Kino
Filmfestival Locarno

Das Gegenteil von tot ist uralt

Von Michael Ranze, Locarno
© dpa, F.A.Z.

Welcher Film hat dein Leben verändert? Zumindest virtuell schwebte diese schwere, vielleicht gar nicht zu beantwortende Frage über dem Festival. Beim Online-Wettbewerb „Movie of My Life“ konnte jeder, der wollte, vom unbekannten Kinoliebhaber bis zu eingeladenen Stars oder Regisseuren, ein kleines Filmchen von anderthalb oder zwei Minuten Länge auf die Festival-Website stellen. Einzelne ausgewählte Beiträge wurden dann vor den Screenings des offiziellen Programms gezeigt. Am schlichtesten vielleicht das Video von Horrorfilm-Regisseur Dario Argento, der vor seiner DVD-Sammlung darüber redet, wie oft er einen ganz bestimmten Film schon gesehen habe. Langsam steigere sich die Spannung, bis es dann nach 35 Minuten zu diesem unheimlichen Schock komme, der dann noch einmal übertroffen werde. Das habe er nie vergessen können. Hitchcocks „Psycho“ ist gemeint.

Das Filmfestival von Locarno feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Doch Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter von Locarno, wollte das Jubiläum nicht überbetonen. Kein wehmütiger Blick zurück. Stattdessen stellte er das Neue heraus, wie besagten Online-Wettbewerb oder die neu geschaffene Sektion „Signs of Life“, die experimentelle Erzählformen und innovative Ausdrucksweisen auslotet. Als Geburtstagsgeschenk gab es die drei neuen Kinosäle des PalaCinema, das ExRex wurde komplett renoviert und in GranRex umbenannt – der ideale Ort für die aufregende Jacques-Tourneur-Retrospektive.

Der überzeichnete Niedergang des Mannes

Sowohl im Internationalen Wettbewerb als auch bei den abendlichen Vorführungen auf der Piazza Grande vor 8000 Zuschauern präsentierten mehrere Regisseure ein extremes Männerkino, bei dem der männliche Körper zum Schauobjekt degradiert wurde oder als Waffe diente. Filme, di In „Ta peau si lisse“, im Wettbewerb gelaufen, verfolgt der frankokanadische Regisseur Denis Côté, in Locarno zuletzt 2010 mit „Curling“ vertreten, dokumentarisch den Alltag von sechs Bodybuildern, von der Qual im Fitnesscenter bis zur Aufregung vor dem Wettbewerb, von der Inszenierung von Posen bis zum strengen Einhalten von Diäten. Der Kult um den Körper, der Fetisch um die Muskeln, gerät zur alles verzehrenden Leidenschaft, bei der auch dem Flechten des Bartzopfes große Aufmerksamkeit gewidmet wird. Doch manche Anstrengung, etwa das stete Umwerfen eines übergroßen Lkw-Reifens, löst beim Zuschauer auch Beklemmung aus. Denn die Gladiatoren der Neuzeit lächeln nie, das sähe im schwarzen Vollbart einfach zu doof aus, sagt einer von ihnen. „Ta peau si lisse“ war darüber hinaus symptomatisch für einen anderen Trend im 18-teiligen Wettbewerb: Er war einer von fünf Dokumentarfilmen.

Im Schweizer Wettbewerbsbeitrag „Goliath“, inszeniert von Dominik Locher, ist die Größe (genauer: das Groß-werden-Wollen) und das Scheitern des Mannes bereits im Filmtitel enthalten. Ein junger Angestellter muss hilflos mit ansehen, wie seine schwangere Freundin in der S-Bahn von Hooligans geschlagen wird. In der Angst, ihr als Mann nicht mehr genügen zu können, stürzt er sich in ein exzessives Krafttraining und spritzt sich Steroide. Doch damit leitet er eine Abwärtsspirale ein, bei der er alles – Arbeit, Freundin, Kind, gemeinsame Wohnung, sogar die Potenz – verliert. Ein wenig zu überzeichnet verfolgt Locher diesen Niedergang, am Ende gibt es keinen Hoffnungsschimmer. Hier ist der Mann vor allem unfähig, seine Gefühle auszudrücken. Er ist stark, jedenfalls körperlich, aber ohne Worte.

