Begegnung mit Christoph Waltz

Ein Glücksfall, kein Verdienst

Von Verena Lueken
 - 17:21
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Internationale Filmstars, Oscar-Preisträger, Männer, von denen man spricht, haben meistens keine Zeit. Sie haben Agenten, die auf Gesprächsanfragen sagen, „hhm, schwierig, eine halbe Stunde max.“, und PR-Assistenten, die nach zwanzig Minuten abwinken und rufen: „raus“. Als wir uns vor einigen Jahren das erste Mal trafen, in einer vom Verleih gemieteten Suite in einem vermufften Berliner Luxushotel, rief eine solche Assistentin freundlicherweise vorher noch: „Letzte Frage!“ Und Christoph Waltz schaute mich erwartungsvoll an und meinte gelassen: „Jetzt bin ich gespannt.“

Die letzte Frage damals, es war kurz vor dem Deutschlandstart von „Inglourious Basterds“, war nicht besonders einfallsreich. Sie betraf seine Zukunftspläne, und Waltz war enttäuscht. Er mag kniffligere Fragen, solche, über die er nachdenken muss, auf die er die Antwort noch nicht viele Male gegeben hat.

„Staurday Night Live“, Oper, Prada

Es ist jetzt genau fünf Jahre her, dass Waltz für seine Darstellung der unauslotbaren Rolle des SS-Offiziers Hans Landa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ beim Filmfestival in Cannes den Darstellerpreis gewonnen hat. Dass sich mit diesem Film seine Karriere und auch sein Leben grundsätzlich verändern würden, war vorhersehbar. Bessere Rollen als diese würden vermutlich nicht so schnell, vielleicht überhaupt nicht mehr vorbeikommen. Aber bessere, als sie ihm das deutsche Fernsehen geboten hatte, in den Jahrzehnten, bevor Tarantino ihn engagierte, das wohl doch. Waltz selbst meinte damals, was zukünftige Rollen anginge, „wird es automatisch zurückfallen müssen“. Und ergänzte, er müsse bei den nächsten dann halt „im Detail noch genauer gucken“.

Wie grundsätzlich sich sein Leben verändern würde, das wurde erst im Lauf jenes Jahres 2009 klar, als Tarantinos Film und mit ihm Christoph Waltz einen Preis nach dem anderen absahnten und der Film, wo auch immer er startete, heftigen Wirbel machte, bis schließlich die Oscars kamen, und Waltz gewann.

Fünf Jahre später. Waltz hat sich in ein vollkommen anderes Leben eingefädelt. Er lebt jetzt in Los Angeles. Er hat seit 2009 zehn Filme gedreht, er hat mit einigen der bemerkenswertesten Regisseure des internationalen Kinos gearbeitet, mit Roman Polanski, Tim Burton, Terry Gilliam. Er hat zu dem ersten Oscar für Hans Landa noch einen zweiten gewonnen, diesmal für die Rolle des deutschen Kopfgeldjägers Dr. King Schultz in einem weiteren Film von Quentin Tarantino, „Django Unchained“, und ebenfalls im Fach des Nebendarstellers. Wobei zu sagen ist, das englische actor in a supporting role trifft die Bedeutung dieser Parts deutlich besser als das zweitrangige deutsche Wort Nebendarsteller. Er war in den Jurys der Internationalen Filmfestspiele von Cannes (im vergangenen Jahr) und von Berlin (in diesem). Er hat den „Rosenkavalier“ an der Oper in Antwerpen inszeniert. Die Comedy-Show „Saturday Night Live“ hat ihm für eine Sendung die Moderation übertragen, eine Premiere für einen Deutschsprachigen. Er modelt für Prada.

