessen Ausgewogenheit: Er pendelt sich ein zwischen Komik und Tragik, zwischen Action und Anspruch; und trägt die fast zwei Stunden Laufzeit ohne einen Moment der Schwäche. In zwei Jahren soll Cruise schon wieder ins Cockpit steigen: im bereits angekündigten Sequel zu „Top Gun“. So hoch wie „Barry Seal“ muss das dann erst mal fliegen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPablo EscobarTom CruiseAmerikaCIA

Anzeige