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„Planet der Affen“ im Kino

Naturbelassen? Naturverlassen!

Von Bert Rebhandl
 - 10:14
Revolutionär Caesar im Kampf gegen die menschliche Bedrohung. Bild: dpa, F.A.Z.

Von allen Zielen der Geschichte ist der Naturzustand vielleicht das nächstliegende. Die Menschheit kann ihn schwerlich anstreben, denn sie hätte mit ihm ja nichts mehr zu tun. Aber er hat immerhin den Charme des Zyklischen, dass nämlich hinten wieder herauskommt, was am Anfang mühevoll überwunden wurde. In der Science-Fiction-Serie „Planet der Affen“, die nach fünf Filmen zwischen 1968 und 1973 nun ein zweites Mal eine Schneise durch die Evolution schlägt (und ihr dabei das Telos abbricht), geht es zwar genaugenommen nur um Zwischenziele in der Geschichte, aber die Reflexion entbehrt nicht des Grundsätzlichen und Endgültigen.

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Das wird besonders in dem dritten Teil „Planet der Affen: Survival“ deutlich, mit dem Matt Reeves an „Planet der Affen: Prevolution“ (2011) und „Planet der Affen: Revolution“ anschließt. Die Frage nach der wahren Humanität ist hier längst beantwortet; der Mensch hat sich vor seinem behaarten und noch nicht vollständig auf den aufrechten Gang umgestellten Vorgänger so blamiert, dass ein Zusammenleben auf dem Planeten eigentlich nicht mehr denkbar ist. Zwar macht der Leitaffe Caesar zu Beginn noch einen Vorschlag zur Güte: „Lasst uns die Wälder.“ Doch die Suche nach einem Gelobten Land hat längst begonnen, und es stellt sich dann nur noch die Frage, ob auf einer Erde, deren Bevölkerung durch ein Virus schon arg dezimiert ist, ausreichend Habitate oder Reservate vorhanden sind, damit Affen und Menschen einander nicht mehr in die Quere kommen müssen. Dann bliebe aber immer noch das Restrisiko, dass die Entwicklungsgeschichte neue Konfusion stiftet. Denn wenn schon einmal ein Affe den „logos“ hat, wie es bei Caesar der Fall ist, dann können wahrscheinlich bald alle anderen auch sprechen, und am Ende bauen die Affen vielleicht bald ein neues Athen (oder Jerusalem oder Rom), während die Menschen immer noch in den Ruinen ihrer letzten Desaster hausen.

Wem gehört die Erde?

In diesem dritten Teil geht es also um die Frage, wem die Erde gehört. Die Auseinandersetzung darum wird allerdings in einem Stellvertreterkrieg geführt, der wie eine merkwürdige Verschiebung vom Allgemeinen auf das Besondere wirkt. Denn der Gegner der Affen ist nicht wirklich ein satisfaktionsfähiger Vertreter der Menschheit. Eher schon einer, für den man sich nach heutigen Maßstäben (oder eben den künftigen der Affen) schämen muss. Er hat nicht einmal einen Namen, sondern wird nur als Colonel tituliert. In der Szene, in der er zum ersten Mal zu sehen ist, seilt er sich aus einem nachtschwarzen Himmel ab, nur um einmal grimmig in die Kamera zu starren. Er sieht aus wie einer der Irokesen, die im „Lederstrumpf“ für das Grausame an der Naturbelassenheit der indigenen Amerikaner standen.

Und damit ist auch schon eine der vielen Assoziationen in „Planet der Affen: Survival“ hergestellt. Matt Reeves versucht sich an einem Waldwestern in hochromantischer Landschaft, denkt dabei aber auch an Vietnam, also an den Dschungel, und der Colonel hat ein überdeutliches Vorbild in der Filmgeschichte. Woody Harrelson reicht mit seinem Weltverdruss zwar bei weitem nicht an Marlon Brando in „Apocalypse Now“ heran, er evoziert aber unweigerlich den abtrünnigen Amerikaner, der fernab der Zivilisation ein grausames Regime führt.

