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Clint Eastwoods „Jersey Boys“

Die treiben es ja immer bunter!

Von Andreas Platthaus
 - 16:19
John Lloyd Young, Erich Bergen, Vincent Piazza und Johnny Cannizzaro (von links) spielen in Clint Eastwoods Film die Sänger der Four Seasons. Bild: RatPac, F.A.Z.

„Jersey Boys“, der neue Film von Clint Eastwood, kommt zu spät, um uns zu überraschen – drei Jahrzehnte nach „Honkytonk Man“ (1982) und „Bird“ (1988), mit denen der mittlerweile Vierundachtzigjährige gezeigt hatte, dass er die Biographien von populären amerikanischen Musikern in berauschende Bilder zu setzen versteht.

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Und immerhin auch noch anderthalb Jahrzehnte nachdem Eastwood musikalische Vorlieben und musikalisches Talent dadurch bewiesen hatte, dass er im Soundtrack zu „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“ das zeitlose Great American Songbook zum akustischen Leitfaden dieser Romanadaption machte, die eine Krimihandlung aus den achtziger Jahren erzählte. Seitdem weiß man, dass Eastwood der musikalischste amerikanische Regisseur ist.

Christopher Walken als einziger großer Star

Zu spät, um uns zu überraschen, kommt sein neuer Film aber auch deshalb, weil „Jersey Boys“ als Kino-Version eines beliebten Broadway-Musicals über Musiker schon einen spektakulär kassenträchtigen (wenn auch unsubtileren) Vorläufer hatte: Phyllida Lloyds Film „Mamma Mia!“ über die Popgruppe Abba, der mit dem Namen auch die Songauswahl der Vorlage übernahm.

So hält es gleichfalls „Jersey Boys“, der auf einer Bühnenproduktion von 2005 beruht, in der Marshall Brickman (der für Eastwood nun auch das Drehbuch verfasst hat) die Geschichte der Four Seasons erzählt, eines erfolgreichen amerikanischen Gesangsquartetts der frühen sechziger Jahre. Deren Hits wie „Sherry“ oder „Walk Like a Man“ sind heute noch Evergreens auf der ganzen Welt, und mit „Can’t Take My Eyes off You“ hatte der Leadsänger der Gruppe, Frankie Valli, 1967 einen Soloerfolg, der allemal fürs Great American Songbook taugte. Doch mit diesem Titel sind wir schon fast am Ende des Films, und dafür wiederum ist es noch zu früh.

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Alles beginnt in den fünfziger Jahren, in einer Kleinstadt namens Belleville im amerikanischen Bundesstaat New Jersey, und Tom Sterns Kamera fängt einen Friseursalon ein, in dem ein junger Mann einen älteren rasiert. Der junge ist Frankie Castelluccio, der sich später den Künstlernamen Valli geben wird, der ältere ist Gyp DeCarlo, der obligatorische Mafioso in einer stark von italienischen Einwanderern geprägten Gesellschaft. Diesen sentimentalen Gangster, der die Four Seasons immer wieder mit Rat und Tat begleiten wird, spielt Christopher Walken, der einzige große Star des Films. Die Rolle Frankies hat Eastwood an John Lloyd Young vergeben, der diesen Part schon 2005 im Musical spielte und dafür mit dem Tony die wichtigste amerikanische Bühnenauszeichnung gewann.

Wahre Inszenierungskunst

Die Wahl dieses Hauptdarstellers ist nachvollziehbar, weil Young über eine Falsettstimme verfügt, die der von Frankie Valli zumindest nahekommt. Die anderen drei Mitglieder der Four Seasons, Tommy DeVito, sein Bruder Nick DeVito und der zuletzt dazustoßende Songwriter der Gruppe, Bob Gaudio, sind mit Vincent Piazza, Johnny Cannizzaro und Erich Bergen gleichsam weniger prominent als stimmkräftig besetzt, und das überzeugt umso mehr, als auch die realen Four Seasons aus dem Nichts kamen. Bekannte Gesichter hätten die von Eastwood ästhetisch angestrebte Authentizität gestört.

Wo aber auf der Musicalbühne vor allem überzeugende gesangliche Darbietungen zählen, braucht es auf der großen Leinwand auch große Schauspieler. Eastwood macht aus seinen unbekannten Akteuren bemerkenswerterweise genau das. Das Prinzip eines beteiligten Erzählers, der sich mitten in der Handlung plötzlich an die Zuschauer richtet, ist spätestens seit der Fernsehserie „House of Cards“ bekannt, doch wie selbstverständlich das in Eastwoods Film eingebettet und gespielt wird, wo alle Gruppenmitglieder nacheinander jeweils einen Teil des Geschehens kommentieren (Frankie allerdings nur einmal gegen Ende aus dem Off), davon kann man wahre Inszenierungskunst lernen.

Wie auch von der Ausstattung der Produktion, die Dekors aus zwei Jahrzehnten so wirklichkeitsgetreu bietet, wie man es von großem Hollywood-Kino erwarten darf. Auch diesen Aufwand nutzt Eastwood zur Abgrenzung von seiner Musical-Vorlage.

Ein paar magische Minuten reichen nicht

Inhaltlich aber folgt er ihr zu sehr, und leider ist das, was auf der Bühne stimmt, noch lange nicht stimmig fürs Kino. Die Geschichte von Aufstieg und Fall der Four Seasons ist absehbar, viel zu selten wird die emotionale Spannung in der Gruppe so spürbar wie in einem fulminanten Ausbruch von Nick DeVito, des sonst ruhigsten Mitglieds, gegen seinen Bruder Tommy, mit dem er sich auf den Tourneen das Zimmer teilen muss.

Eastwood verschenkt dieses Kabinettstück aber durch eine szenische Vorwegnahme dessen, was Nick dem Bruder vorwirft. Da ist die verführerische Leichtigkeit, mit der im Film Schauplätze gewechselt werden können, kontraproduktiv. Und ganz banal gerät der versöhnende Schluss nach 130 Minuten, der die zerstrittenen vier 1990 doch noch einmal zusammenbringt – deshalb, weil dieses Happy Ending der Wirklichkeit abgeschaut ist. So etwas glaubt man dem Kino einfach nicht.

Doch Eastwood findet noch ein wirkliches Finale, wenn er seine gesamte Besetzung zum Abspann eine große Ensembleszene in den nächtlichen Straßen von Belleville tanzen lässt. Auch das ist nicht neu, aber es ist wunderschön, zumal erst hier der Höhepunkt einer über die Dauer des Films immer intensiver werdenden Farbgebung erreicht wird, die sich von den braungrauen fünfziger Jahren in der Provinz über die blassbunten Bühnenauftritte der Sechziger bis zum monumentalen Comeback Frankie Vallis mit „Can’t Take My Eyes off You“ erstreckt.

Hier erweist Eastwood nicht nur seiner Vorlage eine Reverenz, sondern allen Filmmusicals der Hollywood-Geschichte, die nun doch noch einmal um ein paar magische Minuten reicher geworden ist. Wenn auch für „Jersey Boys“ zu spät.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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