Filmfest in Jerusalem

Tödlich politische Äußerlichkeiten

Von Bert Rebhandl
 - 21:13

Der israelische Polizist Salim Barakat starb im März 2002, als er in Zivil einen Attentäter stellte, der gerade ein Restaurant in Tel Aviv angegriffen hatte. Als offizielle Todesursache wurde eine Durchtrennung der Halsschlagader angegeben: Dem sterbenden Terroristen war es noch gelungen, Salim mit einem Messer eine tödliche Wunde zuzufügen. Viele Jahre nach dem Ereignis steht diese Version allerdings stark in Zweifel. Denn es war auch noch ein Zivilist am Tatort, der mehrere Schüsse abgab. Der Verdacht steht im Raum, dass er es war, der Salim Barakat getötet hat, und zwar wegen eines Missverständnisses: Er hielt den Polizisten, der zur Minderheit der Drusen gehörte, für den Attentäter und zielte deswegen auf ihn. Für ihn sah Salim Barakat wie ein Araber aus.

Am vergangenen Sonntag lief der Film „Cause of Death“ von Ramy Katz, der diesen Fall neu aufrollt, am letzten Tag des Jerusalem Film Festivals just an dem Nachmittag, an dem in Tel Aviv neuerlich viele Menschen gegen das neue Nationalitätengesetz auf die Straße gingen, das Israel noch stärker zu einem ethnisch (und religiös) geprägten Staat machen soll. Die Drusen fühlen sich durch die Zurückstellung der Minderheiten besonders ungerecht behandelt, sie sehen sich als vollwertige Staatsbürger, dienen auch in der Armee und in den Polizeikräften, werden nun aber mehr denn je zu Bürgern zweiter Klasse.

Äußerlichkeiten spielen dabei eine Rolle, wie man aus „Cause of Death“ ersehen kann – die neue Staatsideologie hat eindeutig hautfarbliche Aspekte. Die Hintergründe für das Gesetz sind nicht schwer zu durchschauen, auch auf dem Filmfestival waren sie höchst präsent: Zum einen wächst in Israel schon seit vielen Jahren das Gewicht der jüdischen Frommen, zum anderen geht es um Machtmechanik und um den einen Politiker, der dem Land inzwischen schon länger seinen Stempel aufdrückt, als dies jemals einem Vorgänger gelungen ist: Benjamin Netanjahu oder „King Bibi“, wie er in einem Dokumentarfilm genannt wird, der nach den Geheimnissen dieser Karriere sucht.

King Bibis Geheimnis

Dan Shadur heißt der Regisseur, der in die Archive ging, um einen Populisten zu verstehen, der Israel seit den 90er Jahren auf nationalistischen Kurs gebracht hat. „King Bibi“ lief beim Jerusalem Film Festival passenderweise zwei Stunden nach „The Oslo Diaries“, einem anderen Dokumentarfilm, in dem das Scheitern des Friedensprozesses zwischen Yitzhak Rabin und Yassir Arafat (vor allem aber zwischen deren diplomatischen Mitarbeitern) noch einmal als Startrampe für Netanjahu gezeigt wird. Mehr als 20 Jahre nach der Ermordung von Rabin durch einen jüdischen Fundamentalisten arbeitet sich Israel und auch das israelische Kino immer noch an dieser fatalen historischen Weichenstellung ab.

Eine der kleinen analytischen Gehässigkeiten in „King Bibi“ besteht darin, dass im Leben des in Amerika aufgewachsenen Netanjahu schon früh immer wieder ein Mann auftaucht, den Shadur deutlich schon in jüngeren Jahren als Freak erscheinen lässt: Donald Trumps Mission als Präsident ist aus der Perspektive des „Heiligen Lands“ gesehen eigentlich nur eine späte Bestätigung für Dynamiken, die der radikale Pragmatiker Netanjahu mit den jüdischen Siedlern schon viel früher bestärkt hat.

