Dokumentarfilm über Milch

Vom Gras ins Glas?

Von Bert Rebhandl
 - 07:55

Für den Landwirt Alexander Agethle hat die Welt einen Radius von gerade einmal 200 Kilometern. Was jenseits davon liegt, damit will er nichts mehr zu tun haben. Denn er betreibt einen Hof, den er als „beseelt“ bezeichnet, und diese Beseelung lässt sich nicht beliebig verschicken, schon gar nicht auf einen Weltmarkt, für den er die Milch vielleicht zuerst pulverisieren müsste, bevor sie dann in Maschinen in fernen Ländern wieder zu einem Käse gemacht würde, der nichts mehr von seiner Herkunft aus einem hinteren Winkel in Südtirol weiß.

In dem Dokumentarfilm „Das System Milch“ von Andreas Pichler vertritt Agethle so etwas wie die Idealposition einer nichtentfremdeten Landwirtschaft, die mit dem Marketing zwar auch schon längst im Internetzeitalter angekommen ist, die den Weg der Milch „vom Gras ins Glas“ (oder in den Käse beziehungsweise „Kas“) nicht unbedingt auf die Lieferdistanzen der globalisierten Warenströme ausdehnen möchte.

Dokumentarfilme nähern sich den „Systemen“

Dass die Milch ein System hat oder wohl sogar eher eines ist, das ist eine Behauptung, mit der Pichler nicht viel riskiert. Im Gegenteil zeigt sich gerade auf dem Feld des deutschsprachigen Dokumentarfilms, dass hier schon seit geraumer Zeit ein nachgerade systemtheoretisches Interesse zu erkennen ist. Vielfach versucht man, einen Schlüssel zu den Verhältnissen der Gegenwart zu finden: über die Dinge, die wir wegwerfen („Kommen Rührgeräte in den Himmel?“), oder über die Frage, wo eigentlich der Strom herkommt („Power to Change – Die Energierebellion“), oder eben über die Landwirtschaft als Teilsystem der Wirtschaft („Bauer unser“).

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Die Milch steht dabei als Naturprodukt par excellence neben dem Brot, das schon ein paar Verarbeitungsschritte weiter ist. In ihrer Form zeigen diese Filme alle Spielarten von der Kontemplation („Unser täglich Brot“) bis zum neueren Agitprop („Let’s Make Money“), und sie schließen dabei in unterschiedlicher Form an Klassiker wie Peter Kriegs „Septemberweizen“ (1980) an, in dem auch schon eine Form von globaler Landwirtschaft in den Blick kam, die weder den Produkten noch den Menschen zuträglich erschien. 1975 hatte Krieg übrigens auch schon einen Film über „Flaschenkinder“ gemacht, in dem er anprangerte, wie der Nestlé-Konzern mit seinen Milch(pulver)produkten in den (damals noch so genannten) Entwicklungsländern aggressiv auf die Märkte drängte.

Der Unterschied zwischen Milch und Milchpulver ist so augenscheinlich und chemisch irreführend, dass man sich fast wundert, dass Andreas Pichler, der als Kind selbst Kühe gehütet hat und sich nun für das „System Milch“ interessiert, nicht ein wenig näher darauf eingeht. Im Grunde hätte er hier ein nicht zuletzt visuelles Motiv, an dem sich die allgemeine Tendenz zur Rationalisierung auch in der Milchproduktion gut erhellen ließe. An so einer Kuh, die allerdings auch bei Pichler kaum einmal im Singular oder gar mit Namen auftritt, wie es auf Höfen mit 700 oder mehr Tieren kaum noch möglich ist, machen sich eben die Dynamiken bemerkbar, die insgesamt in der menschlichen Geschäftstätigkeit schon lange zu beobachten sind.

