Haynes und Grisebach in Cannes

Ein Western als Studie von Missverständnissen

Von Verena Lueken, Cannes
 - 11:03

Wenn im Kino in Cannes das Licht ausgeht, entfaltet sich als Erstes eine mit einem roten Teppich belegte Treppe immer weiter hoch in den Sternenhimmel. Das ist der Trailer des Festivals, und jedes Mal ist es ein feierlicher Augenblick, wenn er zum ersten Mal zu sehen und zu hören ist. Fanfare!

In diesem Jahr, eine Neuerung, die sich das Festival zum Siebzigsten erlaubt hat, sind an der Stirnseite der Stufen die Namen großer Regisseure angebracht. Am nächsten dem Himmel ist Orson Welles. Gleich unter ihm: Ingmar Bergman.

Dann betritt das Kind die Hölle

An dessen Film „Szenen einer Ehe“ erinnert von fern der Wettbewerbsbeitrag von Andrey Zvyagintsev, „Nalyubov“ (Loveless), der einen treffenderen Titel nicht haben könnte. Ohne Liebe sind hier alle, obwohl es zwischendurch einmal anders aussieht. Eltern ohne Liebe für ihre Kinder, Männer ohne Liebe für ihre Frauen, Frauen ohne Liebe für ihre Männer, und das alles in einem Land, das von Katastrophen und Kriegen bedroht ist und aus dem jedes Mitgefühl verschwunden ist. Russland. Andererseits sieht die Gegend um Leningrad da, wo noch Natur ist, so aus, wie schon Tarkovsky uns Russland zeigte. Verschneite weite Flusslandschaften gleich neben Hochhaussiedlungen, vereinzelte Menschen, Kinder auf verschneiten Wiesen. Natur, wie sie ist, ohne Mitleid, ohne Absicht. Zvyagintsev schaut ebenfalls unbeteiligt, und für eine Weile sieht es so aus, als füge er Standbild an Standbild, von der Krümmung des Flusses zu einem alten Baum weiter zu Spiegelungen von dessen Ästen auf der Wasseroberfläche.

Dann wendet er sich einer Schule zu. Sieht die Kinder herausströmen. Sucht sich eines mit rotem Anorak aus und folgt ihm, über die Wiese, den Fluss entlang, lässt es ein Stück Absperrband auflesen und hoch in einen Baum werfen. Dann betritt dieses Kind die Hölle. Sein Zuhause. Die Wohnung, die gerade zum Verkauf angeboten wird, denn die Eltern lassen sich scheiden. Beide wollen ihren Sohn nicht haben. Bis er verschwindet. Und sie gemeinsam mit einer Freiwilligentruppe nach ihm suchen, was sie noch weiter auseinandertreibt.

Es wird Proteste geben

Kein Stück Hoffnung ist in diesem Film, kaum mal eine Wärme, obwohl beide Eltern andere Partner haben. Aber der Vater zahlt der neuen Familie den Verlust der alten heim, und die Mutter nimmt nach vorübergehender Unterbrechung auch im Leben mit ihrem reichen Gönner die intensive Beziehung zu ihrem Smartphone wieder auf.

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Wenn man diesen Menschen zwei Stunden lang zugeschaut hat, fragt man sich: Was ist aus uns geworden? Und denkt an Bergman, der dieselbe Frage stellte und der wie Zvyagintsev ergründen wollte, ob das so sein muss.

Auf den Stufen zu den Sternen fehlen viele Namen. Es wird im Lauf des Festivals, je häufiger wir den Trailer gesehen und die Namen alle gelesen haben, sicher Proteste geben.

Zwanzig Minuten Todd Haynes

Aber selbst wenn sie auf den Stufen fehlen, können Vorbilder oder auch nur unbewusste Paten in den Filmen anwesend sein. So hat etwa Todd Haynes seinen ersten Steven-Spielberg-Film gedreht. Das war nun wirklich nicht zu erwarten. „Wonderstruck“, eine Amazon-Produktion im Wettbewerb, folgt zwei Kindern, einem Mädchen 1927 auf der Suche nach ihrer Mutter und einem Jungen 1977 auf der Suche nach seinem Vater, zwei Versehrten, die sich über die Zeiten hinweg treffen. Das Buch stammt von Brian Selznick („Hugo Cabret“), und wenn man davon absieht, dass wir eine Weile zwei parallelen Filmen zusehen, der eine wie ein Stummfilm inszeniert, schwarz-weiß und ohne Dialog, greift im Drehbuch ein riesiges Rad ins nächste.

In der zweiten Geschichte über den Jungen aus Minnesota dauert alles ebenfalls sehr lange. Doch als er endlich genauso taub ist wie das Mädchen fünfzig Jahre früher und sich das Ganze auf sein Ende zubewegt, und das heißt: als der Junge endlich in New York aus dem Bus steigt, erst da sehen wir für etwa zwanzig Minuten, dass es nicht Spielberg war, der diesen Film drehte, sondern doch Todd Haynes: Die Siebziger in New York sind sein Gebiet, er weiß, wie sich das Leben auf den Straßen anfühlte, wie dreckig es tatsächlich war, wie düster und gefährlich, und welche Musik dazu lief, in diesem Fall „All the Way Down“ von Esther Phillips. Mehr Todd Haynes auch im Rest des Films und weniger kindliches Staunen wären willkommen gewesen.

Ohne Vorurteil, ohne Parteilichkeit

Dass es Referenzen gibt, in diesem Fall ein ganzes Genre, darauf verweist der Titel von Valeska Grisebachs „Western“, der in der offiziellen Nebenreihe Un certain regard zu sehen war. Ihr Film spielt nach einem kurzen Prolog in Bulgarien in der Nähe eines Dorfs, wo eine Truppe deutscher Arbeiter ein Kraftwerk bauen soll, vor allem aber auf eine Kieslieferung wartet.

Ein Pferd taucht auf und begleitet Meinhard, die Hauptfigur unter den anderen Männern, für eine Weile. Einmal wird geschossen. Es gibt Faustkämpfe im Fluss und Nächte am Lagerfeuer und knappe Dialoge, viele von ihnen auf Bulgarisch. Kurze Begegnungen mit Frauen. Eine neue Freundschaft, Skepsis, Gegnerschaften. Das Drehbuch zu diesem Film ist etwa das Gegenteil von „Wonderstruck“, hier wird nicht zu einem Ende hin erzählt, sondern die Figuren und wie ihre Beziehungen sich entwickeln werden beobachtet, distanziert, ohne Vorurteil, ohne Parteilichkeit. Ein Western als Studie von Missverständnissen und Annäherungen, das ist ebenso ungewöhnlich wie ein Spielberg-Film von Todd Haynes, nur bei weitem nicht so enttäuschend.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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