Im Gespräch: John Boorman

Sind alle Schauspielstars zickig, Herr Regisseur?

Von Marco Schmidt
 - 15:37

Wir treffen John Boorman an einem ungewöhnlichen Ort: auf dem Rio Negro an Deck eines Holzschiffes auf dem Weg nach Manaus, wo der Regisseur beim Amazonas-Filmfestival als Jurypräsident fungiert. Seine weißen Haare flattern im Fahrtwind, seine Augen blitzen hellwach, verschmitzt und herausfordernd.

Vor gut zwanzig Jahren haben Sie hier in der Amazonas-Region Ihr Leinwanddrama „Der Smaragdwald“ gedreht. Was kommt Ihnen nun bei Ihrer Rückkehr als Erstes in den Sinn?

Die Gegensätze. Ich denke einerseits an den Indianerstamm, mit dem ich damals eine Zeitlang lebte, um die Bräuche der indigenen brasilianischen Bevölkerung zu studieren - eine profunde Erfahrung für mich. Andererseits muss ich an die Auswüchse der Korruption denken, mit denen wir seinerzeit konfrontiert wurden. An unseren ersten Drehtagen hatten wir zum Beispiel keine Ausrüstung: Der Zoll wollte sie partout nicht rausrücken. Und als das gecharterte Flugzeug von Rio nach Tucurui für unser Team bereitstand, wurde ich festgenommen und eingesperrt - mit der Begründung, mein Visum sei fehlerhaft. Erst nach vielen Stunden fand unser Produktionsleiter heraus, wen er bestechen musste. In Mexiko verlangen die zuständigen Menschen einfach eiskalt das Geld von dir - aber dafür sind die Brasilianer viel zu charmant. Oft haben wir die falschen Leute geschmiert: Sie bedankten sich höflich, verschwiegen aber, dass sie mit der Sache gar nichts zu tun hatten.

Der Konflikt zwischen Natur und Zivilisation ist ein stetig wiederkehrendes Thema in Ihren Filmen ...

Ja. Es war mir schon immer ein Anliegen, zu zeigen, dass es zu einer Massenneurose führt, wenn der Mensch sich nicht mehr als Teil der Natur sieht, sondern sich ihr überlegen fühlt. Langsam erkennen wir, dass sich die Natur nicht kontrollieren lässt - und dass dieser Planet uns locker abschütteln kann. Seit meiner Kindheit hat mich die Natur fasziniert. Vor allem mit Bäumen habe ich mich mein ganzes Leben lang intensiv beschäftigt. In Irland, wo ich lebe, habe ich in den vergangenen vierzig Jahren mit meinen eigenen Händen mehr als fünfzehntausend Bäume gepflanzt, um die ich mich auch persönlich kümmere.

Sie haben sich zudem in „Beim Sterben ist jeder der Erste“ mit der Zerstörung eines Flusses beschäftigt, in „Rangoon“ mit der Freiheitsbewegung gegen die burmesische Militärjunta und in „Country of My Skull“ mit der südafrikanischen Apartheid. Glauben Sie, dass Filme etwas bewirken können?

Wenn ich das nicht glauben würde, dann müsste ich mich glatt erschießen. Filme können zwar nicht die Welt verändern, aber sie können uns emotional packen und so zum Nachdenken anregen. Statistiken über die Zerstörung des Regenwaldes lassen uns kalt - doch wenn wir in „Der Smaragdwald“ konkret sehen, was das für verheerende Folgen für die Indianer hat, dann widmen wir uns in Zukunft den entsprechenden Nachrichten mit größerer Aufmerksamkeit. Übrigens waren die Umweltschutzgruppen, die für die Erhaltung des Regenwaldes kämpfen, bis Mitte der achtziger Jahre in Brasilien strikt verboten - erst als „Der Smaragdwald“ ins Kino kam, wurden sie aufgrund des starken öffentlichen Drucks legalisiert. So hatte der Film damals zumindest einen kleinen positiven Effekt.

