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Ennio Morricone im Gespräch

Komponier mir das Lied vom Tod

Von Marc Hairapetian
 - 18:05
Wer die Szene aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ sieht, hat sofort wieder die Filmmusik im Ohr. Sie stammt von Ennio Morricone. Bild: Picture-Alliance, F.A.S.

Ennio Morricone hat die Filmmusiken für Klassiker des Italowesterns wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Leichen pflastern seinen Weg“ geschrieben. Wir treffen den 87 Jahre alten Komponisten in Rom. Er möchte mit „Maestro“ angesprochen werden. Das ist jedoch die einzige Extravaganz, die er sich erlaubt.

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Maestro, ist Filmkomponist ein einsamer Beruf, oder tauschen Sie sich auch mal mit Kollegen aus?

Ich komponiere tatsächlich am liebsten im stillen Kämmerlein. Mit anderen Filmkomponisten rede ich selten über Musik. Eine sehr freundschaftliche Beziehung hatte ich zu Maurice Jarre, der 2009 verstorben ist. Ich bewundere seine monumentalen Filmmusiken für die David-Lean-Filme „Lawrence von Arabien“, „Doktor Schiwago“ und „Reise nach Indien“. Den engsten Komponistenkontakt habe ich zu meinem Sohn Andrea, der seine Karriere an meiner Seite mit der Filmmusik zu „Cinema Paradiso“ begann.

Gerade haben Sie die Filmmusik für Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ geschrieben, der im Januar in die Kinos kommt. Tarantino wollte Sie schon für „Django Unchained“ engagieren, Sie stellten ihm aber nur ein einziges neu komponiertes Stück zur Verfügung. Wie konnte er Sie diesmal überzeugen?

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Er ließ einfach nicht locker. Tarantino suchte mich in Rom auf, sein Enthusiasmus hat mich überzeugt.

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Neuer Kinotrailer: „The Hateful 8“

Haben Sie versucht, sich an seinen Stil anzupassen? Oder war die Vorgabe, einen klassischen Western-Soundtrack zu schreiben?

Ich habe mich weder an den Kanon der Italo-Western gehalten, noch habe ich versucht, mich Tarantinos Stil anzupassen. Ich wollte eine Musik schreiben, die ganz anders ist, als man es vielleicht von mir erwartet. Es ist mir gelungen. Tarantino sagte: „Damit hätte ich nie gerechnet, aber es ist phantastisch!“

Sie haben als erster Filmkomponist E-Gitarre, Mundharmonika und Maultrommel in den Orchesterklang integriert. Auch diesmal wieder?

Lassen Sie sich überraschen. Ich verrate Ihnen aber schon jetzt, dass es einige grotesk-dramatische Elemente gibt. Aber ich setze dazu auch Kontrapunkte.

Die Zusammenarbeit mit Tarantino überrascht etwas. Sie waren enttäuscht, wie Ihre Musik in „Django Unchained“ verwendet wurde.

Ich wurde damals falsch zitiert. „Django Unchained“ war mir, der ja schon die Musik für einige härtere Filme, wie etwa „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Die 120 Tage von Sodom“, komponiert hatte, mitunter zu brutal. Gewalt um ihrer selbst willen schreckt mich ab. Dennoch habe ich allergrößten Respekt vor Tarantino und fühle mich geehrt, dass er meine Musik immer wieder einsetzen will. Ich hätte fast die komplette Musik für „Inglourious Basterds“ geschrieben. Aber ich saß damals an Kompositionen für Giuseppe Tornatores „Baarìa“ und hätte nur wenig Zeit gehabt. Tarantino ist ein Großer des Kinos. Trotzdem stehe ich zu meiner Aussage, dass sein Ansatz, Musikstücke verschiedener Komponisten und Popgruppen in einem Film zu vereinen, mitunter nicht passend für den Gesamteindruck ist. Das beherrschte nur Stanley Kubrick perfekt.

Ursprünglich sollten Sie den Soundtrack zu „Clockwork Orange“ schreiben. Hatten Sie damals denn schon begonnen, etwas zu komponieren?

Ich hatte viele Ideen, aber eine alternative „Clockwork Orange“-Komposition gibt es nicht in meinem Safe. Sogar die Höhe der Gage war schon festgelegt. Und dann lehnte Kubrick plötzlich aus einer Art Höflichkeit heraus ab. Er hatte Sergio Leone angerufen und gefragt: „Meinst du, Morricone wird gut mit mir zurechtkommen?“ Ich verstand nicht, warum er gerade ihn anrufen musste. Und Sergio sagte auch noch wahrheitsgemäß: „Natürlich, obwohl er ziemlich überlastet ist, da er gerade an der Musik zu meinem neuen Film ,Todesmelodie‘ schreibt.“ Das war der Todesstoß für meine Zusammenarbeit mit Kubrick, was ich immer noch bedaure. „Clockwork Orange“ ist, wie Luis Buñuel treffend sagte, „der einzig wahre Film über unsere moderne Welt“. Auch die Auswahl der Musik - von den synthetischen Henry-Purcell-Referenzen eines Walter Carlos bis zum klassischen Repertoire aus Beethoven, Rimskij-Korssakow und Elgar war äußerst intelligent.

