„Meine glückliche Familie“

Zuhause ist da, wo man endlich ausziehen muss

Von Bert Rebhandl
 - 20:39

In einer großen Familie fallen viele Worte, und da kann es leicht vorkommen, dass auch ein entscheidender Satz zuerst einmal nicht die richtige Beachtung findet. „Ich kann bei euch nicht mehr leben“, sagt Manana. Sie ist 52 Jahre alt, zu ihrem Geburtstag sind viele Menschen gekommen, vor allem Männer, meistenteils Freunde ihres Mannes und ihres Bruders. Die Männer bringen ihr ein betörendes Ständchen, mit diesem wehmütigen Klang, den viele Lieder in Georgien haben. Danach trinken sie eine Menge, auch das gehört, wenn man so will, zum guten Ton. Manana kann in diesen Verhältnissen nicht mehr leben. Schon ihr Festtag ist ihr verleidet, heimlich hat sie bereits Vorkehrungen getroffen. Sie wird ausziehen, und es ist noch nicht einmal ihre Wohnung und die ihrer Familie im engeren Sinn, in der sie es nicht mehr aushält. Es ist die ihrer Mutter, bei der sie auch nach der Heirat mit Soso geblieben ist, in der ihre beiden Kinder herangewachsen sind und in der drei Generationen doch sehr stark aneinander gefesselt sind.

Eigentlich kann man es Manana nicht verdenken, dass sie sich nach Privatsphäre sehnt. Aber gleich ganz allein und dann noch in einer wenig reputierlichen Gegend? Der Film „Meine glückliche Familie“ von dem georgisch-deutschen Regieduo Nana & Simon (Nana Ekvtimishvili und Simon Groß) macht sein Thema mit dem ironischen Titel von Beginn an deutlich. In Georgien sind Familien schon dadurch „glücklich“, dass sie eben bestehen. Eine andere Existenzform als die familiäre ist nicht so richtig vorgesehen. Die Kinder gehen früh eigene Verbindungen ein, bleiben aber daheim wohnen. Es wirkt wie ein Akt der Revolte, als eine siebzehnjährige Schülerin von Manana ihr nach längerer Fehlzeit anvertraut, dass sie sich hat scheiden lassen. Sie hat sich mit ihrem Mann, einem Einundzwanzigjährigen, nie verstanden. In einem Alter, in dem in westlichen Gesellschaften noch kaum jemand an die große Liebe, geschweige denn einen Schritt vor den Traualtar denkt, spielen sich in Georgien schon die Dramen ab, die hierzulande meist in den mittleren Jahren spielen. Manana und die Schülerin bilden ein symbolisches Paar, eine Konstellation beginnender Autonomie in einer Welt, in der Individualismus nur in den Grenzen des Anstands und der (familiären) Ehre zur Geltung kommen kann.

Kein Einziger in der Nähe einer Karikatur

Nana & Simon betonen die kulturellen Unterschiede zwischen Georgien und etwa Sundance (wo der Film die internationale Premiere hatte) oder Deutschland (eines der koproduzierenden Länder und Ausbildungsort der beiden Filmemacher) nicht so, dass man auch nur in die Nähe eines trivialen Gedankens über rückständige Gesellschaftsverhältnisse käme.

Kinotrailer
„Meine glückliche Familie“
© Zorro, Zorro

Im Gegenteil bewegt sich der Film mit einer großen Selbstverständlichkeit inmitten der vielen Protagonisten, von denen kein Einziger in die Nähe einer Karikatur kommt. Sie alle haben, mit allen ihren Beschränkungen, ihre eigene Würde. Sie bedrängen Manana auch nie so, dass die Geschichte wirklich dramatisch würde. Eine Kopfwunde, die der Großvater von einer fliegenden Pfanne davonträgt (sie sollte eigentlich den Mann der Tochter treffen, auch sie ist mit 23 schon eine Scheidungskandidatin), ist eher eine Randnotiz, denn es geht den Regisseuren nicht darum, den Konflikt eskalieren zu lassen.

Sie zeigen einfach, wie Manana sich in der eigenen Wohnung allmählich einlebt, wie sie die Räume mit Klaviermusik füllt, wie sie auf dem Balkon Tomaten ansetzt, wie sie ihre siebensaitige Gitarre repariert und wieder zu spielen beginnt.

Unüberhörbar von großer Zärtlichkeit geprägt

All die kleinen Schritte in ein eigenes Leben, die vielleicht auch unter bestimmten Umständen mit der Familie möglich gewesen wären. Aber auf alle Vorschläge, wie sich die Situation wieder einlenken ließe, wie sich die Beschämung von der Familie abwenden ließe, wie Manana sich weniger „negativ“ und „destruktiv“ verhalten könnte, folgt diese ruhige Bestimmtheit, mit der sie zu ihrem Vorhaben steht und mit der sie ihre Emanzipation verteidigt, ohne sie jemals zu erklären.

Die Auseinandersetzung wird von der Familie immer wieder gesucht, in allen möglichen Formen von Hilfsangeboten bis zu regelrechten Interventionen wird Manana herausgefordert, vor allem auch von ihrem Bruder, dem am meisten an der Orthodoxie der überlieferten Lebensform gelegen zu sein scheint. Doch sie antwortet meist mit Variationen ihres ersten Satzes: „Ich wollte immer schon allein leben.“

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Das auffälligste Gestaltungsmittel, mit dem Nana & Simon diese einfache Geschichte bereichern, ist die Musik. Alle Generationen singen, alle haben ihre Instrumente, und bei einem Klassentreffen muss Manana dann schließlich selbst auch singen. Sie singt allein, nicht als Teil eines vielstimmigen Chors, sondern ganz so, als würde sie in sich hineinhorchen, als suchte sie diese junge Frau, die sie wohl einmal war und der von Beginn an ein eigener Lebensraum versagt geblieben war. Es wäre wohl verfehlt, das Ende von „Meine glückliche Familie“ als offen zu bezeichnen, aber es deutet sich dann doch noch an, dass Familie vielleicht ein etwas komplexerer Zusammenhang sein könnte als das, was sich Mananas Bruder Rezo oder ihre Mutter darunter vorstellen. Im Abspann ist jedenfalls ein Duett zu hören, ein Mann und eine Frau singen ein melancholisches Lied, das aber auch unüberhörbar von großer Zärtlichkeit geprägt ist. Man kann dieses Lied vielleicht aus einem Lernprozess heraus verstehen, den Manana mit ihrer unverrückbaren Entscheidung gerade erst angestoßen hat und von dem keineswegs nur ihre eigene Familie betroffen ist.

Quelle: F.A.Z.
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