Bilanz Filmfestival Venedig

Uns leuchtet ein Seestern

Von Dietmar Dath, Venedig
 - 18:10
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Es gibt ein paar befremdliche Hinweise darauf, dass sich das Filmfestival von Venedig (wie viele andere fixe Einrichtungen im Kulturkalender derzeit) selbst heimlich für ein bisschen zurückgeblieben hält, also für eine Sache nicht nur von letzter Woche, sondern im erweiterten Sinn „von gestern“: Der kopfscheue, dieselbe Mitteilung oft mehrmals am Tag bekanntgebende Eifer beim Aufhängen seiner Neuigkeitenwäsche in den elektronischen Netzen gehört dazu, ebenso wie der einerseits aufdringlich pressierliche, andererseits irgendwie verklemmte Stolz, mit dem die Medienarbeit der Veranstaltung auf dem blutjungen Genre „virtuelle Realität“ herumreitet.

Die Kritik wie das Publikum müssen wohl damit leben, dass Festivalgremien im derzeitigen, medienpanisch aufgeheizten Epochenmoment des fliegenden Plattformwechsels audiovisueller Inhalte von der Riesenleinwand aufs Smartphone und retour davon schwärmen, dass man mit einem klobig-komischen Apparat auf dem Kopf eine mäßig originelle Gespenstergeschichte von Tsai Ming-Liang erleben kann, als spuke man selbst in ihr herum. Dazu gehört auch, dass man für digital generierten Schnickschnack, der den Gleichgewichtssinn mit abgeschmackten Weltraumspaziergangstäuschungen narrt, mittlerweile selbst in Cannes Preise bekommt (so geschehen dieses Jahr mit „Home: A VR Spacewalk“ des britischen Studios Rewind), ja dass zum selben Termin ein Filmemacher wie Alejandro González Iñárritu, der sich eigentlich doch besonders gut darauf versteht, ein zweidimensionales Leinwandwerk vermittels Bewegung ins Fluchtpunktzentrierte zu vertiefen, mit „Carne y Arena“ Anschluss an jene Mode sucht, deren Feier ein Biennale-Beweger und Virtual-Reality-Enthusiast namens Michel Reilhac zu einer der Hauptattraktionen von Venedig machen will.

So kam’s, dass Gina Kim auf dem Festival mit „Bloodless“ Neugierigen einen begehbaren Sexualmord anbot, begangen von einem amerikanischen Soldaten an einer Sexarbeiterin in Südkorea, und dass andere mit den erwartbaren Zappel-, Hampel-, Wackel- und Science-Fiction-Stoffen von der Tatsache abzulenken suchten, dass die Technik dieser, na ja, Werke zwar brandneu ist, ihr kindisches Beharren auf dem armen Gedanken, Kunsterfahrungen seien irgendwie dadurch zu steigern, dass man sie wirklichen Erfahrungen stärker annähere, hingegen älter und erledigter gar nicht sein könnte – Fallobst der Simulationstheorien und Theoriesimulationen der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Zwar ist einiges von diesem Zeug auf die eine oder andere (etwa stoffliche, wahrnehmungspsychologische usw.) Art irgendwie dann doch „interessant“, aber das gilt auch für einen Verkehrsunfall, dessen Zeuge man zufällig wird – und dafür schafft ja auch (bis jetzt) niemand eine eigene Sparte bei ästhetischen Wettbewerben.

Im Kontrast zu derlei Kram hat im Lidobetrieb diesmal der brave alte Spielfilmwettbewerb das Kino zwischen Hollywoodmaterialschlacht und europäischer Eigenbrötlerei von einigen seiner besten Seiten gezeigt, vom verschwenderischen Quatsch bis zur unerwarteten Größe – wo sonst als bei so einem Kamerakräftemessen kann man zum Beispiel drei Stunden zielloses Strandgeplansche unter jungen Leuten im Sommersonnenschein bewundern wie bei Abdellatif Kechiches Pubertätsweihedrama „Mektoub, My Love: Canto Uno“? Dieses Ding wird man je nach Neigung und Tagesform entweder für die längste nährwertfreie Filmpraline der Welt halten oder, weil darin einmal zu klassischer Musik ganz langsam ein kleines Schaf geboren wird, für eine mystische Offenbarung (Lamm Gottes etc.).