Welchen Ihrer Filme mögen Sie am liebsten?

Billy Wilder sagte einmal in Cannes zu mir: „Ach, John, mit unseren Filmen ist es wie mit unseren Kindern - wir hoffen, sie würden sich zu Einsteins entwickeln, aber manchmal entpuppen sie sich doch als Idioten!“ Er hatte recht, und mir sind seltsamerweise meine angeblichen „Idioten“ besonders ans Herz gewachsen: die Filme, die es nie so richtig geschafft haben. „Leo, der Letzte“ zum Beispiel.

Für diese Komödie haben Sie immerhin 1970 den Regiepreis in Cannes gewonnen. Wie kamen Sie mit Ihrem Hauptdarsteller Marcello Mastroianni zurecht?

Ganz prima. Von ihm habe ich gelernt, dass ein Großteil meiner Dialoge überflüssig war, weil es Wege gab, die Emotionen auch ohne Worte auszudrücken. Das lag durchaus in seinem eigenen Interesse, denn er sprach nicht besonders gut Englisch und war heilfroh um jede gestrichene Dialogzeile. Ich fand ihn sehr amüsant. Bei einem Lunch erzählte er mir, dass er in seiner Jugend ständig von Autogrammjägerinnen bedrängt wurde, die fast alle nicht zugeben wollten, dass das Autogramm für sie selbst bestimmt war - sie behaupteten: „Es ist für meine Schwester!“ Just in diesem Moment kam ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen an unseren Tisch und bat ihn um seine Unterschrift. Er meinte zu ihr: „Ich nehme an, es ist für Ihre Großmutter, stimmt's?“

Die Hauptrolle in „Die Zeit der bunten Vögel“ haben Sie mit der damals noch unbekannten Uma Thurman besetzt. Arbeiten Sie lieber mit Neuentdeckungen als mit großen Stars?

Uma bot eine atemberaubende Kombination: Sie war gesegnet mit dem Intellekt einer Cambridge-Professorin und der Verspieltheit eines Kindes. Solche frischen, neuen Darsteller tun jedem Film gut. Aber abgesehen davon mag ich große Stars und arbeite gern mit ihnen. Das Problem ist nur, dass ich sie mir meistens nicht leisten kann.

Welcher Star hat Sie am meisten beeindruckt?

Lee Marvin. Er gestand mir, dass er als junger Scharfschütze im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Japaner getötet hatte - und dass er seitdem verzweifelt versuchte, seine Unschuld wiederzufinden. Deshalb war er die Idealbesetzung für unseren ersten gemeinsamen Film „Point Blank“, denn da geht es um einen Verbrecher, der ins Leben zurückkehren will. Zwischen Lee und mir herrschte ein tiefes gegenseitiges Verständnis. Er war Alkoholiker, aber er betrank sich grundsätzlich nie während der Arbeit, sondern immer nur an freien Tagen. Als ich einmal keinen Schimmer hatte, wie ich die nächste Szene filmen sollte, erkannte er sofort, dass ich Zeit gewinnen musste. Da fing er an, herumzugrölen und zu torkeln, bis der Produktionsleiter sich gezwungen sah, die Dreharbeiten zu unterbrechen. So hat Lee mich gerettet. Er war ein feiner Kerl!

Und mit wem hatten Sie die meisten Probleme?

Mit Toshiro Mifune. Wir drehten zusammen „Die Hölle sind wir“, und es war wirklich die Hölle. Ich hatte zuvor extra seinen Lieblingsregisseur Akira Kurosawa um Tipps gebeten, wie man Mifune am besten inszenieren könnte. Kurosawa ließ sich sehr lange Zeit mit seiner Antwort und sagte dann bedeutungsschwer: „Man kann ihn nicht inszenieren.“ Leider hatte er recht. Als ich Mifune traf, waren wir uns überaus sympathisch, und er bot mir an, dass ich in seinem Restaurant immer kostenlos essen dürfe. Aber am Ende der Dreharbeiten haben wir einander abgrundtief gehasst. Viele Jahre später aß ich mal in München aus reiner Neugierde mit drei Freunden im „Mifune“, dem Restaurant, das ihm gehörte. Als ich die Rechnung verlangte, hieß es: „Sie müssen hier nicht bezahlen. Sie stehen auf Toshiros persönlicher Liste.“ Diese Größe hat mich schwer beeindruckt.

