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Fatih Akin in Venedig

Dem Kranich folgen

Von Dietmar Dath, Venedig
 - 17:06
Rettung, wo ein Mord geplant war: „The Cut“ von Fatih Akin, ein Höhepunkt beim Filmfestival in Venedig Bild: Festival, F.A.Z.

Die Wüste sieht aus wie mit gesalzenem Frittierfett aquarelliert. Der Schauspieler, der hier seinen einsamen Weg geht, heißt weder John Wayne noch Clint Eastwood, sondern Tahar Rahim. Er spielt einen Mann namens Nazaret. Der wirft mit Steinen nach Gott, weil dieser einen Völkermord zugelassen hat. Später müssen Angehörige der Ethnie, zu der die Täter dieses Verbrechens gehören, das Land verlassen, in dem Nazaret lebt, und wieder hat er einen Stein in der Hand. Aber Menschen bewirft er damit nicht - das Kind in der Menge, das blutet, weil es getroffen wurde, erinnert ihn zu sehr an die Familie, die ihm genommen wurde. Auch der erste Kinofilm, den er sieht, auf eine Wand in einer Stadt voller Flüchtlinge projiziert, erinnert ihn an diesen Schmerz. Chaplin albert herum, rettet dann ein Kind. Erst lacht Nazaret, der das sieht, dann weint er. Denn er nimmt Filme so ernst wie sein Regisseur Fatih Akin.

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Wut auf Gott, Lachen und Tränen über die Menschen: das ist die kürzeste Zusammenfassung des Erzählstils, den dieser Regisseur in den ersten beiden Teilen seiner „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie entwickelt hat: „Gegen die Wand“ (2004) und „Auf der anderen Seite“ (2007). Dieser Stil ist voll einprägsamer Kürzel: Tageslicht etwa steht darin für Wahrheit, künstlich erhellte Nacht für verschattete Zustände, Landschaften stellen den übervollen Herzen der Figuren einen Blick ins Freie zur Verfügung, der sie von Sturheit heilen kann, Zufälle haben bedeutsame Folgen, und das Böse nistet, wo Leute auf andere Leute schauen, als wäre ein Gesicht nicht ausreichend, um einen Menschen zu erkennen.

Die Vergesslichkeit von Mördern

Nazaret überlebt dieses Böse, das in „The Cut“ der osmanische Genozid an den Armeniern vor hundert Jahren ist. Der Film handelt jedoch nicht von Kollektivschicksalen, nicht von den Armeniern, den Türken, den Christen, den Muslimen, sondern, zum Beispiel, von Mehmet (Bartu Küçükçaglayan), der Nazaret töten soll und sich seiner stattdessen erbarmt, oder vom Seifenhersteller Omar Nasreddin (Makram J. Khoury), der den Gehetzten bei sich aufnimmt, sowie von Nazarets ermordeter Frau Rakel (Hindi Zahra), deren Gesang aus der Erinnerung ihn am Leben hält, und ihren beiden Töchtern Lucinée (Dina Fakhoury, später Lara Heller) und Arsinée (Zein Fakhoury), denen der Vater anfangs prophezeit, der Anblick eines Kranichs in der Luft verheiße ihnen eine große Reise.

Es wird dann seine eigene. Denn nach dem Massaker erfährt er, dass die beiden Mädchen noch leben, und folgt ihnen über Jahre durch Geröllfelder, Fegefeuer, kubanische Schwüle und das Unterholz von Florida bis in den Winter von North Dakota, wo sich das Schicksal dieser Familie erfüllt.

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Einzelne Menschen: Sie sind das Heilige und das Verworfene hier, bei ihnen hört für Akin, auch wenn er immer mal Witze zulässt, der Spaß auf - wie für die heutige offizielle Türkei bei der Geschichte der Untaten an den Armeniern. Jener Staat will davon so wenig wissen wie andere Nationen von anderen Geschichten, die jetzt ins Kino finden - in Joshua Oppenheimers „The Look of Silence“, einem der Filme, die dieses Jahr im Wettbewerb von Venedig mit „The Cut“ konkurrieren, mahnen die Täter, die der Bruder eines bei den indochinesischen Kommunistenverfolgungen in den Sechzigern Ermordeten mit ihrem Tun konfrontiert, diesen hartnäckigen Fragesteller immer wieder, er solle das Vergangene ruhen lassen. Denn sonst, meint einer, könnte das, was damals geschah, sich wiederholen (die Vergesslichkeit von Mördern ist eine kaum verhohlene Form der Drohung).

Durchs wilde Existentialistan

In Interviews nennt Fatih Akin „The Cut“ unter anderem einen Western. Die Affinität neuerer Filme, in denen Türkisch oder Arabisch gesprochen wird, zu diesem Genre hat sich seit spätestens „Once upon a time in Anatolia“ (2011) von Nuri Bilge Ceylan herumgesprochen; es ist in der Tat nicht unwahrscheinlich, dass nach „The Cut“ und dem ebenfalls im diesjährigen venezianischen Wettbewerb gezeigten Algerien-Drama „Loin des hommes“ von David Oelhoffen das Kopftuch, der Fez oder der Orientteppich ebenso selbstverständlich zum Kostümfundus der Westerngattung gehören werden wie der Federschmuck und der Cowboyhut.

Unterm Westerngesichtspunkt erinnert „The Cut“ vor allem an „The Searchers“ (1956) von John Ford, allerdings in freihändiger Umkehrung: Dort haben „die Wilden“ weiße Frauen geraubt, in „The Cut“ dagegen werden die Frauen nicht verschleppt, sondern verjagt, weil die Osmanen sich selbst als Zivilisierte, ihre Opfer aber als Wilde sehen.

Und noch in einer anderen Hinsicht ist „The Cut“ eine Umdeutung klassischer Westernparameter: Der Held wehrt das Weiche, Weibliche, Sehnsüchtige nicht ab und flieht vor ihm nicht in Grenzerfahrungen mit entfesselten Elementen, sondern er will sich, indem er das, was nicht hart und nicht stark ist, ausdauernd sucht, mindestens so sehr selbst retten wie seine Töchter. Auch im Gegenwartswestern, bei Oelhoffen etwa, geht es viel konventioneller zu: Ehre und Stärke im Angesicht des Todes sind das Thema, Karl May trifft Camus in „Durchs wilde Existentialistan“.

Wo lauert der Teufel?

Weil Fatih Akin Männern, die das Entscheidende mit Hahnenstolz unter sich regeln, nicht vorbehaltlos traut - kein Mann hätte getan, was Hanna Schygulla am Ende von „Auf der anderen Seite“ tut: einer Person Hilfe anbieten, die ihr etwas genommen hat -, kann er den Individualismus, der ihm wichtig ist, mit Solidarität zusammendenken: „Passt aufeinander auf!“, sagen Menschen in „The Cut“, wenn Gewalt sie voneinander trennt.

Ist diese Gewalt der Teufel, von dem der dritte Teil der Trilogie handeln soll? Oder lauert der woanders? Ruft nicht eine Frau, bevor der Chaplin-Film beginnt, bewegte Bilder seien das Werk des Satans? Die Auslegungsmöglichkeiten sind vielfältig, „The Cut“ hat viele Schnittstellen mit zahlreichen Lesarten.

Man hatte geglaubt: Fatih Akin, das ist ein filmischer Stil. Jetzt erkennt man: Nein, das ist ein Kosmos.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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