Interview

Quentin Tarantino: „Faule Regisseure machen mich krank“

 - 12:06

„Wenn wir es nicht in der Kamera machen können, können wir es gar nicht machen“: Ein Interview mit dem Regisseur Quentin Tarantino über digitale Bilder, Entenpressen, Blutbäder und über „Kill Bill: Volume 1“.

F.A.Z.: Sind Sie sehr nervös, nachdem Sie sechs Jahre lang keinen Film mehr gemacht haben und nun gleich mit zwei Filmen innerhalb von vier Monaten ins Kino kommen?

Überhaupt nicht. Es ist aufregend, den Film überall zu zeigen, die Reaktionen des Publikums zu erleben. Ich habe mich ein Jahr lang auf diese Phase gefreut.

Und die hohen Erwartungen, die alle an "Kill Bill" haben, belasten Sie die überhaupt nicht?

Um Gottes Willen, nein, der Rummel und das ganze Drumherum sind toll. Wenn du ein heißer Rockstar bist und die Leute auf deine nächste Platte warten, brauchst du diese Aufregung, die Vorfreude. Wenn die nicht wäre, würde auch ein Teil meines Enthusiasmus verschwinden.

Nervt es Sie nicht, daß in allen möglichen Artikeln Freunde von Ihnen zitiert werden, die lieber anonym bleiben wollen und die so freimütig Auskunft über Ihre Gemütsverfassung geben?

Anonyme Freunde, das ist für mich ein Widerspruch in sich, es sind bloß Feiglinge. Lassen Sie es mich ein für allemal klarstellen: Ich hatte keinen Schreibblock. Ich habe sechs Jahre lang nichts getan, als zu schreiben. Mein Problem war nicht der Schreibblock, ich konnte meine Sachen bloß nicht zu Ende bringen, weil ich so viel geschrieben habe. Ich bin jetzt in einer ähnlichen Position wie damals, als ich "Reservoir Dogs" gedreht habe, da hatte ich schon "Natural Born Killers", "True Romance" und "From Dusk till Dawn" geschrieben und kurz danach "Pulp Fiction". Und alle wurden gemacht. Die Leute haben mich gefragt: "Hey, wo warst du bloß die ganze Zeit?" Ich habe mich einfach zurückgezogen und ohne Ende geschrieben. Ich war nicht auf dem Radar. Jetzt habe ich jede Menge Stoff, und ich bin zurück im Geschäft.

Haben Sie zwischendurch mal überlegt, statt eines Drehbuchs einen Roman zu schreiben? Sie haben ja Ihre Erzählweise häufig mit literarischen Vorbildern wie Salinger oder Charles Willeford verglichen.

Bei jedem Drehbuch, das ich geschrieben habe, bin ich irgendwann an den Punkt gekommen, an dem ich mir gesagt habe: "Laß es stecken, mach vielleicht einen Roman daraus, es ist zu sperrig." Aber dann bin ich um diese Klippe herumgekommen, und das Buch war fertig. Meine Drehbücher sind keine Blaupausen für den Film, den ich dann drehe. Wenn ich schreibe, geht es ganz klar um das geschriebene Wort auf der Seite. Drehbücher sollen geschrieben und gelesen werden, Filme sollen gedreht und gesehen werden.

Sie haben Ihr Verfahren in "Kill Bill" mit einer Entenpresse verglichen, einem Küchengerät, mit dem man die Knochen zerquetscht, um mit dem Mark und dem Saft den Geschmack des Essens anzureichern.

Stimmt. Nur daß ich in meine Entenpresse Spaghetti-Western reintue, einen billigen italienischen Thriller, Pop-Samurai Filme, hier noch einen Monsterfilm, dort noch einen Rachefilm, und dann presse ich das aus. Am Ende kommt so eine kleine Pastetenfüllung heraus, und ich hoffe, der Geschmack bereichert den Film. Ich werfe einfach weg, was ich nicht mag, und behalte, was mir gefällt.

Ihre Zutaten sind für ein normales Kinopublikum allerdings ziemlich exotisch. Ist es nicht mitunter schwierig, sowohl die Bedürfnisse des großen Publikums als auch die Fans von Kung-Fu-Filmen, Spaghettiwestern oder Samuraifilmen zufriedenzustellen?

Es ist nicht schwer, es ist einfach das, was ich tue, worin ich lebe, was ich zu bieten habe. Wenn ich in einer Szene sechs Anspielungen habe, fühlt sich ein Fan des asiatischen Kinos wie im Himmel, er hätte sich nie träumen lassen, so etwas in einem Hollywoodfilm serviert zu bekommen - ich im übrigen auch nicht, deswegen habe ich es ja auch gemacht. Ich wollte etwas zeigen, was man noch nie gesehen hat. Wenn der Fan "Kill Bill" sieht, hat er festen Boden unter den Füßen. Jemand, der nicht mit diesem Kino aufgewachsen und dem es nicht zu einer Art zweiten Natur geworden ist, hängt ein wenig in der Luft. Alles ist neu, er hat keinen Kontext. Aber wenn es funktioniert, bekomme ich auch dieses Publikum mit beiden Beinen auf den Boden.

An der Frage nach der Gewalt kommt man bei Ihren Filmen nie vorbei. In "Kill Bill" gilt das nicht nur für die Bilder; die Tonspur ist im Vergleich zu Ihren früheren Filmen auch ziemlich drastisch . . .