Wie lief es mit Pierce Brosnan bei „Der Schneider von Panama“?

Wunderbar. Sehr entspannt. Es gab in Panama große Widerstände gegen das Projekt - den Leuten war das Buch von John Le Carré viel zu kritisch. Aber Pierce hat uns sämtliche Türen geöffnet. Ich bekam alles, was ich wollte, weil die Präsidentin von Panama so scharf auf Mr. Brosnan war. Als ich darum bat, im Palast drehen zu dürfen, fragte sie nur: „Wird Pierce da sein?“ Und ich schwindelte: „O ja.“ Einmal schnappte sie ihn sich tatsächlich: Sie hatte durch ihre Spione am Set erfahren, dass er während einer drehfreien Woche zurück nach Los Angeles flog - und als er die Maschine bestieg, hundemüde und mit einem ausgewachsenen Kater, da stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass sie neben ihm saß!

Brosnan spielt in Ihrem Film einen fiesen Agenten-Dreckskerl, eine Art Anti-Bond. 1973 setzten Sie Sean Connery in „Zardoz“ als brutalen Barbaren ein. Absicht oder Zufall?

Absicht. Ich habe beide bewusst gegen ihren Typ besetzt, habe sie sozusagen in Säure getaucht, um sie von ihrem glatten 007-Image reinzuwaschen. Vor allem Pierce hatte einen Heidenspaß, endlich die Sau rauslassen zu dürfen. Und es war für ihn eine späte Genugtuung, weil ich 1980 fast seine Karriere ruiniert hätte, wie er mir neulich erst erzählte: Als ich ihn für „Excalibur“ ablehnte und auf seinem Heimweg auch noch seine klapprige Karre zusammenbrach, so dass er zu Fuß heimmarschieren musste, weil er sich kein Taxi leisten konnte, schwor er in seiner Wut, den Beruf zu wechseln.

Bei „Excalibur“ haben Sie sich für Nicol Williamson als Merlin und Helen Mirren als Morgana entschieden. Stimmt es, dass die beiden einander nicht ausstehen konnten?

Das war eine sehr heikle Geschichte. Die beiden hatten zuvor in einer ziemlich katastrophalen „Macbeth“-Inszenierung gespielt. Als ich Nicol sagte, dass ich ihm die Rolle des Merlin anvertrauen wollte, fragte er: „Und wer ist meine Partnerin?“ Ich sagte: „Helen Mirren.“ Da meinte er, das sei ausgeschlossen. Ich fragte, wo das Problem liege, und er sagte: „Sie wollte mit mir schlafen, aber ich habe sie abgewiesen.“ Also sprach ich mit Helen Mirren. Doch auch sie lehnte eine Zusammenarbeit mit Nicol Williamson kategorisch ab - mit der Begründung: „Er wollte mich ins Bett zerren, aber ich habe ihn abblitzen lassen.“ Daraufhin engagierte ich kurzerhand beide, denn ich fand die Spannung zwischen ihnen für die Figuren im Film geradezu ideal. Keine Ahnung, ob sie letztlich doch noch miteinander in der Kiste gelandet sind! (lacht)

Wenn Sie zurückblicken: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen für Filmemacher seit den siebziger Jahren verändert?