Punching-Ball für's letzte große Geld

Auch bei den abendlichen Vorführungen auf der Piazza Grande wurden unterschiedliche Männlichkeitsbilder verhandelt. So spielt Mathieu Kassovitz, mit dem Excellence Award Moët & Chandon ausgezeichnet, in „Sparring“ (Regie: Samuel Jouy) einen erfolglosen Boxer Mitte vierzig. Um noch einmal an das große Geld zu kommen, nimmt er das Angebot als Sparringspartner eines aufstrebenden Champions an. Der Körper des Mannes wird zum menschlichen Punching-Ball, der nicht mehr reagiert, sondern nur noch einsteckt. Es ist ein versehrter Körper, das bezeugen Kassovitz‘ zahlreiche Wunden, doch Aufgeben ist keine Option. Schließlich steht auch seine Rolle als fürsorglicher Familienvater auf dem Spiel. „Bist du überhaupt ein Mann?“ muss sich die Hauptakteur in „Chien“ (Regie: Samuel Benchetrit) fragen lassen, nachdem er Frau, Wohnung und Arbeit verloren hat und vom Besitzer einer Tierhandlung zum Hund degradiert wird. „Chien“ ist ein unangenehmer, verstörender Film, weil er seine Unmenschlichkeit viel zu stark herausstellt und sich in seinem Sadismus gefällt. Dieser Mann wehrt sich nicht gegen das, was ihm andere antun, und somit ist sein Schicksal besiegelt.

Will einem nicht mehr aus dem Kopf: Harry Dean Stanton als philosophischer Kauz
© dpa, F.A.Z.

Und die Deutschen? Stark auf der Piazza war „Drei Zinnen“, das Regiedebüt des 1981 geborenen Berliners Jan Zabeil. Vor der imposanten Kulisse der Gipfelgruppe in den Dolomiten, die dem Film seinen Titel leiht, lässt er Alexander Fehling während des Urlaubs um die Achtung des achtjährigen Sohnes seiner Lebensgefährtin, dargestellt von Bérénice Bejo, kämpfen.

Ein packendes Duell aus Nähe und Distanz, aus Zuneigung und Feindseligkeit nimmt nun, in konzis geschriebenen Dialogen, seinen Lauf. Schließlich wechselt der Film sogar das Genre, aus dem Drama wird ein Abenteuer. Ein moderner Bergfilm, wenn man so will – auch wenn Zabeil selbst bei der Pressekonferenz diesen Bogen zur deutschen Filmgeschichte nicht schlagen wollte. Zu verkopft, zu überfrachtet kam „Freiheit“ von Jan Speckenbach, im Wettbewerb zu sehen, daher. Johanna Wokalek spielt darin eine junge Mutter, die einfach Mann und Kinder verlässt und über Wien nach Bratislava trampt. Unterschiedliche Namen, anderes Aussehen, ein neuer Job und die Freundschaft mit einer Stripperin – das sind starke Veränderungen, die die alte Identität aber nicht überdecken können. Mit den Themen um Sex-Business, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus eröffnet Speckenbach Nebenschauplätze, die seinem Film nicht guttun.

Huldigung des Lebens inklusive Tod

Ein Mann überstrahlte den Wettbewerb, sein zerfurchtes schmales Gesicht und sein hagerer Körper, seine kratzige Stimme und sein schleppender Gang, wollten einem nicht mehr aus dem Kopf: Harry Dean Stanton. In „Lucky“, dem Regiedebüt des Schauspielers John Carroll Lynch, den man als markanten Glatzkopf aus „Fargo“ oder „Shutter Island“ kennt, ist er der 90-jährige Titeldarsteller, der nicht bemerken will, wie alt er geworden ist. In einer kleinen Wüstenstadt geht er seinem immer gleichen Alltag nach, raucht wie ein Schlot, sitzt in der Kneipe, spricht mit Bekannten. Als er eines Morgens in Ohnmacht fällt, geht er gleich zum Arzt. Doch der findet nichts. Lucky ist einfach bloß alt geworden – und damit muss er sich jetzt abfinden. John Carroll Lynch feiert in „Lucky“ das Leben, zu dem auch der Tod gehört.

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Sein Film ist von einer Menschlichkeit und einem Humor durchzogen, die man in anderen Wettbewerbsfilmen nicht fand. Wundervoll umrissene Nebenfiguren schauen kurz vorbei, zum Beispiel Regisseur David Lynch als soignierter Herr in beigem Anzug und weißem Hut.

Seine Schildkröte mit dem schönen Namen President Roosevelt, das sah man gleich zu Beginn, ist ihm weggelaufen. „Er ist so nobel wie ein König und so sanft wie eine Großmutter“, beschreibt er ihn und erklärt auch gleichzeitig im Englischen den Unterschied zwischen „turtle“ und „tortoise“, zwischen Wasser- und Landschildkröte. „Ich warte, bis er zurückkommt. Ich lasse einfach die Tür auf.“ Was für eine beneidenswerte Gelassenheit, mit der hier das Leben umarmt wird.

Quelle: F.A.Z.
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