. . . Sie machen besser auch die Ohren zu (lacht). "Kill Bill" ist mein erster richtiger Actionfilm, und ich wollte auch den Ton so intensiv wie möglich haben, aber nicht so, wie in den großen Hollywoodfilmen. Der Sound von "Terminator 3" beispielsweise ist sehr gut, aber ich halte es eher mit der alten Schule, ich liebe so krude Musikschnitte wie in alten Kung-Fu-Filmen. Viele Regisseure sehen sich ja ihren Film nach der Premiere nie wieder an, weil sie es nicht ertragen, ihn unter schlechteren als optimalen Bedingungen zu sehen. Ich bin in Kinos groß geworden, wo weit weniger als optimale Bedingungen herrschten. Ich hatte keine Ahnung, wie beschissen die Tonanlage war. Die Filme waren trotzdem gut. Ich bin da nicht so empfindlich. Selbst im allerbesten Kino sollte der allerbeste Sound bei der Erfahrung des Films nicht mehr als zusätzliche fünf Prozent ausmachen. Ich habe Kung-Fu-Filme in Raubkopien der fünften oder sechsten Generation gesehen, sie klangen beschissen, es sah manchmal aus wie im Aquarium, und es war immer noch ein cooler Film, der meine Welt erschütterte. Aber davon abgesehen, arbeite ich mit den besten Tontechnikern in der Branche.

Für computergenerierte Spezialeffekte, wie sie in den großen erfolgreichen Hollywoodproduktionen dominieren, haben Sie aber wenig übrig, hört man. Warum?

Ich sehe durchaus, was sie bewirken können. Als ich "Titanic" sah, hat es mich umgehauen. Auch bei der Flugzeugszene in "Fight Club" oder bei manchen Dingen in "Terminator 3". Aber die sind ja auch rausgegangen, haben haarsträubende Actionszenen gedreht und dann computergenerierte Bilder hinzugefügt, weil alles andere lebensgefährlich gewesen wäre. Aber sie sind eben rausgegangen und haben die Kameras laufen lassen. Was mich wirklich krank macht, sind Regisseure, die zu faul sind. Ich sehe Szenen, die im Computer gemacht werden, die man früher einfach im wirklichen Leben gemacht hat. Wenn Larry Fishburne in "Matrix Reloaded" auf dem Lastwagen kämpft - ich bin übrigens ein großer Fan von "The Matrix" -, ist das nicht wirklich. Oder wenn sie auf dem Freeway in die Gegenrichtung fahren. Zur Hölle, das hat man in Filmen wie "Leben und Sterben in L.A." wirklich gemacht, ohne Bilder aus dem Computer. Warum soll ich dann von diesem ganzen Computer-Bullshit beeindruckt sein? Ich hatte bei "Kill Bill" ein klares Motto: Wenn wir es nicht in der Kamera machen können, können wir es gar nicht machen.

Seit Ang Lees "Tiger & Drachen" gibt es in fast allen großen Actionfilmen von "Matrix Reloaded" bis "Drei Engel für Charlie 2" gewaltige Schwertkämpferballette, am liebsten noch mit weiblichen Heldinnen. Haben Sie keine Sorge, daß das Publikum dieser Einlagen inzwischen ein wenig müde ist?

Was ist falsch an Girl Power? Es ist ja auch nur ein Umgehen der Konventionen in der westlichen Kinotradition. Wenn man nach Asien schaut, ist die Figur nicht so sehr der Heldin als der Rächerin eine vertraute Größe. Und "Kill Bill" ist zuallererst ein Rachefilm. Gut, Uma Thurman ist sehr sympathisch, aber zugleich ist sie monströs, sie ist auf einer selbstmörderischen Mission, man soll auch ein bißchen Angst vor ihr haben. Aber ich sehe meinen Film gar nicht in Konkurrenz zu anderen. "Kill Bill" steht auf ganz eigenen Füßen. Ich mochte "Tiger & Dragon" mit der Zeit und hatte Spaß beim ersten Teil von "Drei Engel für Charlie", den zweiten habe ich nicht gesehen. Ich habe auch jede Menge Schlachtszenen in den letzten Jahren gesehen. Sie kamen mir überraschend blutleer vor, als ob es auf nichts ankommt. Die beiden neuen "Star Wars"-Filme haben diese gewaltigen Schlachtszenen - aber wer kämpft denn da? Roboter! Man hat das ganze Gemetzel, aber es ist sicher, es ist ein Gemetzel für Jugendliche in Begleitung von Erziehungsberechtigten. Selbst im zweiten Teil von "Der Herr der Ringe" ist das so. Ich muß dazu sagen: Was Peter Jackson da macht, ist eines der ehrgeizigsten und erfolgreichsten Unternehmungen der Kinogeschichte. Ich war dennoch von der Schlachtszene in "Die zwei Türme" enttäuscht. Was passiert? Da kämpfen Skelette in Lumpen, nichts bedeutet etwas. Dasselbe in "Fluch der Karibik": lauter Skelette, die da kämpfen. Auch in "Matrix Relaoded" blutet keiner, es sind alles nur Computerchips. In meinem Film, da wird, kawusch, ein Arm abgehackt, das Blut spritzt. Ich glaube, selbst das prüdeste Publikum sieht, daß es um etwas geht, so verrückt es auch sein mag.

Die Fragen stellte Peter Körte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2003, Nr. 240 / Seite 45
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