Für Regisseure wie mich ist die Situation katastrophal, denn die Filme, die ich damals drehen konnte, würde heutzutage kein Mensch mehr finanzieren. Die Studios stecken ihr Geld nur noch in sündteure Blockbuster, mit denen sie unsere Kinos verstopfen - für arme Würstchen wie mich ist da kein Platz mehr. Und wenn doch noch ein paar Brosamen für engagierte Filme abfallen, dann versuchen die Geldgeber, massiv Einfluss zu nehmen. Als ich früher meine Drehbücher präsentierte, hieß es: „Wunderbar, legen Sie los!“ Und auch meine fertigen Filme wurden ohne Änderungswünsche akzeptiert. Das wäre heute völlig undenkbar - da wird jede einzelne Textzeile kritisiert und umgeschrieben. Die größte Pest sind die sogenannten Drehbuch-Gurus, die jungen Autoren beibringen wollen, wie Drehbücher angeblich auszusehen haben: Sie verkaufen eine bestimmte Erfolgsformel - und betreiben dabei die reinste Gehirnwäsche. Kein Wunder, dass die Filme inzwischen fast alle nach demselben Schema ablaufen.

Sie haben einst als Dokumentarfilmer begonnen. Warum drehen Sie so wenig zeitgenössische britische Spielfilme?

Ich bin ja nicht der Einzige, auf den diese Beobachtung zutrifft. Die erfolgreichsten britischen Filme beschäftigen sich allesamt mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart - das liegt schlichtweg daran, dass Großbritannien früher viel mächtiger und interessanter war. Über das heutige England gibt es wirklich nicht viel zu sagen: Es ist bloß eine traurige kleine Insel vor der europäischen Küste. Und in meinem Alter sollte man sich seine Filmsujets schon sehr genau aussuchen.

Sie könnten sich ja ein Beispiel an dem portugiesischen Regie-Altmeister Manoel de Oliveira nehmen: Der dreht mit seinen 99 Jahren immer noch munter Filme ...

Ja, wenn ich die Lust zu verlieren drohe, denke ich immer an ihn - er hält sozusagen meinen kreativen Motor am Laufen. Manoel de Oliveira ist ein erstaunliches Phänomen. Zuletzt traf ich ihn in Venedig; er kam auf mich zu und fragte: „Na, John, wie geht's? Hast du deine Frau mitgebracht?“ Ich verneinte, und er sagte: „Schade! Wir hätten ein bisschen auf Portugiesisch plaudern können!“ Dazu müssen Sie wissen, dass ich ihn zuvor acht Jahre lang nicht gesehen hatte - und dass ich damals nur am Rande erwähnt hatte, meine Frau sei in Brasilien aufgewachsen. Sie sehen, was für ein unglaubliches Gedächtnis dieser Mann hat. Ehrlich gesagt: Ich bezweifle sehr, dass ich mit 99 noch so fit bin! (lacht)

Zur Person

John Boorman wird am 18. Januar 1933 in Shepperton bei London geboren.

Anfang der sechziger Jahre beginnt er seine Regie-Karriere mit diversen Dokumentationen für die BBC. Sein Kinodebüt „Fangt uns, wenn ihr könnt!“ (1965) erregt Aufmerksamkeit in Hollywood. Dort realisiert er 1967 das düstere Rachedrama „Point Blank“, das ihn auf einen Schlag berühmt macht.

„Excalibur“ (1981), Boormans bildgewaltige Leinwand-Adaption der Artus-Legende, ist bis heute sein bekanntester Film. Zu seinen weiteren Kinoerfolgen zählen der Abenteuerthriller „Beim Sterben ist jeder der Erste“, für den Boorman 1972 seine erste Oscar-Nominierung erhält, das ökologische Regenwald-Drama „Der Smaragdwald“ (1985), die autobiographische Kriegsdramödie „Hope and Glory“ (1987) und die Spionage-Satire „Der Schneider von Panama“ (2001). Für „Der General“, seinen Spielfilm über den nordirischen Volkshelden Martin Cahill, wird Boorman 1998 in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet.

Mit seiner zweiten Frau lebt John Boorman in Wicklow County in Irland.

Quelle: F.A.Z.
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