Film „Wunder der Wirklichkeit“

The Day the Rüsselsheimer Avantgarde Died

Von Bert Rebhandl
 - 08:20

Die „Tagesschau„ sprach von einem „schweren Schlag für die südhessische Künstlerszene“, als sie am 22. Dezember 1991 den Absturz einer DC 3 am Hohen Histler bei Heidelberg meldete. Die alte Maschine hatte eine „Filmgesellschaft“ an Bord, die an einem Kurzfilm mit dem Titel „Bunkerlow“ arbeitete. 26 Menschen starben. Ein Ereignis, dem sich der Filmemacher und Journalist Thomas Frickel erst jetzt zu stellen vermochte. Die Dokumentation „Wunder der Wirklichkeit“ heißt zugleich „Wunden der Wirklichkeit“, anders als mit einem gebrochenen Titel wird man der Umstände nicht gerecht.

Es passt zu diesen Umständen, dass das förmliche Deutsch der „Tagesschau„ beinahe schon wieder ironisch klingt: Der „schwere Schlag für die südhessische Künstlerszene“ bedeutete konkret, dass die Stadt Rüsselsheim mit einem Mal nahezu ihre gesamte Avantgarde verlor. An „Bunkerlow“ arbeitete eine Gruppe von Freunden, in der Kabine saßen Angehörige und Freunde, auf der Toilette hatte (auf einem unversicherten Platz, wie allen bewusst war) der Tonmann Eduard Kuchenbecker seine Geräte aufgebaut. Er überlebte den Absturz, er nahm ihn nicht einmal richtig wahr.

Thomas Frickel musste damals einen Nachruf auf seine Freunde schreiben, zuvorderst auf Martin Kirchberger, den Kopf der Gruppe. „Cinema Concetta“, so nannte man sich, in Erinnerung an eine junge Frau mit italienischem Namen, die Kirchberger als Zivildiener kennengelernt hatte. „Concetta“ klingt ein bisschen nach „Konzept“, und damit nach künstlerischer Moderne. Und damit ist ein entscheidendes Stichwort gefallen, denn „Cinema Concetta“ und die verschiedenen Vorstufen kann man tatsächlich als einen Zweig der Avantgarden der sechziger und siebziger Jahre sehen.

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Kinotrailer„Wunder der Wirklichkeit“

Fluxus gab es nicht nur in New York, sondern auch (mit einer Extraportion Schalk) in Rüsselsheim. Die berühmte Gleichung „Kunst ist Leben“ galt für Kirchberger auf eine spielerische Weise wie von selbst. Ein früher Film wie „Stuhl in Extremsituationen“ lässt sich heute in vielfachen Bezügen sehen, zu Künstlern wie Chris Burden oder Roman Signer, aber auch zu späteren Fernsehformaten wie „Jackass“. Nur eben mit der Besonderheit, dass Kirchberger und seine „Familie“ es gar nicht darauf abgesehen hatten, mit dem internationalen Kunstbetrieb oder mit dem um 1980 gerade erst auftauchenden Nischenfernsehen in Konkurrenz zu treten.

Eine Kaffeefahrt in der Luft

Und dies in einer Stadt, von der zu Beginn von Frickels Film jemand erzählt, dass viele dort damals nicht einmal eine Musikschule wollten. „Klavierspielen ist für Reiche“ und nicht für die Masse der Fabrikarbeiter in einer Opel-Stadt. Die Geschichte der Kirchberger-„Familie“ (zu vergleichen wären die Künstlerfamilien von Christoph Schlingensief und Helge Schneider im Ruhrgebiet) enthält auch ein wichtiges Stück Bildungsgeschichte der alten Bundesrepublik. Kirchberger und seine Generation konnten die Freiheiten genießen, die aus den gesellschaftlichen Liberalisierungen nach dem Wirtschaftswunder hervorgegangen waren, und sie konnten sich mit der Unterstützung der lokalen Politik gegen das Klima der Wende nach dem Regierungsantritt von Helmut Kohl im Jahr 1983 wenden. Bei den Auseinandersetzungen um die Startbahn West verband sich Sponti-Geist mit Politik, und wichtige agitatorische Wandbilder zahlte das Rathaus.

In den Aufnahmen von einer Trauerfeier taucht auch der Begriff „Mockumentary“ auf, verwendet von einem Mann, der bei der Aussprache dieses Fremdworts deutlich unsicher ist. Dass es in Rüsselsheim schon „veräppelte Dokumentarfilme“ gab, als von dieser bedeutenden Strömung im neueren Kino noch kaum irgendwo die Rede war, das ist einer der vielen zugleich schmerzhaften und kuriosen Aspekte, von denen Frickel erzählt. „Cinema Concetta“ war keiner Zeit voraus, sondern auf eine schräge Weise in einer eigenen Zeit befangen, ähnlich originell und handgemacht wie die Filme von Reinhard Kahn und Michel Leiner, die bei Frickel unerwähnt bleiben.

Die Dreharbeiten in der DC 3 im Jahr 1991 galten einem Filmprojekt, das von einer „Kaffeefahrt in der Luft“ erzählen sollte, in Form einer Satire auf die neuen Luftkriege, die gerade am Persischen Golf geprobt wurden. „Gesichter sehen beim Fliegen anders aus“, so hatten die Filmemacher damals begründet, dass ein Dreh am Boden nicht reichte. Das nach dem Absturz aufgefundene Material reichte bis knapp an den tödlichen Moment. Die 27 Jahre seither haben den Überlebenden ausreichend Zeit gegeben, um ihre Erinnerungen zu einem bewegenden Film beisteuern zu können. „Wunder der Wirklichkeit“ zeigt, dass von der Kunst auch dann etwas übrigbleibt, wenn sie es nicht in den großen Kanon schafft.

Quelle: F.A.Z.
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