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Filmfestival Cannes

Nach dem Weltende: Vorfahrt beachten

Von Verena Lueken
 - 16:00

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte dies das Jahr der Französinnen werden. Agnès Varda, die große alte Dame des europäischen Kinos, bekommt eine Ehren-Palme, was wahrhaft eine Ehre ist, wurde diese besondere Auszeichnung doch bisher nur an Woody Allen, Clint Eastwood und Bernardo Bertolucci, die großen alten Männer des Festivals also, vergeben. Und zum ersten Mal seit 1979 eröffnen die Internationalen Filmfestspiele in Cannes mit dem Film einer Regisseurin, mit Emmanuelle Bercots „La Tête haute“. Der Film, der Catherine Deneuve in der Rolle einer Jugendrichterin zeigt, läuft außer Konkurrenz. Auch die Berlinale hatte im Februar mit dem Film einer Regisseurin begonnen, womit den Filmemacherinnen zwar immer noch nicht die gleiche Rolle wie ihren männlichen Kollegen im Festivalalltag zuerkannt ist, aber endlich das Recht, ihrerseits am Eröffnungsabend zu scheitern.

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Es wird also am Anfang und am Ende weiblich und sehr französisch zugehen in Cannes, was nach den bombastischen eröffnenden Glamourveranstaltungen der letzten Jahre („Grace“, „The Great Gatsby“) ein Zeichen zumindest für eines ist: ein starkes Jahr des heimischen Kinos, jedenfalls in den Augen der Programmgestalter in Cannes, die aus den Einsendungen von 1854 Filmen aus aller Welt fünf französische in den Wettbewerb eingeladen haben. Dazu vierzehn weitere, unter anderen drei Italiener, aber nur zwei Amerikaner. Keinen Deutschen.

Und dort, das zeigt der zweite Blick auf den Wettbewerb, bleiben die Männer wieder einmal fast ungestört. Nur zwei Regisseurinnen, beide aus Frankreich, haben es in die wichtigste Sektion des Festivals geschafft: Maïwenn, die 2011 mit ihrem „Polisse“ bereits im Wettbewerb war, sowie die Cannes-Debütantin Valérie Donzelli. Die anderen Franzosen sind Jacques Audiard, Guillaume Nicloux und Stéphane Brizé. Arnaud Desplechin, ein alter Bekannter aus allen Sektionen in Cannes, dessen Filme immer ein Ereignis sind, wurde mit seinem „Trois souvenirs de ma jeunesse“ aufs Nebengleis in die Quinzaine des Réalisateurs eingeladen. Andere altbekannte Konkurrenten um die Goldene Palme sind der Japaner Hirokazu Kore-eda, der Taiwaner Hou Hsiao-hsien und der Chinese Jia Zhang-Ke.

Video-Filmkritik
Video-Filmkritik: „Mad Max Fury Road“

Am Anfang aber wollen alle vor allem einen Film sehen, der außer Konkurrenz läuft und eigentlich kein Festival braucht, weil er gleichzeitig international in Tausenden Kinos startet: „Mad Max: Fury Road“. Dafür gibt es gute Gründe. George Miller zum Beispiel, den Regisseur. Er hat 1979 den wortkargen, mit minimalen Mitteln von Mel Gibson verkörperten Helden Max Rockatansky erfunden und dem ersten zwei weitere Filme folgen lassen. Auch beim vierten führt Miller nun Regie. Das spricht für Hingabe an die Figur. Mel Gibson allerdings musste sich von ihr verabschieden. Der neue Film spielt zwischen dem ersten und dem zweiten (1981), da hätte jede Maskenbildnerkunst versagen müssen. Und Tom Hardy, der neue Max, hat genügend mysteriöses Charisma, um der Figur glaubhaft sein Gesicht und seine Muskeln zu leihen.