Nur wo Kunst mit vollem Risiko in dieser Breite schiefgehen darf, ereignen sich am Rand, im Halbdunkel, echte Kribbelküsse wie die Performance von Charlotte Rampling in Andrea Pallaoros „Hannah“ – einerseits ein Film mit einer Geschichte von nicht zu überbietender Banalität (eine alte Frau verliert nach der Inhaftierung ihres Gatten wegen eines Verbrechens den Kontakt zur Familie und zur Welt, ihre Einsamkeit erkennt vor allem man daran, dass sie immer mit der Bahn hin und her fährt), andererseits ein Hymnus ans Mimische an sich: Wie Frau Rampling da unter schweren Lidern nur scheinbar knochenschwer müde, in Wahrheit aber rechtschaffen missbilligend ins Weltganze äugt, wie sie sich im Schwimmbad auszieht, wenn der Film sagen will, dass sie sozial unsichtbar ist, und wie sie einen depressiven Hund zu füttern versucht, der sie nicht ernst nimmt, das hat mehr Würde als der edelste Verfassungs-Menschenrechtsartikel, und Ironie steckt sie gleich noch dazu wie eine knisternde Strohblume in einen Strauß blutender Rosen.

Einen weiteren köstlichen Freudenschauer, der dem sehr ähnelt, den man beim Anblick solcher Schauspielerei empfindet, darf man auch dabei verspüren, dass der Goldene Löwe für den besten Film dieses Jahr an eine Fantasyproduktion geht, deren Heimat das vom Gegenwartskino seit dem altersbedingten Nachlassen der Talente des großen Terry Gilliam allzu selten besuchte Niemandsland zwischen Walt Disney und Luis Buñuel ist: „The Shape of Water“ von Guillermo del Toro, ideale Bühne für Michael Shannon als Dreckskerl des Jahres, Sally Hawkins als gute Fee der Sehnsucht und Richard Jenkins als tapsiges Weltgewissen, ist der bestmögliche Beleg dafür, dass Leute, die so viele Filme aus der untersten, vollsten und wertvollsten Schublade des reinen Effekt- und Zerstreuungskinos zwischen Horror und Science Fiction gesehen und studiert haben wie del Toro, im Zweifelsfall die bestgeeigneten Künstler dafür sind, das Medium Film an seine Kardinaltugenden und Grundvermögen zu erinnern: Ganz recht, Kino, das ist, wenn man ins unmögliche Glück sinkt wie die beiden Hauptfiguren von „The Shape of Water“ am Ende in die schützende Meeresbucht.

Kinotrailer
"The Shape of Water"
© Twentieth Century Fox, Twentieth Century Fox

Dann schwebt die Seele abwärts durch eine Wolke von leuchtendem Märchenplankton und fühlt sich, als würde sie in sternenklarer Nacht von fernen Sonnen ins All gerufen.

Del Toros Bilder können in Feuer schwimmen und unter Wasser atmen. Sie bauen Räume aus buntem Licht, die eben nicht virtuell real sind, sondern etwas viel Bedeutsameres: freiwillig, ohne kunstfremde Ausreden, von ganzem Herzen irreal.

Die Preise beim Filmfestival von Venedig

Goldener Löwe für den besten Film: „The Shape of Water“, eine Fantasy-Liebesgeschichte von Guillermo del Toro
Silberner Löwe, großer Preis der Jury: „Foxtrot“, ein israelisches Kriegs- und Familiendrama von Samuel Maoz
Silberner Löwe für die beste Regie: Xavier Legrands Scheidungstragödie „Jusqu’à la garde“
Coppa Volpi für den besten Darsteller: Kamel El Basha im libanesischen Gerichtsfilm „The Insult“, Regie: Ziad Doueiri
Coppa Volpi für die Beste Darstellerin: Charlotte Rampling in der Charakterstudie „Hannah“, Regie: Andrea Pallaoro
Bestes Drehbuch: Martin McDonagh für den Meta-Krimi „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“
Spezialpreis der Jury: Der australische Western „Sweet Country“, Regie: Warwick Thornton
Marcello-Mastroianni-Schauspielerpreis: Charlie Plummer für die jugendliche Selbstfindungserzählung „Lean on Pete“, Regie: Andrew Haigh
Goldener Löwe als Ehrenpreis fürs Lebenswerk: Jane Fonda und Robert Redford
Jaeger-LeCoultre „Glory to the Filmmaker“-Preis für filmische Innovation: Stephen Frears
Orizzonti-Preis: Susanna Nicchiarellis Pop-Nostalgiefilm „Nico 1988“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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