Die Sache mit den Möglichkeiten

Retrospektiv also scheint die Frage von damals, „und was machen Sie jetzt“, nicht mehr ganz so dämlich. Fünf Jahre sind lange genug, um den Hype vorüberziehen zu lassen und in einem neuen Leben Platz zu nehmen - eine ungewöhnliche Chance in einer Lebensphase, in der die Menschen gemeinhin ihren Platz bereits gefunden haben, Waltz ist Jahrgang 1956. Er war schon älter als fünfzig, als er seine internationale Karriere begann. Heute ist er präsent, wenn Hollywood sich zeigt, bei Partys, Preisverleihungen, Gala-Dinners. „Ich habe da einen Platz. Den hatte ich hier nicht wirklich. Ich bin integriert in dieser Gemeinschaft sozusagen, ich bin da ein Faktor, der immer in Erwägung gezogen wird. Ich kenne die Menschen dort, die Menschen sind wohlwollend und interessiert. Im Moment; das ändert sich möglicherweise. Aber so in einer Gesellschaft akzeptiert zu sein, ist für den Alltag - gut.“ Wenn er in Berlin ist und gerade keinen Film bewerben muss, hat Christoph Waltz Zeit. „Ich habe auch hier eine Wohnung. Aber nichts zu tun.“ Prächtige Voraussetzungen für ein Gespräch, das sich dann vom späten Vormittag in den frühen Nachmittag hinein zieht.

Er wählt als Treffpunkt ein Café, in dem Bücherregale an den Wänden stehen, die Akustik schaurig ist und die Kaffeemaschine einen Höllenlärm macht. Ansonsten gibt es keine Störung, niemand glotzt ihn an, und dass neben ihm auf der Bank eine Mutter damit anfängt, ihrem Säugling die Windeln zu wechseln, bis die Bedienung sie auf den Wickeltisch im Waschraum aufmerksam macht, provoziert ihn zu nicht mehr als einem milden Lächeln.

Die Verabredung lautete „ohne Fotografen“, deshalb hatte ich vermutet, er komme in Vorbereitung auf eine Rolle mit einem unmöglichen Haarschnitt an, mit dem er sich nicht in der Presse sehen will. Aber sein Haarschnitt war völlig in Ordnung, der gepflegte 3-Tage-Bart auch, überhaupt sah Waltz ungefähr so aus, als sei er in den fünf Jahren seines Star-Seins nicht nennenswert gealtert. Er konnte aber die Stirn in Falten ziehen, und auch sonst schien seine Mimik uneingeschränkt, so dass es nicht an Ärzten, Spritzen, Faltenfüllern, sondern einfach am Leben liegen mag, dass er so jugendlich wirkt.

Ein Blick auf seine Filmographie seit 2009 gibt eine trockene Ahnung davon, was Waltz in den letzten Jahren gemacht hat. Auf die Frage, was für ihn die größte Veränderung sei, sagt er erst einmal bescheiden, dass er diese Veränderung nicht als „folgerichtig“ ansieht, sondern: „als Glücksfall“. Dann ist der bescheidene Augenblick vorbei, wie es von einem Star erwartet werden kann, und er fährt fort: „Aber ich halte mich nicht wahnsinnig lange damit auf, dass ich es nicht als Verdienst sehe. Und da bin ich auch schon bei einer der großen Veränderungen: Ich muss mich nicht mehr damit aufhalten, warum die Dinge so frustrierend sind. Warum ich keine Möglichkeiten bekomme. Warum ich nicht einmal die Möglichkeiten, die ich mir zutraue, zur Anwendung bringen kann, sondern überhaupt keine Möglichkeit sehe, die Möglichkeiten, die mir möglicherweise zur Verfügung stehen, überhaupt auszuloten. Das kann man nur durch das, was man macht. Die Sache mit den Möglichkeiten: die hat sich so grundsätzlich verändert, dass es eigentlich nur beglückend ist.“ Zum beglückten Kaputtlachen ist es, solche Sätze zwischen den Dampfgeräuschen der Milchschaumdüse auf dem Tonmitschnitt zu finden. Es ist da kein Aussetzer zu hören, kein Zögern, nur diese druckreife Ansammlung von Ös in den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lebens.

