Debatte um Quentin Tarantino

Sind Mörder Mörder?

Von Verena Lueken
 - 14:04

Es ist ein jämmerliches Männlein, das da bei Fox News interviewt wird, unter der Kamera durchschaut und sagt, es sei der biologische Vater von Quentin Tarantino und dieser Sohn sei „dead wrong“, wenn er die Morde von Polizistenhand in den vergangenen Monaten und Jahren an unbewaffneten und häufig schwarzen Zivilisten Morde nenne. Die Überschrift des Beitrags bei Sean Hannity heißt „War on Cops“, und wer das angesichts dieses Männchens und der Toten auf den Straßen und in Polizeigewahrsam in letzter Zeit für einen Witz hält, irrt sich.

Was ist passiert? Quentin Tarantino hatte am 24. Oktober in New York an einer Demonstration teilgenommen. Dreihundert Menschen waren versammelt, um gegen Willkür und Gewalt von Polizistenhand zu demonstrieren. Und Quentin Tarantino hatte die Bühne betreten und in der ihm eigenen nicht eleganten, aber selbstgerechten Art gesagt, was zu sagen war: Ich muss einen Mord einen Mord nennen, und ich muss Mörder Mörder nennen. Nicht gesagt hat er: Alle Polizisten sind Mörder. Das hat er kürzlich in einem Gespräch zur Schadensbegrenzung in der „Los Angeles Times“ noch einmal betont.

Das Gesetz, das die freie Rede schützt

So aber wollen es offenbar nicht nur die Hetzansager bei Fox News verstehen, sondern auch die Polizeigewerkschaften und andere Standesorganisationen überall im Land, einschließlich New York und Los Angeles. Sie haben zum Boykott von Tarantinos Film „The Hateful Eight“ aufgerufen, der am Weihnachtstag in die amerikanischen Kinos kommt, und eine Entschuldigung von Tarantino gefordert. Wofür genau er um Entschuldigung nachsuchen könnte, lässt sich dem Wortlaut seiner Äußerungen nicht entnehmen, und also wird er es vermutlich bleiben lassen.

Kinotrailer
„The Hateful 8“
© The Weinstein Company, Universum Film GmbH

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Boykottdrohung über Erfolg oder Misserfolg des Films entscheiden wird. Auch bewegen sich Tarantino wie die Polizeivertreter und selbst das Männchen Tony Tarantino bei Sean Hannity in den Grenzen des Gesetzes, das die freie Rede schützt. Erstaunlich ist aber zweierlei. Dass die Äußerung eines weißen Filmemachers vor einem Häuflein Aufrechter, die an Michael Brown, Amadou Diallo, Akai Gurley, Freddie Gray, Antonio Guzman Lopez, Janisha Fonville, Justus Howell, Darius Pinex und andere Opfer von Polizeigewalt erinnerten, derartige Kreise zieht. Und dass sich von den Seinen keiner auf Tarantinos Seite schlägt. Sein Produzent und Verleiher Harvey Weinstein sagt, Tarantino spreche für sich selbst. Seine Mitarbeiter schweigen. Einzig Jamie Foxx rief ihm bei einer Veranstaltung zu, er solle „weiter die Wahrheit sagen“. Jamie Foxx ist schwarz.

Einer, der Amerika verstanden hat

Dass Tarantino sich als Weißer geäußert hat, scheint Teil des Problems in der Öffentlichkeit zu sein. Und das ist insofern komplex, als Tarantino, der in seinen Filmen aus vollen Eimern das N-Wort in die Dialoge kippt, mit schwarzen Kritikern immer wieder deswegen aneinandergeriet. Immer noch herrscht in der öffentlichen Meinung Amerikas eine Art Apartheid, die Samuel L. Jackson etwa oder Kanye West vergleichbare Äußerungen erlaubt, die Tarantino angekreidet werden.

Das Männchen nun, das bei Fox News so hilflos daherredete, dass ihm der Moderator ständig ins Wort fiel, hat sich immer wieder einmal geäußert, wenn sein Sohn gerade im Gerede war. Dieses Mal wurde er von der „Daily Mail“ über „USA Today“ zu eben Fox News durchgereicht und sagte überall dasselbe, auch der „New York Post“. Sie berichtete, Tony halte die amerikanischen Polizisten nicht für Mörder, sondern für Helden, und er bringe im nächsten Jahr zwei Filme heraus, die seinen Standpunkt unterstützten. Ist das nicht großartig? Hier spricht einer, der Amerika verstanden hat.

Vater gegen Sohn

Quentin Tarantino seinerseits hat bei anderer Gelegenheit betont, er kenne seinen Vater nicht, habe ihn nie getroffen, sei nicht mit ihm aufgewachsen, und überhaupt könne sich dieser Mann nur Schauspieler, Regisseur und Produzent nennen, weil er seinen, den Namen des Sohnes trage.

Vater gegen Sohn. Ein Weißer auf Seiten der Schwarzen, wenn auch manche vermuten, es stecke einiges Kalkül dahinter. Es wird, so scheint es, wirklich ernst in der amerikanischen Gesellschaft. Im Sinne von: die Widersprüche, Brutalitäten, Gefahren lassen sich nicht länger als ideologische Grabenkämpfe verharmlosen. Die berühmten Menschen in Hollywood gehören gemeinhin nicht zu den Ersten, die das bemerken. Ihr politisches Engagement beschränkt sich in der Regel auf das Einsammeln von Wahlkampfspenden. Wenn sie die Stimme erheben, unabhängig davon, ob es ihnen mächtige Feinde macht, ist die Lage fast schon hoffnungslos.

So muss man vermutlich verstehen, dass sich gestern Alejandro González Iñárritu und Diego Luna mit anderen prominenten hispanischen Künstlern an den Fernsehsender NBC gewandt haben, um Donald Trump als Gastgeber einer Ausgabe von „Saturday Night Live“ zu verhindern. Sie befürchten, er gewinne neben seinen regulären Auftritten in politischen Talkshows in dieser Satiresendung ein neues Publikum für seine rassistischen Ansichten, seinen „Fremdenhass, Machismo, Intoleranz und religiösen Dogmatismus“. Was wird geschehen, wenn Quentin Tarantino sagt, recht haben sie? Oder Samuel L. Jackson?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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