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Film „Die beste aller Welten“

Weiß ein Kind, was Sucht ist?

Von Florian Kölsch
 - 18:49
Gelebte Nähe zwischen Mutter und Sohn: Verena Altenberger und Jeremy Miliker in „Die beste aller Welten“. Bild: Filmperlen, F.A.Z.

Ende der Neunziger wohnt Helga Wachter (Verena Altenberger) in einer Wohnsiedlung am Rande von Salzburg mit ihrem siebenjährigen Sohn Adrian (Jeremy Miliker). Sie machen regelmäßige Ausflüge in den Park oder an die Salzach, der Sohn liest seiner Mutter gerne seine selbstgeschriebenen Geschichten über den Abenteurer Ronan vor – sein imaginärer Held, denn er will selbst gerne Abenteurer werden. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist eng – auch weil Helga mit der Erziehung des Jungen allein ist. Stiefvater Günter Goiginger (Lukas Miko) wohnt nur gelegentlich bei den beiden und schert sich wenig um den Jungen. Er ist drogenabhängig. So wie Helga selbst.

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Das Leben der kleinen Familie wird merklich durch das fragwürdige soziale Umfeld der Mutter beeinträchtigt: Die Wohnung der Wachters wurde vom Junkie-Bekanntenkreis zum regelmäßigen Treffpunkt auserkoren, so auch vom Dealer Michael (Michael Pink) – von allen nur „der Grieche“ genannt – der nicht einmal mehr die Haustür benutzt, sondern über den Balkon in die Wohnung klettert. Er fühlt sich stets willkommen, seine Drogen werden nicht nur vor Ort verkauft, sondern fatalerweise auch dort konsumiert. Das Wohnzimmer wird zur Drogenhöhle, das Schlafzimmer der Mutter zur Fixerstube.

Von der Realität eingeholt

Der kleine Adrian erlebt Alkohol- und Drogenkonsum in seinem unmittelbaren Umfeld, die Abhängigen belagern seinen Rückzugsraum. Wenn die Mutter nach dem Konsum weggetreten ist, steht er den gescheiterten Männern sogar allein gegenüber – sie sehen Adrian als eine Art Maskottchen der Truppe, als einen Spaßmacher, den sie auch mal eine Zigarette rauchen oder am Bier nippen lassen.

Ihr Dasein als Drogenjunkie mit ihrer Mutterrolle zu vereinbaren wird für Helga immer schwieriger: Sie erfindet Erklärungen oder Spiele für ihren Sohn, um ihre Abhängigkeit vor ihm zu verheimlichen. Wenn beispielsweise der Beauftragte des Jugendamts, Herr Hütter (Michael Fuith), wegen der amtlich bekannten Abhängigkeit der Mutter vorbeischaut, kündigt Helga diesen als „Aufräumbehörde“ an, bittet ihren Sohn noch schnell die oft unordentliche Wohnung präsentabel zu machen. Trotz ihrer Sucht versucht Helga den Alltag von Adrian harmonisch zu gestalten: dem Sohn eine unbesorgte Kindheit und ihre ganze Mutterliebe zu geben, aber auch ihre Abhängigkeit zu regulieren. Doch die Realität holt sie ein, als ihre größte Angst wahr zu werden droht: Man will ihr ihren Sohn wegnehmen.

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„Die beste aller Welten“ ist ein Drogenfilm, der den Effekt der Droge – nämlich den Verfall – zwar realistisch dokumentiert, aber nicht in den Vordergrund stellt. Der Film stellt eher die Sehnsucht nach dem in den Fokus, was ohne die Droge möglich wäre: ein geregeltes Leben. Die Abhängigkeit von Helga und ihren Freunden wird ohne Hang zur Belehrung behandelt, die Menschlichkeit der Akteure in den Vordergrund gerückt. Zudem geht der Film nicht voyeuristisch beim Konsum vor. Der einzige Nadelstich, den man sieht, ist der eines Amtsarztes in den Arm von Mutter Helga während einer Drogenkontrolle. Damit unterscheidet sich „Die beste aller Welten“ klar von einschlägigen Filmen des Genres wie Darren Aronofskys psychologischem Albtraum „Requiem for a Dream“ oder Uli Edels „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, der Generationen deutscher Mittelstufenschüler durch explizite und bewusst schockierende Bilder von Drogenkonsum traumatisiert hat.