Mit Henri Verneuil haben Sie auch zusammengearbeitet, etwa beim Mafia-Epos „Der Clan der Sizilianer“ und bei „I wie Ikarus“. Hatte er ein ausgeprägtes Musikverständnis?

Ich habe ihm Stücke vorgeschlagen, und er hat immer „ja“ gesagt, obwohl die Titelmusik beim „Clan der Sizilianer“ eingangs gepfiffen wird, das E-Gitarren-Riff ein Motiv von Bach variiert, und das Ganze mit süffigen Streichern und stoischen Maultrommel-Einsätzen konterkariert wird. Verneuil hatte also Musikverstand. Konservative Regisseure wären seinerzeit wohl schreiend davongelaufen. Als Verneuil mich um eine Filmmusik für „Mayrig“ bat, wollte er mir aber plötzlich Vorgaben machen. Der Film ist sein persönlichster, es geht um den Völkermord an den Armeniern. Verneuil wollte eine Musik im armenischen Stil. Ich habe abgesagt, da ein armenischer Komponist das besser kann.

Vermissen Sie den 1991 verstorbenen Bruno Nicolai? Er hat bei vielen Aufnahmen Ihrer Filmmusiken das Orchester dirigiert und den „Morricone-Sound“ entscheidend mitgeprägt.

Natürlich vermisse ich ihn. Als Freund und als Mensch. Er war ein wirklich guter Komponist. Wir haben zusammen bei Goffredo Petrassi studiert. So etwas verbindet. Es gibt da aber ein großes Missverständnis.

Worin besteht es?

Alberto De Martino bat mich 1965 um die Musik für seinen Western „100.000 Dollar für Ringo“. Ich war damals aber gerade mit Leones „Für ein paar Dollar mehr“ beschäftigt. Deshalb empfahl ich De Martino, Bruno anzurufen. Bruno sagte zu, seine Musik war ausgezeichnet, so dass ihm De Martino auch seine folgenden drei Filme anvertraute. Für „Und morgen fahrt ihr zur Hölle“ wollte er dann aber wieder mich als Komponisten haben. Ich fand das Bruno gegenüber nicht nett, also schlug ich vor, sie zusammen mit Bruno zu komponieren. Jeder von uns komponierte daraufhin einen Teil. Es bedeutete doppelte Arbeit für die Hälfte des Geldes, denn natürlich mussten wir uns abstimmen. Es folgten weitere Filme von De Martino. Bruno und ich ließen uns immer wieder breitschlagen. Irgendwann war ich vollkommen ausgelaugt.

Sind Sie ein Workaholic? Wie entspannen Sie sich?

Sie werden lachen, mitunter beim Komponieren. Es ist eine schwere Verantwortung, aber es macht auch Spaß, Lösungen für den Regisseur zu suchen. Es gefällt mir sehr, Erwartungen zu torpedieren. Manchmal ernte ich einen Begeisterungssturm, manchmal ist die Reaktion lauwarm. Und manchmal wird das, was ich geschaffen habe, auch abgelehnt. Dann versuche ich die Musik zu verbessern. Sie soll ja vor allem dem Film dienen, wobei ich möchte, dass sie auch für sich allein stehen kann. Das macht den Beruf nicht einfacher. Und ja, der Begriff Workaholic trifft auf mich zu.

Auch für Giuseppe Tornatore haben Sie wiederholt komponiert, zuletzt 2013 für „The Best Offer - Das höchste Angebot“.

Gerade arbeitet er an einer Dokumentation über mich. Für seinen nächsten Spielfilm „La corrispondenza“, in dem Olga Kurylenko und Jeremy Irons die Hauptrollen spielen, durfte ich wieder die Musik beisteuern.

Sie haben bisher nur einen Ehrenoscar bekommen. Schmerzt Sie das?

Da berühren Sie einen wunden Punkt, obwohl mir die Anerkennung des Publikums eigentlich viel wichtiger ist als jene der Academy. In den sechziger Jahren war die konservative Academy ja leider noch komplett taub für innovative Klänge.

Begonnen haben Sie Ihre musikalische Laufbahn als Trompeter. Ist die Trompete immer noch Ihr Lieblingsinstrument? Sie setzen sie häufig in Ihren Scores ein.

Und Quentin Tarantino hat die Blechklänge meiner „Mercenario“-Filmmusik für jene Szene in „Kill Bill 2“ genutzt, in der sich die lebendig begrabene Uma Thurman aus ihrem Sarg befreit. Das nenne ich Reduktion, aber es hat mir gefallen. Blechinstrumente sind außergewöhnlich, die Streicher sind die Seele des Orchesters. Trompeten und Hörner geben einem Stück Farbe und Kraft. Man darf aber nicht übertreiben. Das Drama, das die Trompete erzeugt, kann niemand auf Dauer ertragen. Man muss es gut dosieren.

Am 18. Februar dirigiert Ennio Morricone das Tschechische Nationale Symphonieorchester in der Lanxess-Arena in Köln.

Quelle: F.A.S.
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