Anthony Hopkins wird 80

Gott spielen kann nur, wer den Teufel kennt

Von Simon Strauß
 - 08:21

Schauspieler wollte er werden, nachdem er fünfzehn Mal hintereinander Chaplins „Limelight“ gesehen hatte. Im Stadtkino von Port Talbot, seiner südwalisischen Geburtsstadt, wo die Eltern eine Bäckerei betrieben und wo er, der junge Anthony, immer ein Außenseiter blieb: Weder in der Schule noch beim Sport war er erfolgreich. Nur sein Klavierspiel machte ihm Hoffnung. Aber als eine Internatslehrerin ihn dazu antreiben wollte, noch besser zu werden, bekam er Hemmungen und hörte gleich ganz auf. Zum Jagen tragen lassen wollte er sich von Anfang an nicht. Ratschläge zur Verbesserung seiner Leistung konnte Anthony Hopkins nie ertragen – weder im Leben noch beim Spielen.

In einem Interview während der Dreharbeiten zu „The Elephant Man“ – David Lynchs erstem größerem Film von 1980 –, in dem er einen unnahbaren viktorianischen Arzt spielt, der einen abstoßend entstellten Menschen aufliest und sich fürsorglich um ihn kümmert, hat Hopkins ein wenig angeberisch und doch unverblümt sein zentrales Darstellerbekenntnis abgelegt. Am dramatischen Wendepunkt des Films, als dem Arzt die Rückkehr des Monstrums gemeldet wird, gibt es eine Großaufnahme, um seine mimische Reaktion zu zeigen. Doch Hopkins sitzt nur ruhig da und zeigt nichts als: „ein ausdrucksloses Gesicht. Mehr als das muss ich gar nicht machen. Aber der Regisseur will immer, dass man es zeigt. Dass man die Szene spielt. ‚Ich weiß nicht recht, Tony‘, sagt er, ‚könnten Sie nicht ein bisschen mehr zeigen?‘ Nein, sage ich! Nein, es gibt nichts zu zeigen. Wenn man mehr zeigt, dann ist das einfach schlecht gespielt.“

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Filmausschnitt„Rendezvous mit Joe Black“

Hopkins konnte nicht viel anfangen mit dem jungen amerikanischen Regietalent, das mit braunem Filzhut und Turnschuhen zum Drehen kam, aber im Grunde wollte er in dem Interview weniger den Regisseur vorführen, als seine eigene Art des um jeden Preis zurückhaltenden Spiels verteidigen. Diese enorm kontrollierte, beinahe stoische Haltung, auf alles gefasst, unerschütterlich, man könnte fast meinen von kaltem Gleichmut besessen, wenn nicht aus seinen vieldeutigen Augen im entscheidenden Moment doch ein winziger Widerschein der inneren Bewegung hervorblitzte.

Einen absoluten Höhepunkt seines Stils erreichte Hopkins 1993 als durch und durch gemütsdisziplinierter Butler Mr. Stevens in „Was vom Tage übrig blieb“. Kein Schritt, kein Wort, keine Geste unterläuft ihm hier. Hopkins verbietet sich den äußeren Anschein jeder Gefühlsregung. Er zeigt nichts, als der Vater stirbt, nichts, als die heimlich verehrte Wirtschafterin ihm ihre bevorstehende Heirat mitteilt – nur ein leises Ausatmen durch die halb geöffneten Lippen. Sein glattes, bewegungsloses Gesicht, das alles überschaut und erträgt, sein Ton, der immer unnahbar bleibt, provoziert und hält auf Distanz. „Warum müssen Sie immer verbergen, was Sie fühlen?“, möchte man mit Emma Thompson – seiner virtuosen Spielpartnerin – fragen. Warum seufzt er nicht wenigstens einmal? Wieso wird ihm das Auge nie feucht? Aber solche landläufigen Emotionen sind ihm zu billig. Für einen leichtfertigen Seufzer ist das Leben zu schwer. Da braucht es viel mehr. Oder eben weniger.