Weniger Schock, mehr Sensibilität

Ein Grund für diese Distinktion ist sicherlich die Erzählweise des Films: In „Die beste aller Welten“ erlebt der Zuschauer die Abhängigkeit der Mutter aus der Sicht des jungen Adrian. Da seine Aufmerksamkeit wie bei den meisten Kindern meist auf die Mutter gerichtet ist, folgt die Kamera ihr, schaut aber auch in den Momenten bewusst weg, wenn die Mutter sich einen Schuss setzt. Adrian sieht den Drogenkonsum nie direkt – da die Mutter (und somit auch die Kamera) ihn davor schützt; somit bleibt auch dem Zuschauer der Blick verwehrt. Adrian erkennt die Veränderungen bei seiner Mutter erst danach – und fragt ganz offen, wie es Kinder eben tun: „Ist die Mama im Arsch?“

Der Film schafft es – ohne irgendwelche Schockbilder zu zeigen –, das Thema Abhängigkeit auf eine greifbare Ebene zu bringen, die für Zuschauer sämtlicher Altersklassen verständlich ist. An einer Stelle im Film fragt Helga ihren Sohn, ob er denn wisse, was „Sucht“ sei. Dieser antwortet: „Sucht ist, wenn man was hat und das dann unbedingt wieder haben muss.“ Es bedarf keiner Aufnahme einer Nadel im Arm, um zu versinnbildlichen, worum es bei einer Abhängigkeit geht.

Regisseur Adrian Goiginger inszeniert die Geschichte mit einem berührenden Realismus und vor allem einer enormen Menschlichkeit; die Konsumierenden werden zu keiner Zeit bloßgestellt. Die Sensibilität im Umgang mit dem Thema ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass der Regisseur im Film seine eigene Geschichte erzählt. Zusammen mit seiner Mutter Helga Wachter und ihrem Lebensgefährten Günter Goiginger wuchs Adrian Goiginger in Salzburg auf, im Film schildert er die Erinnerungen aus seiner Kindheit – aus dem Blickwinkel seines siebenjährigen Selbst.

Ebenjene ungewöhnliche Perspektive ist das Alleinstellungsmerkmal von „Die beste aller Welten“ und macht den Film zur Bereicherung für ein traditionsreiches, aber leider oft einseitiges Genre: Eine Milieustudie über Drogenabhängige aus einer Kinderperspektive erzählen zu lassen gibt der düsteren Thematik den oft fehlenden Schimmer kindlich-naiver Hoffnung.

Fulminante Darsteller

Der unerwartet lebensbejahende Zugang war vielleicht auch ein Grund dafür, warum der Film beim Festivalpublikum gut ankam: Auf der diesjährigen Berlinale, wo der Film Weltpremiere feierte, gewann „Die beste aller Welten“ den Preis für das beste Debüt, beim renommierten Filmfestival Diagonale in Graz den Publikumspreis sowie den Preis für die beste Hauptdarstellerin. Preisträgerin Verena Altenberger erweist sich als unglaubliche Entdeckung: Bisher primär bekannt als polnische Pflegekraft in der RTL-Sitcom „Magda macht das schon!“, triumphiert Altenberger, die selbst gebürtig aus dem Salzburger Land stammt, hier auf der großen Leinwand. Sie trumpft in der Rolle der Mutter fulminant auf, ihr Spiel ist aufopferungsvoll, empathisch, herzzerreißend. „Ich kann nimmer“, schreit sie in einer Szene, unter der Belastung zusammenbrechend – der Zuschauer bricht mit ihr zusammen.

Altenberger bildet zusammen mit dem überaus talentierten und gerade einmal acht Jahre alten Adrian-Darsteller Jeremy Miliker das Zentrum des Films: Die Kamera ist stets nah bei den beiden, beide reden im Salzburger Dialekt. Es wird somit eine Authentizität geschaffen, die dem Film eine neorealistische Note verleiht.

Mit „Die beste aller Welten“ ist Adrian Goiginger ein Film über ein Leben im Spagat gelungen, ein beachtlicher Umgang des Regisseurs mit der eigenen Erinnerung – und ein notwendiger Perspektivwechsel auf Drogenabhängigkeit, ein Sujet, das es gesellschaftlich wie auch cineastisch verdient hat, ohne Stigmatisierung existieren zu können. „Die beste aller Welten“ ist ein Film über eine Mutter-Sohn-Liebe, die auch durch die Sucht nicht zerstört werden kann. Was für das Kind selbst nun „Die beste aller Welten“ ist, kann man nur durch den Blick durch die Kinderaugen verstehen.

Die beste aller Welten läuft seit dem 28. September im Kino.

Quelle: F.A.Z.
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