Glenn Close zum Siebzigsten

Die Anti-Anstandsdame

Von Dietmar Dath
 - 09:21
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Es gibt Filme, die zu viel zu erzählen haben, als dass sie sich auch noch um eine Moral kümmern könnten. Das von Zombies überlaufene Gesellschaftszusammenbruchsdrama „The Girl with All the Gifts“ (2016) von Colm McCarthy ist so ein Film: In entsetzlicher Ruhe breitet er sein Leichentuch über die Zivilisation; die paar überlebenden Menschen haben keine höheren Ziele mehr, sie wollen bloß nicht gefressen werden – außer dem Mädchen Melanie, ihrer Lehrerin Helen Justineau und der Ärztin Doctor Caldwell.

Das Mädchen ist mit einem schlimmen Pilz infiziert, der Menschen zu Ungeheuern macht, die Lehrerin hat ein gutes Herz und versucht, das Mädchen zu beschützen, die Medizinerin aber will das Kind schlachten, um ein Heilmittel gegen den Pilz zu gewinnen. Die junge Sennia Nanua spielt das Mädchen prima unheimlich, die nette Gemma Arterton spielt die Lehrerin liebenswert, aber Glenn Close macht aus der Ärztin eine ihrer erstaunlichsten Leistungen, einen kraftvollen Widerspruch: Ist die Frau böse? Gut? Weder noch? Sowohl als auch?

Eine Laufbahn als Meryl Streep des Teufels

Heldinnen hat diese Schauspielerin selten gegeben, vielleicht auch, weil sie weder einen besonders femininen Vornamen trägt noch so aussieht, wie sich die Filmindustrie, die bekanntlich als Ganze weniger Phantasie hat als der langweiligste Film, eine Heldin vorstellt. Ihre Stirn ist zu hoch, ihr Blick zu intelligent, ihr Lächeln zu spöttisch, und ihre Bewegungen sind zu selbstbewusst; da blieb ihr nur die Laufbahn als Meryl Streep des Teufels.

In gleich zweien der bedeutendsten Kinosexualmoraldramen des Glamour-Puritanismus der Achtziger sah man sie als große Anti-Anstandsdame: erst als verrückte Stalkerin in „Fatal Attraction“ (1987) von Adrian Lyne, dann als fleischgewordene Intrige in „Dangerous Liaisons“ (1988) von Stephen Frears. Beide Darbietungen brachten ihr Nominierungen für den Oscar als beste Schauspielerin ein – mit Recht, sie sind unvergesslich, vom jeweils ersten Auftritt an: In „Fatal Attraction“ begegnet sie Michael Douglas auf einer Stehparty und trinkt und raucht wie die prägnantestmögliche Illustration des küchenpsychoanalytischen Klischees von der zugleich anziehenden, abstoßenden und angsteinflößenden phallischen Frau, mit der’s ein schlimmes Ende nehmen muss (das dann auch geliefert wird, mit dem Messer in der Badewanne und dem Totenblick einer Erinnyenmaske).

In „Dangerous Liaisons“ wiederum sitzt sie vor dem Spiegel und gefällt sich dabei so gut, dass man sofort erkennt: Dieser Hochmut will fallen und alles mit sich reißen. Dass sie auch sympathische Menschen spielen kann, kam einem breiteren Publikum erst mit Rodrigo Garcías „Albert Nobbs“ (2011) zum Bewusstsein. Inzwischen hatte sich die Kulturgeschichte geläutert; anders als vor dreißig Jahren passen nun auch Leute, die schon rein äußerlich nicht den Sandkastenförmchen der alten Geschlechterrollen entsprechen wollen, ins heroische Breitwandformat.

Aber der Weg vom Bösen zum Guten ist nicht weit genug für eine souveräne Darstellerin innerer Entwicklungen wie Close, und deshalb hat sie schließlich in „The Girl with All the Gifts“ den Part der Heilkundigen übernommen, von der man bis zu ihrer letzten Szene nicht weiß, ob man sie ablehnen oder ihr beipflichten soll bei dem, was sie sagt und tut. Höher als das Böse oder das Gute steht im Drama die Ambivalenz – als Voraussetzung dafür, dass die Entscheidung zwischen Gut und Böse überhaupt moralisches Gewicht hat. Glenn Close hat durchgehalten, bis man ihr erlaubte, das zu beweisen. Am Sonntag wird sie siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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