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Filmausschnitt„Was vom Tage übrig blieb“

Den Oscar hat Hopkins nicht als Butler, sondern als Monster bekommen – 1991, für eine weitere Artistenleistung des Unterspielens. Wie er da als kannibalistischer Psychiater Hannibal Lecter in seiner Gefängniszelle steht, als Jodie Foster sich zum ersten Mal bei ihm vorstellt, mit eiserner Miene und starrem Blick – das ist inzwischen zum geflügelten Bild geworden. Aber als man es zum ersten Mal sah, war man gebannt von dieser gefährlichen Mischung aus Arroganz und Hilflosigkeit, von dieser formbewussten Unberührbarkeit eines grauenvollen Massenmörders, mit dem man sich durchaus angeregt über Florenz und Klaviermusik unterhalten könnte.

Immer wieder geriet Hopkins als Schauspieler in die Nähe des Grauens, spielte einen geistesgestörten Bauchredner (1978 in „Magic“), einen fiebernden Hitler (1981 im CBS-Fernsehfilm „The Bunker“), den Glöckner von Notre Dame (1982), einen gekidnappten Familienvater (1990 in Michael Ciminos „Desperate Hours“), einen wahnwitzigen Vampirjäger (1992 in Francis Ford Coppolas „Dracula“), einen Todgeweihten (1998 in „Meet Joe Black“), einen von einem Monster tyrannisierten König (2007 in „Beowulf“), einen Teufelsaustreiber (2010 in „Das Ritual“) und zuletzt einen Vergnügungsparkbesitzer, der menschenähnliche Roboter ersinnt (2016 in der HBO-Serie „Westworld“). „Du kannst nicht Gott spielen, ohne mit dem Teufel bekannt zu sein“, flüstert er in diesem furiosen Science-Fiction-Western-Verschnitt seinem Assistenten einmal ins Ohr. Und das klingt wie ein weiteres Motto seiner Karriere. Um Gott spielen zu dürfen, muss man erst einmal viel mit dem Teufel zu tun gehabt haben. Dieser Überzeugung ist Hopkins bis in sein Privatleben hinein gefolgt: Seine erst spät überwundene Alkoholsucht hat mehrere Ehen zerstört, sein jähzorniges Gemüt ihn immer wieder in die Verzweiflung getrieben.

Anthony Hopkins – das ist ein kunstvoller, kein realistischer Spieler, ein Bewusstseins-Eroberer, der weder schlicht die Formen übernimmt, die zur Ausstattung von bekannten Seelenzuständen zur Verfügung stehen, noch sich einfach damit zufriedengibt, seine Gefühle in Rohfassung feilzubieten. In gewisser Hinsicht ist er ein keuscher Schauspieler, der aus dem Erleben nur das Konzentrat darstellt, dem Zuschauer die Möglichkeit verwehrt, intime Lebenseinzelheiten auszumachen. Und ihm doch wie kein Zweiter eine Ahnung von dem Geheimnis des Menschseins gibt.

Woher kommt dieses außergewöhnliche Talent? Natürlich vom Theater, woher sonst? Kein Geringerer als Laurence Olivier nahm den blutjungen Schauspielstudenten 1965 in seine National Theatre Company auf, wo er in den großen Shakespeare-Rollen genauso brillierte wie in Stücken von Harold Pinter. Seinen ersten großen Filmauftritt hatte Hopkins 1968 als Richard Löwenherz an der Seite von Peter O’Toole und Katharine Hepburn. Da ist noch nichts zu sehen vom souveränen Minimalismus späterer Tage: Nervös, rastlos, expressiv spielt der dreißigjährige Hopkins hier, als müsse er vor den Leinwand-Heroen ständig beweisen, dass auch er spielen kann. Charlie Chaplin, James Dean – das waren damals noch seine Vorbilder und natürlich Richard Burton, sein Landsmann, der nur ein paar Straßen entfernt von ihm aufwuchs. Die Zeit und der Auftritt in vielen, später dann vielleicht zu vielen Filmen haben ihn der Bühne entfremdet, und doch ist der entscheidende Rest an Aura geblieben. Denn die bekommt man nicht am Set, sondern nur durch die hundertste Vorstellung von „King Lear“. Am Silvestertag wird Anthony Hopkins, dieser König des keuschen Mienenspiels, achtzig Jahre alt.

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Filmausschnitt„Das Schweigen der Lämmer“

Quelle: F.A.Z.
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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