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Wobei vom Gesicht in der ersten Hälfte des Films kaum etwas zu sehen ist, weil es hinter einer eisernen Maske verborgen bleibt, die Hardy erst los wird, als er sich aus den Händen des bösesten aller grotesk brutalen, abartig verstümmelten Kriegsherren befreien und auf die richtige Seite im Kampf der wahnsinnigen Sklaven und aufgemotzten Tötungsmaschinen unter grausamen Kriegsherren schlagen kann. Auf der richtigen Seite steht aber vor allem Imperata Furiosa, die Charlize Theron mit natürlicher Begabung für den einarmigen Nahkampf so vollkommen ausfüllt, dass wir Max zwischendurch immer wieder aus den Augen verlieren.

Enttäuschendes Wiedersehen

Seit 2003 ist von diesem vierten „Mad Max“ die Rede, die Latte der Erwartung liegt also sehr weit oben. Was ist es, das wir erwarten? In der Erinnerung waren „Mad Max“ und der zweite Teil („Der Vollstrecker“) der Anfang von etwas ganz Neuem, einem neuen Look, einer neuen Geschwindigkeit, einer neuen Art von Horror, der in der Zukunft lag und mit immenser physischer Wucht, hochgetunten Autos, heulenden Motorrädern, der Ölkrise und punkigen Lederkostümen zu tun hatte. Seitdem sehen Klamotten und Mobiliar der Postapokalypse so aus wie „Mad Max“ in unserer Erinnerung, plaziert in einer staubigen Landschaft unter der hochstehenden Sonne Australiens, bevor vom Ozonloch überhaupt die Rede war.

Beim Wiedersehen halten die alten Filme ihrem Ruf nicht wirklich stand. Die erste Dreiviertelstunde des ursprünglichen „Mad Max“ ruft fatal, weil nicht zu Maxens Vorteil, „Vanishing Point“ von 1971 ins Gedächtnis, aus dem kaum noch hervorzukramen ist, wovor wir uns damals eigentlich gefürchtet haben. Im Bilderfundus fürs Leben nach dem Untergang der Welt sicher verstaut, sind die Erinnerungen an „Mad Max“ lebendiger als ihr Quellenmaterial.

Am Ende keimt Hoffnung

Was also kommt im vierten Teil? Fügt er etwas hinzu? Ruft er etwas wach? Macht er Spaß? Oder Angst? Von allem etwas, außer der Angst. Was ein Look war und weiterhin auf deutlich raffiniertere Weise ist, kommt inzwischen ohne Substanz aus. Dafür ist die Action-Choreographie von erlesenem Einfallsreichtum und einem bei aller Lautstärke schlafwandlerischen Rhythmusgefühl, dem man sich vollkommen anvertrauen kann, so sicher werden hier die Kollateralschäden mit Überraschungseffekten gepaart, längere Sequenzen mit kurzen Clips. Für einen langen Tag, den ersten Teil, ist der Grundton Rot - wie die Wüste, wie die Sonne, wie die Feuer, die an zahllosen Stellen des Breitwandbildes entfacht werden, wenn sich Fahrzeuge ineinander verkeilen, übereinander herfallen wie hungrige Monster, durcheinandergetrieben werden von irre lachenden kahlköpfigen Kriegern, die ihren Herren im Versprechen auf ein Paradies im Jenseits bis in den Tod ergeben sind. Und für eine lange Nacht, den zweiten Teil, gefriert das Geschehen in graublauer Unwirklichkeit, bis am Ende tatsächlich ein wenig Grün sichtbar wird. Gras!

Das steht auf dem Spiel. Gras! Wasser, um genau zu sein, um wieder etwas wachsen zu lassen. Dass dies nicht an einem Ort möglich sein würde, der „the green place“ heißt, liegt auf der Hand.

Alles bleibt offen für eine Fortsetzung. Sie könnte erzählerisch etwas ausgefeilter sein. In Cannes aber werden wir vermutlich im offiziellen Programm, zu dem „Mad Max: Fury Road“ ebenso gehört wie die Verfilmung des „Kleinen Prinzen“, nichts ähnlich unverblümt Testosterongetriebenes mehr zu sehen bekommen. Mag sein, dass wir das nach einer Weile mit gepflegteren Werken noch bedauern könnten.

Täglich Neues aus Cannes gibt es von Donnerstag an im Blog unter www.faz.net/cannes

Quelle: F.A.Z.
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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