Als Geheimnis von „King Bibi“ weist Dan Shadur letztlich eine Darstellungstechnik aus: „Die Kunst des furchtlosen Sprechens“, wie Netanjahu sie sich in „acting classes“ und nach Tonbändern der Schauspielerin Lilyan Wilder angeeignet hat, setzt alles auf eine selbstgewisse, sonore Stimme – wer sich auf diese Weise Luft machen kann, muss sich dann nicht mehr lange mit Verhandlungslösungen herumschlagen. Allerdings steht am Ursprung der Machtlust von Netanjahu für Shadur eine Stellvertretung: Er schließt die Lücke, die sein Bruder Yoni hinterließ, ein vielen Erinnerungen nach brillanter Mann, der die weltberühmt gewordene Kommandoaktion zur Beendigung einer Flugzeugentführung auf dem Flughafen von Entebbe 1976 leitete – und dabei ums Leben kam. Es war dieses Ereignis, das Benjamin Netanjahu veranlasste, von Amerika nach Israel zu gehen und sich dort politisch zu betätigen. Die starke Verbindung zwischen dem amerikanischen und dem israelischen Judentum ist auch auf dem Jerusalem Film Festival deutlich zu sehen. Allerdings mischen sich in diese Allianz, die durch viele Verwandtschaftsbeziehungen bekräftigt ist, auch die Enttäuschungen darüber, dass beide Länder nicht gerade in Richtung Liberalität unterwegs sind.

Alte Geschichten

Immerhin sind die Orthodoxen aber in Jerusalem beim Filmfestival doch vertreten. Einer der markantesten Momente kam anlässlich der Wiederaufführung von „Life According to Agfa“, dem Film von Assi Dayan aus dem Jahr 1992, in dem das apokalyptische Gefühl am Vorabend der Bemühungen um die Oslo-Abkommen eingefangen wurde und der heute einer der bekanntesten israelischen Filme überhaupt ist. Eine der wichtigsten Figuren dort ist der Barpianist Czerniak, der mit seinen improvisierten Balladen den Reim auf die nihilistische Stimmung macht. Die Vorstellung von „Life According to Agfa“ wurde zu einer Zeitreise, mit dem Höhepunkt eines Auftritts von Dani Litani, der damals den Czerniak spielte: Inzwischen ist Litani religiös geworden, er trat im traditionellen Gewand auf und sang noch einmal ein Lied von damals. Es klang wie eine Absage an eine ganze Ära.

Zu dieser Szene gab es eine Entsprechung in dem Lebensbericht von Uri Zohar. Er war einmal ein bedeutender Filmemacher, zum Beispiel mit dem anarchischen „Loch im Mond“ (1964). In den 1970er Jahren wurde er religiös und wirkte danach als Rabbiner. In dem Porträtfilm „Zohar – The Return“ erzählt er nicht nur auf sehr beeindruckende Weise von seiner Konversion, er gibt auch Einblick in eine kinematographische Subkultur: Denn die Orthodoxen machen längst ihr eigenes („züchtiges“) Kino, in dem die Regeln penibel beachtet werden. De facto ist das eine Art Guerrilla-Industrie, von der es inzwischen auch eine Branche nur für Frauen gibt, mit eigenen Vertriebskanälen in aller Welt und Jiddisch als neuer, alter Verkehrssprache.

Dass es die eine jüdische Orthodoxie nicht gibt, ist eine Binsenweisheit, die sich während der hochsommerlichen Festivaltage zu Füßen des Zionsbergs in Jerusalem aber vielfach bestätigt hat. Das andere, das arabische Jerusalem ist von diesem kulturellen Ereignis ohnehin weit entfernt. Das hat nicht zuletzt mit den Gründungsumständen des Jerusalem Film Festivals Mitte der 80er Jahre zu tun: Es richtet sich an das liberale Establishment in der Stadt und damit an eine Gruppe, die ihrerseits unter Druck geraten ist. Da müssen neue Geschichten dann manchmal warten, weil die Relektüre alter Geschichten viele Kräfte bindet.

Quelle: F.A.Z.
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