In der Mitte der amerikanischen Filmproduktion

Im Netz kursieren Bilder von ihm, auf denen er wenig vorteilhaft aussieht. Mit wirrem Haar unter der Dornenkrone und verfilztem Bart zum Beispiel, ein Kreuz auf dem Rücken, als „Djesus“ in einem Trailer für den fiktiven Film „Djesus Uncrossed“, den er für seine Saturday-Night-Live-Sendung drehte - eine Travestie, die genregemäß wenig subtil ausfällt. Djesus steigt vom Kreuz und rächt sich blutig an den Römern. Es war ein Spaß für eine überdrehte Sendung und hat ihm nicht nur Freunde gemacht: „Wissen Sie, was mir am besten gefällt? Das D von Djesus.“ Bei „Django Unchained“ war das ja einer der running gags: „The D is silent“. Hier heißt es, „the H is silent“, und auch das ist sehr komisch.

Ein anderes Bild zeigt ihn als Gorbatschow, zu erkennen an dem Fuermal auf der Glatze. Waltz zeigt auf eine fast unsichtbare Linie, die den unteren Teil des Kopfes, seines, vom oberen, Gorbatschows, mit dem Feuermal trennt. „Fotoshop“, sagt er, nicht Maske, wie ich vermutet hatte. „Reykjavyk“ sollte der dazugehörige Film heißen, Mike Newell wollte ihn drehen, und Michael Douglas hätte Ronald Reagan gespielt, wie er mit Gorbatschow über die Abrüstung verhandelt. Doch die Finanzierung fiel durch, wie das manchmal so geht, und Waltz scheint darüber nicht wirklich betrübt zu sein. Er kann sowieso „sogenannte Biopics nicht ausstehen“, bei denen ein Plastikkinn und angelernter Akzent für die Ähnlichkeit mit Margaret Thatcher zum Beispiel sorgen müssen - „als wäre, wie Margaret Thatcher gesprochen hat, nicht schon schlimm genug“. Oder eben ein Feuermal auf blankem Schädel, wenn Gorbatschow dran ist.

Ihn interessiert am Filmemachen das, was er „den Vorgang“ nennt. Nicht das Resultat. „Es ist nicht alles toll. Aber das muss es ja auch gar nicht sein. Ich verbringe mein Leben mit dem Vorgang des Filmedrehens, und dieser Vorgang hat sich um 180 Grad verändert. Und zwar erstens, was Angebote betrifft, um es mal ganz banal zu sagen. Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich hierzulande nur der harschesten Kritik ausgesetzt gewesen wäre, überhaupt nicht. Aber da reden wir ja schon wieder vom Resultat. Doch der Vorgang, was ich machen konnte und was ich machen musste, war ungeheuer frustrierend. Ich habe dann direkt oder indirekt die Meinungen zu hören bekommen, warum man mich für bestimmte Rollen nicht in Erwägung ziehen möchte“ - Waltz wiegt den Kopf bedächtig hin und her und zieht die Vokale lang - „bei Rollen, die ich lieber gespielt hätte als die, die ich dann gespielt habe. Wobei mir nicht immer nur der letzte Mist zur Verfügung stand. Ein Redakteur sagte, er sehe mich ,für verschrobene Nebenrollen, vielleicht‘.“

Stattdessen also jetzt: „Tarzan“ (nicht die Titelrolle), „Big Eyes“ (die Hauptrolle: Walter Keane), „Horrible Bosses 2“ (ohne Rollennamen), „Muppets Most Wanted“ (als Christoph Waltz) und so weiter. Filme aus der Mitte der amerikanischen Filmproduktion, lustige Erfahrungen wie bei „Horrible Bosses 2“ mit Charlie Day, Jason Sudeikis und Jason Bateman, da sagt er, „wenn man es liest, denkt man, um Gottes willen, aber wenn man es sieht, ist es sehr lustig“. Und die Dreharbeiten „waren phantastisch organisiert, ein Dreh, wie man ihn sich nur wünschen kann, es war eine wunderbare Erfahrung. Und das genieße ich unglaublich. Denn meistens ist es ja umgekehrt. Diese künstlerisch ehrgeizigen, anspruchsvollen Projekte, die sind oft so wahnsinnig zusammengeschustert, und dagegen gesetzt bewundere ich dann diese geistreiche Professionalität“.

