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„Hancock“ mit Will Smith

Ein wahrer Held hinterlässt keine Krater

Von Bert Rebhandl
 - 11:41

Superhelden sind asozial. Das ist nun einmal so. Wer aus eigener Kraft fliegen kann, erlebt den Alltag anders. Daran ändert auch nichts, dass viele Superhelden ein bürgerliches, ja kleinbürgerliches Leben führen und nicht selten ein schönes Mädchen anschmachten, bei dem sie ohne Kostüm keine Chance haben, das sie aber in Montur nicht erkennt.

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In Los Angeles ist nun ein Superheld aufgetaucht, der noch asozialer ist als die meisten Kollegen. Hancock hat keinen Butler, keinen richtigen Beruf, keinen Dienstgeber. Er entstammt nicht einmal dem Universum, aus dem die meisten Vertreter seines Fachs kommen: Hancock ist kein Marvel-Mann. In Los Angeles haben die Menschen ein nicht geringes Problem mit Hancock. Er bringt zwar immer wieder Bösewichte zur Strecke und rettet gefährdete Personen in letzter Sekunde vor dem Tod. Aber er tut es ohne die nötige Sorgfalt. Deshalb verursacht er beträchtliche Kollateralschäden.

Keine Bremsspur, ein Einschlag

In der besten Action-Szene des Films „Hancock“ steht ein Mann mit seinem Wagen auf einer Gleisanlage. Vor und zurück geht nichts, ein Zug donnert heran, da kommt Hancock geflogen und stellt sich der Lokomotive in den Weg. Zu einer Bremsspur kommt es nicht, vielmehr zu einem unglaublichen Einschlag, und die Kamera muss sich danach ziemlich weit in die Lüfte erheben, um das ganze Ausmaß des Schadens zu überblicken. Immerhin, der Fahrer ist gerettet, wenn er auch nun mit dem Kopf nach unten in seinem verbeulten Auto hängt.

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„Sie fliegen nicht zufällig auf dem Heimweg im Valley vorbei?“ Mit dieser Frage beginnt „Hancock“ erst richtig. Denn Ray (Jason Bateman) ist ein PR-Berater, der für Hancock (Will Smith) eine Strategie auftüftelt, wie er den Anforderungen an einen Superhelden gerecht werden kann. Erste Lektion: Die Landung. Hancock kommt zu seinen Aufgaben in der Regel geflogen, er setzt dabei immer hart auf und hinterlässt größere Krater in der Infrastruktur. Nun lernt er, seinen unverwundbaren Körper besser einzusetzen. Er federt die Landung ab. Ray arbeitet mit seinem Klienten nach dem Muster einer paradoxen Intervention. Damit er als Superheld wieder nachgefragt - und nicht nach New York weggewünscht - wird, muss er sich für eine Weile aus dem Verkehr ziehen. Er geht freiwillig ins Gefängnis, um für die vielen Sachbeschädigungen zu büßen.

Rasieren mit den Fingernägeln

Widerspenstig nimmt Hancock auch an den Sitzungen mit dem Ziel des „anger managements“ teil. Allmählich wird aus ihm ein mustergültiger Erdenbürger, ein sozialer Superheld, der nur dadurch auffällt, dass er zum Rasieren seine Fingernägel benutzt. Mit der bloßen Integrationsleistung ist es aber in diesem Film nicht getan. Vielmehr wechselt „Hancock“ nach gut der Hälfte einigermaßen überraschend das Register. Die ganze Zeit über hatte man sich schon gefragt, warum Rays Ehefrau Mary (Charlize Theron) eigentlich so seltsam wissend auf Hancock blickte. Nun tun sich plötzlich ganz neue Dimensionen auf, es geht nicht länger um lustige Totalschäden, sondern darum, dass auch ein bionoides Wesen Identitätsprobleme haben kann.

So ähnelt „Hancock“ ein wenig den exzentrischen Flugbahnen seines Helden. Dem Vernehmen nach wurde an dem Drehbuch von Vincent Ngo zehn Jahre lang immer wieder gearbeitet, bis Michael Mann und Will Smith mit der Produktion endlich Ernst machten und Peter Berg („Operation: Kingdom“) mit der Regie betrauten. Das Resultat ist zwiespältig, vor allem, weil „Hancock“ sich mit den zum Teil großartig komischen Stunts der ersten Hälfte eine Hypothek auflädt, die der Film in seinem ganz anders gestimmten Fortgang nicht vollständig abzutragen vermag. Im Detail ist dies aber eine originäre und immer wieder auch anarchische Variante in einem Genre, das um der ihm eingeprägten Allmachtsphantasien willen besonders stark nach allgemeiner Akzeptanz strebt.

Quelle: F.A.Z.
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