Der Blick richtet sich nur auf die großen Zusammenhänge

So wird die Fütterung so weit wie möglich automatisiert, auch das Melken: Eine Frau unbekannter Nationalität, die Sorge dafür trägt, dass die Melkstutzen auch korrekt sitzen, bekommt offensichtlich des öfteren etwas von den Tieren ab – es ist einer der Momente, an denen in „Das System Milch“ die Neugierde konkret werden könnte, aber es ist auch einer der Momente, in denen selbst ein kritischer Dokumentarist wie Andreas Pichler es eilig hat. Denn es geht ja um die großen Zusammenhänge, und da bleibt für ein Interview mit einer Billigarbeitskraft keine Zeit. Es wäre wohl auch nicht so, dass man von dieser Frau etwas Neues erfahren würde, allerdings ist der Faktor Arbeitskraft in Pichlers System fast so etwas wie ein blinder Fleck. Das ist aber nicht ganz überraschend in einem Zusammenhang, in dem noch bei beträchtlichen Unternehmensgrößen die älteren Logiken des Familienbetriebs weiterhin vorgeschützt werden.

Die großen Tendenzen in der Milchwirtschaft sind alle nicht unbekannt; es ist aber doch ein Unterschied, ob einem ein Wissenschaftler auf einer saftigen grünen Wiese erklärt, was es mit dem Stickstoffkreislauf auf sich hat (Kühe sind „lebende Kraftwerke“, denen zur Leistungssteigerung viel „überseeisches Protein“ zugeführt wird, dass dann „unsere Flächen“ belastet). Früher haben die Kühe aus Gras Eiweiß gemacht, heute kommt das Eiweiß aus dem Regenwald, und aus Kraftfutter wird Kraftbutter. Nur die Gülle muss irgendwo hin.

Nicht alle Faktoren können beleuchtet werden

Bezeichnenderweise hat Pichler von den deutschen Bauernvertretern keinen vor die Kamera bekommen oder geholt. Mit der Interessenswahrung der Landwirtschaft ist es ja eine komplizierte Sache, schon allein deswegen, weil das System Milch viel zu differenziert ist, um einfach mit einer Quote in Brüssel gut bedient zu sein.

Dass die Befürchtung „Die Chinesen saufen uns leer“ (die umgekehrt auch einer Goldgräberstimmung entsprach, denn in China müssen die Menschen erst an das „weiße Lebenselixier“ gewöhnt werden) zu der heutigen Überproduktion für einen gnadenlos auf die Preise drückenden Weltmarkt geführt hat, wäre eine eingehendere Analyse wert gewesen – und zeugt davon, dass auch bei einem so genau definierten Teilsystem wie der Milchwirtschaft ständig so viele unterschiedliche Logiken wirksam sind, dass der Systemüberblick, wie Pichler ihn versucht, schnell ein wenig zu einem Leitartikel mit verteilten Rollen werden kann.

Film kann neue Diskussionsgrundlage schaffen

Die Implikationen dieses konkreten Films sind aber doch deutlich genug und lassen sich auf größere Systeme und schließlich wohl auf die kapitalistische freie Marktwirtschaft mit ihren vielfältigen Monopol- und Hegemonialtendenzen übertragen: Milch ist beileibe nicht einfach ein Naturprodukt, sondern eher ein maximal auf Effizienz hin optimiertes Industrieprodukt, bei dem ein Organismus zwischengeschaltet ist. Die Kühe tragen dies buchstäblich aus: sie werden sofort nach einer Kalbung wieder besamt, und haben häufig schmerzhaft überdimensionierte Euter. Hier wird „Das System Milch“ auf eine Weise augenscheinlich, die sich auch für Plakate und Polemik eignen würde.

Kinotrailer
„Das System Milch“
© Tiberius film, Tiberius film

Auf konkrete Handlungsoptionen auch für Einzelne will Andreas Pichler nicht hinaus. Er weiß, dass das Lebensmodell der Agethles – Familienjause nach rechtschaffen getaner Arbeit – auch so unmittelbar mehr einleuchtet als die Plastikbeutel, die ein Molkereibetreiber im Senegal aus dem Kühlschrank holt. Er zeigt diese Beutel, weil er mit ihnen nicht konkurrieren kann. „Das System Milch“ zeigt die Fehleranfälligkeit des Systems Mensch angesichts des Systems Natur immerhin auf eine Weise, dass man eine Diskussionsgrundlage gewinnen könnte, die über die bloße Sehnsucht nach einem Kurzschluss vom „Gras ins Glas“ hinausführen kann.

Quelle: F.A.Z.
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