Jane Fonda wird achtzig

Boomerella turnt den Winter weg

Von Dietmar Dath
 - 09:11
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Gleichermaßen beeindruckt wie charmiert zeigten sich Organisation und Publikum auf dem diesjährigen Filmfest von Venedig, wo Jane Fonda die Auszeichnung fürs Lebenswerk eher europäisch damenhaft als amerikanisch ladylike entgegennahm. Die zurückhaltend-verschmitzte Anmut der Geehrten erinnerte die Anwesenden daran, dass die Kollaborationen mit Europäern wie René Clément, Roger Vadim und zuletzt Paolo Sorrentino ihr im Laufe der Jahrzehnte längst auch auf der rechten Atlantikseite jene sichere Hochachtung verschafft haben, die sie daheim in den Vereinigten Staaten nicht nur ausweislich zweier hochverdienter Oscar-Belohnungen für ihre Leistungen in „Klute“ (1971) und „Coming Home“ (1978) seit mehr als einem Menschenalter genießt.

Mehrgleisig gefahren ist sie auf ihrem an Windungen und Wenden reichen Weg stets gern und gut; das ruppige Pathos der New-Hollywood-Schule lag ihr dabei nicht ferner als der flapsige Schmetterlingsglamour, mit dem sie bis heute romantische Komödien veredelt, und auf dem Bildschirm – etwa in Aaron Sorkins Show „The Newsroom“ – wirkte und wirkt sie nicht schwächer als auf der Leinwand.

In Venedig hatte sie dieses Jahr die Netflix-Tragikomödie „Our Souls At Night“ von Ritesh Batra nach einem Roman von Kent Haruf dabei, samt ihrem eisern (und etwas starr) gemütsgesunden alten Spielkameraden Robert Redford, dem bei dieser Gelegenheit ebenfalls ein Gesamtkarrierepreis zuteil wurde. Zwar setzt Batras Jakob-und-Adele-Fernsehspiel-Inszenierung dem wunderbaren, tiefmelancholischen Urtext von Haruf wohl einen Klacks zu viel vom versöhnlichen Süßstoff zu, als dass man von einer späten Spitzenbegegnung des Duos Fonda-Redford sprechen dürfte.

Das schauspielerische Duett als solches aber funktioniert hier tatsächlich so gut, dass die entspannte Heiterkeit, mit der diese reife Frau diesen unreifen, aber langsam auf den letzten Akt seines in charismatischer Komplettlebenstauglichkeit verbrachten Erdendaseins zuschlurfenden Mann Schritt für Schritt in die Geheimnisse einer freundlich-schalkhaften Seniorenerotik einführt, sogar die alte Legende glaubhaft macht, die Schauspielerin habe ihre Laufbahn einst als Souffleuse ihres ebenfalls bereits als stattlicher Leading Man auf die Welt gekommenen Vaters Henry begonnen.

Nicht wenige im Saal, in dem die „Our Souls at Night“-Uraufführung auf dem Lido stattfand, dürften sich davon an das erste Mal erinnert gefühlt haben, dass Redford und Fonda vor genau einem halben Jahrhundert bereits als vollmagnetisiertes Powerpaar in Erscheinung traten. Die Neil-Simon-Verfilmung „Barefoot in the Park“ (1967) von Gene Saks beginnt mit einer Kutschfahrt durch New York, an deren Ende Redford sich aus Fondas tausendarmiger und feueratembesoffener Knutschumarmung zu lösen versucht, dabei aber lernen muss, dass seine Liebste nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt der Lust zu sein begehrt: „I’m not finished.“

Trailer
„Grace and Frankie“
© Netflix, Netflix

Das war durchaus eine Feststellung mit Ellenbogen zu einer Zeit, da junge Filmschauspielerinnen noch unentrinnbar in einem Rollenquadrat wirken mussten, dessen kaum entwicklungsfähige vier Eckpositionen von den öden Klischees „Küchenengel“, „Kummerseelchen“, „Kuschelkatze“ und „Kratzbürste“ besetzt waren. Ganz erledigt ist diese Schande immer noch nicht; erst neulich zum Beispiel durfte sich pünktlich zum Start des aktuellen „Star Wars“-Rummels die fünfundzwanzigjährige, großartige Daisy Ridley von den üblichen weichgekochten männlichen Filmbetriebsnudeln in irgendwelchen Stammelblogs wieder mal als „Girl“ und „Azubine“ ankäsen lassen, und niemand nahm die dumme Sülze sofort vom Netz.

Umso größere Verehrung verdient daher Jane Fonda dafür, dass sie vom offensiv sexy-bescheuerten kambodschanischen Fruchtbarkeitstanz in Hose und BH, einem der Brennpunkte von „Barefoot in the Park“, bis zum ein Jahr später gedrehten Jahrhundertauftritt als Chrom-Paisley-und-Brausepulver-Space-Age-Madonna in „Barbarella“ die Performance von vollkörperlichem Rambazamba nie zur billigen Verfügbarkeitsannonce missraten ließ.

Rückgrat und Beweglichkeit bilden das Doppelgeheimnis solcher Darbietungen, und Rückgrat und Beweglichkeit hat sie auch als Zeitgenossin gezeigt, wobei ihre berühmte und ziemlich riskante Stellungnahme zugunsten der vietnamesischen Abwehr des westlichen Imperialismus wohl weniger von einer linken Weltanschauung und eher vom Unrechtsempfinden einer Privilegierten, aber nicht Abgestumpften inspiriert war, während umgekehrt ihre 1991 geschlossene und danach zehn Jahre währende Ehe mit dem Medienunternehmer und CNN-Gründer Ted Turner nicht als Abkehr von rebellischen Jugendträumen überinterpretiert werden sollte, sondern vermutlich einfach eine Übung in höherer Familienpolitik für Superreiche und Superattraktive gewesen sein dürfte, die ihr, wie man hört und liest, am Ende doch weniger lag, als der Gesellschaftsklatsch sich so etwas vorstellt. Wie Redford gehört auch Fonda zu den Ich-Ideal-Personae der amerikanischen Baby-Boomer-Nachkriegsgeneration, sozusagen als Boomeralla zu Redfords Boomerino, und vertritt damit (wie auf der profi-politischen Seite derselben Medaille das Ehepaar Bill und Hillary Clinton) alles, was diese seltsamen Wohlstandskinder der Menschheit spendiert, aber auch zugemutet haben, Großherzigkeiten wie Denkschwächen, zuzüglich Aerobic-Schwachsinn, in dessen Zeichen sich Rückgrat und Beweglichkeit für Fonda schließlich auch außerhalb ihres Stammberufs als gute Geschäftsgrundlagen erwiesen.

Peinlich? Was soll’s. Es gibt im Leben großer Künstlerinnen und Künstler ärgere Entgleisungen – als Literaturnobelpreisträgerin oder Zahnputzbotschafterin der Grünen kann man sich Jane Fonda jedenfalls nicht vorstellen. Heute wird sie achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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