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Von John Ford zu Ridley Scott

Der Colonel in „Planet der Affen: Survival“ hat nicht weniger als ein Affenkonzentrationslager eingerichtet, in dem er in Sklavenarbeit eine Mauer errichten lässt, deren Zweck nie so richtig klar wird, sieht man von der offensichtlichen Anspielung auf ein absurdes Versprechen des aktuellen amerikanischen Präsidenten ab. Über derartiges Kleinzeug aus dem politischen Tagesgeschäft sollte „Planet der Affen: Survival“ aber eigentlich erhaben sein, geht es doch um ganz andere Horizonte. Aber Matt Reeves und seinem Koautor Mark Bomback war offensichtlich daran gelegen, ihr Humanitätspathos in alle Richtungen hin abzusichern und den Film als eine Art Menschheitstext anzulegen, in dem man von John Fords Genozidwestern „Cheyenne Autumn“ bis zu Ridley Scotts Bibelschinken „Exodus“ alles Mögliche erkennen kann.

„Planet der Affen“
„Planet der Affen“ startet in Amerika durch

Die kurioseste dieser Referenzen ist sicher, dass Caesar einen Sidekick bekommt, der offensichtlich auch auf Gollum aus „Der Herr der Ringe“ gemünzt ist. Andy Serkis, der damals Gollum spielte, trifft also nun als Caesar auf eine Karikatur seiner Figur, auf einen „bösen Affen“, der an einem posttraumatischen Zoosyndrom laboriert, aber trotzdem ganz putzig sein kann. Er schließt sich einer Queste an, die auch noch ein stummes Mädchen namens Nova auftut und die in dem Orang-Utan Maurice einen designierten Nachfolger für Caesar mitführt. Bei Maurice hat man ständig den Eindruck, dass ihm ein Wort auf der Zunge liegt, seine Miene ist schon ganz menschlich, er muss nur noch den Anspruch darauf erheben, indem er etwas sagt.

Digitale Revolution

Von Angesicht zu Angesicht erweist sich in der zweiten Auflage von „Planet der Affen: Survival“, dass die evolutionshistorische Pointe letztlich von einer ganz anderen Entwicklung erzählt. Die digitale Technik hat seit den siebziger Jahren so enorme Fortschritte gemacht, dass die Anthropomorphie nun nicht mehr nur eine Behauptung ist, sondern nahtlos an die allgemeine virtuelle Vermenschlichung der Welt anschließt, die in Autos („Cars“) oder inzwischen sogar Emotionen („Alles steht Kopf“) oder Emoticons („Emoji: Der Film“), nicht zu reden von anatomisch unterdefinierten Knuddelmonstern wie den „Minions“ immer das Gleiche findet: nämlich schrullige Artgenossen. Gegen diese große Beseelung, die häufig von der Fremdheit der Dingwelt ablenken soll, setzen die neuen Kapitel vom „Planet der Affen“ auf einen klassischen Effekt der Wiedererkennung in einer unheimlichen Spiegelung. Es soll uns frösteln angesichts dessen, was uns da aus unserer Vergangenheit anblickt. Es soll uns aber auch warm ums Herz werden angesichts dessen, was in so einem Gesicht alles an menschlicher Regung erkennbar wird, gerade wenn die Person dahinter erst in diese Richtung unterwegs ist.

Neben den Charakterdarstellern aus dem Computer wirkt Woody Harrelson auch schauspielerisch antiquiert, so dass man sich fast wünschen könnte, die Menschheit wäre vor ihrem Abgang aus der Geschichte wenigstens noch einmal von einem richtigen Unhold vertreten worden. Aber das ist nun einmal der Lauf der Dinge. Der nächste Naturzustand kommt aus dem Serverpark, dagegen wird die Bestie Mensch nur noch falsche Zähne fletschen können.

Quelle: F.A.Z.
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