Alle Frustration hinter sich gelassen

Das kann, wenn man sich die Karriere von Robert De Niro etwa anschaut, aber auch in die Hose gehen, was Waltz zwar auch sieht, aber als „bedingungsloser De- Niro-Verehrer“ dann wieder nicht so tragisch findet. „Die Karriere von De Niro ist dermaßen interessant. Erst Bertolucci, Coppola, Scorsese - und dann diese Klamotten. Aber bin ich wirklich aufgefordert, zu sagen, das hätte er besser nicht machen sollen? Warum nicht? Um meine Vorstellung davon, was ich an ihm so bewundere, zu erhalten? Aber tun diese Klamotten und was er da macht, dem, was ich bewundere, wirklich Abbruch? Dass er diesen Mist gemacht hat? Doch eher nicht. Für mich ist er der ideale Filmschauspieler.“ Wenn er sich dagegen Marlon Brando anschaut, den viele immer noch für den Größten der Geschichte halten, etwa in John Hustons „Reflections in a Golden Eye“, grunzt er und schüttelt den Kopf.

Waltz ist ein Mann, der sich begeistern lässt. Im Wortsinn, der erst offensichtlich wird, wenn er dieses Wort - „be-geist-ern“ - in die Länge zieht. Von Tim Burton zum Beispiel. Mit ihm hat er „Big Eyes“ gedreht, der in der zweiten Jahreshälfte in die amerikanischen Kinos kommen soll, einen Film über die Malerin Margaret Keane, gespielt von Amy Adams. Waltz spielt ihren ebenfalls malenden Mann Walter. Groteske Kitschbilder waren deren Werk, mit großäugigen Kindern, die aussahen, als wären sie in Automaten gezeugt. Waltz findet die Bilder, die in den sechziger Jahren ungemein populär wurden, grauenhaft - persönlich hätte er gern einen Beltracchi, am liebsten einen „Campendonk“, aber von Beltracchi signiert. Doch das Konzept von Keane, lieber „eine Million Bilder für fünf Dollar zu verkaufen als eines für 5000“, wie es im Film angelegt ist, das gefällt ihm als Ausgangspunkt für die Geschichte einer Ehe. „Solche Gedanken gehen durch Burtons Gehirn wie ein Gewitter“, sagt er und wiehert fröhlich, weil Burton für diese Ideen jeweils einen ganz konkreten Ausdruck sucht. „Das ist für mich die Quintessenz des Vorgangs. Es sind nur zwei Personen und ein bisschen Personal drumherum und diese Bilder.“

Als einen der letzten großen Meister des Kinos aber hat Christoph Waltz Roman Polanski bei der Arbeit an „Der Gott des Gemetzels“ erlebt, als Perfektionisten der Millimeterarbeit. Um das zu demonstrieren, schiebt er die Zuckerdose ein wenig von einer Tischseite auf die andere, fasst an die kleine Blume, die als Deko daneben steht, zupft hier ein bisschen und da. Da es sich um ein Theaterstück handelte, das in Echtzeit in einem Raum spielt, konnten sie zum Üben ganze Durchläufe machen, wie auf der Bühne. Eine „Hybridversion“ nennt Waltz das und meint wieder nicht das Ergebnis, das ist schon richtiges Kino, sondern den Vorgang, die Arbeitsweise. Und ihm liegt der Sarkasmus Polanskis, der Zyniker, der in ihm immer wieder zu Vorschein komme, und der messerscharfe Witz, der nicht immer angenehm sei. „Aber großartig.“

Wir haben inzwischen einige Ermüdungsphasen hinter uns, Pausen, wie sie zu jedem Gespräch gehören, Abschweifungen, aber Waltz strahlt immer noch. Nur für wenige Sekunden hatte er mal statt seines fröhlichen ein dunkel sardonisches Lächeln gezeigt, und selbst als ich in einem unaufmerksamen Augenblick ihm eine Rolle zuschrieb, die ein anderer gespielt hatte, schien er nicht verärgert zu sein. Offenbar hat er tatsächlich alle Frustration hinter sich gelassen. Selbst in Los Angeles, der Stadt, die für so viele einfach nur hässlich ist, sieht er eine Schönheit. Und das nicht nur, wenn er von den Hügeln über Santa Monica auf die ganze Bucht hinabsieht und auf den blitzenden Ozean, während die Berge im Rücken noch Schnee tragen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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