Michael Hanekes „Happy End“

Das kann doch nur böse enden

Von Verena Lueken, Cannes
 - 14:31
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Es konnte durchaus etwas kantiger werden in diesem Festival, es wurde sogar höchste Zeit. Was wäre dazu geeigneter als ein Film von Michael Haneke, einer seiner kalten, schneidenden?

Auch von ihm hat das Festival in diesem Jahr nicht einen seiner besten Filme bekommen. Den großzügigen Schuss Boshaftigkeit, seine Klarsicht, Unsentimentalität und momentweise Wahrhaftigkeit, auch die, hatte Hanekes „Happy End“ dann aber doch zu bieten. Was nicht über den Routineanteil an der Sache hinwegtäuscht, und auch nicht darüber, dass Isabelle Huppert in das Rollenklischee der Geschäftsfrau mit harten Nerven und blutleerem Herzen zu fallen droht. Sie kann das wie keine andere. Aber sie kann eben auch noch etwas anderes, Komplizierteres, das würde man gern auch wieder sehen.

Filmausschnitt
„Happy End“ von Michael Haneke
© X-Verleih, X-Verleih

Mögen kann man „Happy End“ nicht, so distanziert, so brutal ist der Blick dieses Films auf eine Familie in Calais, der eine Fabrik gehört, geleitet von Anne (gespielt von Isabelle Huppert), der Tochter des alten Georges Laurent. Jean-Louis Trintignant spielt ihn, den zweiten Teil des Films im Rollstuhl. Als die Familie, zu der noch Annes unglücklicher Sohn Pierre sowie ihr Bruder Thomas und seine zweite Frau und später auch seine Tochter aus erster Ehe gehören, gemeinsam zu Abend essen und Anne und Thomas zu zanken beginnen, sagt Georges leise, sie sollten das lassen, bis das Essen vorbei ist. Nicht einmal das gelingt. Georges ist dessen müde, seines Körpers müde und auch der Welt. Er ist ein uralter Mann ohne Illusionen, der sterben will. Er fährt mit dem Auto gegen einen Baum, bricht sich aber nur das Bein. Er versucht, seinen Friseur für seine Selbsttötung einzuspannen. Vergebens.

Calais bedeutet: Der Dschungel ist noch da, auf der Straße trifft man immer wieder auf schwarze Menschen. Die Enkelin Eve führt auf ihrem Smartphone eine Art Tagebuch. Thomas chattet pornographisch mit einer Frau, die nicht seine ist. Unverbunden sind diese Menschen wie die Episoden, und fast jede Szene kommt als Überraschung. Dazu scheint die Sonne. „Das Kino“, sagte Isabelle Huppert hier vor ein paar Tagen in anderem Zusammenhang, „ist nicht dazu da, die Freundlichkeit der Welt zu zeigen.“ Wer „Happy End“ gesehen hat, weiß, was sie meint. Und in der ersten Hälfte des Festivals sind fast alle Filme diesem Motto gefolgt. Leere Flächen vor einem Wohnblock, riesige Räume in dem herrschaftlichen Haus der Familie, das Meer. Was den Menschen zustößt, geschieht oft ganz hinten im Bild, eine Schlägerei ebenso wie die Morgentoilette der Tante, die Eve heimlich aufnimmt, und das Zusammentreffen von Georges mit ein paar somalischen Flüchtlingen, mit denen er etwas verhandelt, das wir nicht verstehen können, weil es auf der gegenüberliegenden Straßenseite viel zu weit weg geschieht. Vermutlich geht es auch hier um Hilfe zum Selbstmord, vielleicht will er eine Waffe kaufen, aber die Gruppe lässt ihn stehen und zieht ab.

Nah rückt Haneke seinen Figuren nur einmal. Da ist die Szenerie plötzlich warm in Licht und Farben, und kurz schlägt in ihr dann doch ein Herz. Eve, die Dreizehnjährige, hat eine Menge Pillen geschluckt, ist aber nicht gestorben.

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Der Großvater soll mit ihr darüber sprechen. Sie klopft an, er antwortet, sie bleibt im Türrahmen stehen. Eve ist befangen, Georges nur mäßig interessiert, was sich ändert, als sie einfach dort stehen bleibt und schweigt und ihn direkt anschaut. Auf diese Weise, offen, neugierig, wird er von niemandem mehr angeschaut. Als Eve schließlich ins Zimmer tritt und die Tür hinter sich schließt, erzählt er ihr eine Geschichte. Es ist die vom Ende von „Liebe“, dem Film, mit dem Haneke vor ein paar Jahren hier die Goldene Palme gewann, die Geschichte, wie Trintignant damals seiner Filmfrau, die krank war und ans Bett gefesselt, als das Ende nicht kommen wollte, ein Kissen aufs Gesicht gedrückt und sie erstickt hat. Eve schaut Georges weiter an und schweigt. Er fragt, warum sie sterben wollte, und sie weiß keine Antwort.

Wie ein alter Mann ein sehr junges Mädchen ernst nimmt und mit ihr über den Tod spricht, über einen Mord und einen versuchten Selbstmord, und der Alte berechnend dabei die Beihilfe seiner Enkelin zu seinem eigenen Suizid bereits im Sinn hat, das gehört zum Intimsten, was bisher hier zu sehen war.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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