„Tully“ im Kino

Mami, wie siehst du denn aus?

Von Julia Dettke
 - 09:02

Natürlich ist es toll, dass das Kino so oft Figuren zeigt, die stärker und schöner, eleganter und schlagfertiger sind als man selbst und denen man dabei zusehen kann, wie sie ihr Leben und ihre Liebesziehungen in glücklicher, gleichbleibend gutaussehender Heldenhaftigkeit meistern. Probleme begegnen auch dieser Heldenhaftigkeit mal, klar – sonst könnte sie sich ja nicht beweisen. Zu diesen Problemen zählen aber normalerweise nicht Dinge wie Mutterwerden oder In-einer-langen-Beziehung-Sein. Kommende Woche im Kino aber doch. Und da kann man dann sehen, dass es sogar noch toller sein kann, Figuren zu sehen, die erschöpft und wütend, merkwürdig und frustriert sind und die man für die Entschlossenheit bewundert, mit der sie dieser Frustration Ausdruck verleihen, nicht ihrer Perfektion. Erst recht, wenn es die Entschlossenheit von Charlize Theron ist.

Charlize Theron hat mit dieser Entschlossenheit für ihre Hauptrolle in „Tully“ von Jason Reitman erst einmal 25 Kilo zugenommen. Einen Fatsuit können andere tragen, sie stellte sich lieber den Wecker auf drei Uhr morgens, um eine große Portion Maccharoni ’n’ Cheese zu verspeisen.

Tagsüber keine Mahlzeit mehr ohne Milchshake, und dass sie von den ungewohnten Mengen an Zucker und Fastfood Depressionen bekam, fand Theron ebenfalls hilfreich für die Vorbereitung auf ihre Rolle. Das ist nicht das Wichtigste an dem Film oder an ihrem Spiel darin, aber es zeigt ziemlich gut den Einsatz, den sie in ihrem Job immer wieder bringt und der vermutlich etwas damit zu tun hat, warum man ihr bei dem immer wieder so wahnsinnig gerne zusieht.

In „Tully“ spielt sie Marlo, Ende dreißig, die gerade ihr drittes Kind erwartet. „Du leuchtest ja richtig“, sagt ihre Schwägerin zu ihr. „Ich fühle mich eher, als käme ich gerade von diesem Müllschiff, das in den achtziger Jahren in Brooklyn ankam und dann verbrannt wurde.“ Abgesehen davon, dass Marlo sowieso gern das Gegenteil dessen sagt, was ihr Gegenüber erwartet, ist sie tatsächlich ziemlich erschöpft. Ihr kleiner Sohn hat autistische Tendenzen und häufige Wutanfälle, ihr Mann ist zwar irgendwie auch noch da, überlässt aber ganz selbstverständlich ihr die Verantwortung für das Funktionieren des Familienalltags.

Als ihr besorgter Bruder Marlo dann zur Geburt eine „Nightnanny“ schenkt, ist sie erst einmal skeptisch: „Das klingt wie ein schlechter Film, in dem die Nanny am Ende alle umbringt, und nur die Mutter schwer verletzt aus dem Haus taumelt.“ Dann aber steht Tully (Mackenzie Davis) vor ihr: Mitte zwanzig, voller Energie und Babyliebe, und Marlo kann endlich wieder schlafen: „It’s like I can see color again.“

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Kinotrailer„Tully“

„It’s like I can see mothers again“, möchte man beim Zuschauen sagen. Regisseur Jason Reitman hat schon bei „Juno“ 2007 zusammen mit Drehbuchautorin Diablo Cody (Drehbuch-Oscar für Cody) eine schwangere Teenager-Hauptfigur erfunden, die mit keinem einzigen Klischee zu tun hat. Wenn Reitman, Cody und Theron jetzt für „Tully“ zusammenkommen, um vom Muttersein zu erzählen, ist es also kein Wunder, aber trotzdem ein großes Glück, dass diese rauhe, nur ein kleines bisschen tragische und dafür sehr feministische Tragikomödie dabei herauskommt. Selbst der phantastische Twist am Ende ist kaum vorhersehbar. Und bis dahin: viele denkwürdige Momente in dieser glücklichsten aller unglücklichen Familien. Hätte Tolstoi „Tully“ gesehen, wüsste er: Nicht alle glücklichen Familien sind auf die gleiche Weise glücklich. Es gibt da noch Marlos Familie.

Quelle: F.A.S.
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