Systematischer Missbrauch

Der tiefe Sturz des Harvey Weinstein

Von Peter Körte
 - 11:16
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So liest sich die Traumbesetzung für einen großen Film: Angelina Jolie und Ashley Judd, Gwyneth Paltrow und Mira Sorvino, Rosanna Arquette und Rose McGowan, Asia Argento, Judith Godrèche, Léa Seydoux. Nicht einmal Woody Allen oder Quentin Tarantino bekämen sie alle auf einmal zusammen. Es ist aber auch kein Traum, sondern ein Alb, es ist ein Film, den niemand sehen will. Es ist eine schmierige, eine widerliche Geschichte aus dem wirklichen Leben. Es ist die Geschichte vom tiefen Sturz des Harvey Weinstein, eines der mächtigsten Männer Hollywoods, eines Produzenten mit zahllosen Oscar-Nominierungen, eines Liberalen und langjährigen Unterstützers der Demokraten. Mit dessen Namen Filme wie „Pulp Fiction“, „Der englische Patient“, „Shakespeare in Love“, „The King’s Speech“ verbunden sind, um nur einige wenige zu nennen.

Und diese Schauspielerinnen sind nur die prominentesten unter den Frauen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten von ihm sexuell belästigt, vergewaltigt und teilweise damit bedroht wurden, er werde ihre Karriere ruinieren, wenn sie sich an die Öffentlichkeit wandten. Die Zahl der Assistentinnen und weniger bekannten Starlets ist ungleich größer. Ganz zu schweigen von denen, die anonym bleiben oder sich gar nicht äußern wollten, weil Weinsteins Anwälte sie zu Abfindungen und strikten Verschwiegenheitserklärungen gedrängt haben.

Ein bleibender Eindruck

Die „New York Times“ und das Magazin „New Yorker“ haben diese Geschichte eines notorischen und systematischen Missbrauchs in der vergangenen Woche enthüllt, es gibt Schnittmengen zwischen beiden Storys, und das untermauert nur, wie erdrückend die Beweislage ist. Weinsteins Firma, die Weinstein Company, sah sich genötigt, ihn zu feuern, seine Ehefrau, die Modedesignerin Georgina Chapman, erklärte, sie habe ihn verlassen. Hillary Clinton sagte, sie sei „schockiert und entsetzt“. Das Ehepaar Obama, dessen älteste Tochter ein Praktikum in Weinsteins Firma absolviert hat, verurteilte sein Verhalten und forderte, er müsse zur Rechenschaft gezogen werden. Und eine wachsende Schar von bekannten Schauspielerinnen, deutlich weniger Schauspielern, Regisseuren und Studiomanagern hat sich von ihm öffentlich distanziert: Meryl Streep, die ihn 2012 im Überschwang mal „Gott“ genannt hatte, Jennifer Lawrence, Jessica Chastain, Glenn Close, George Clooney, Kevin Smith. Alle haben sie ihm in ihren Karrieren viel zu verdanken.

Es ist ein Skandal, wie ihn Hollywood in seiner skandalhaltigen Geschichte lange nicht erlebt hat, es ist auch schon lange keine Person des öffentlichen Lebens in Amerika derart tief gefallen. Weinstein selbst gibt sich reuig und halbwegs zerknirscht, er hat sich entschuldigt und angekündigt, sich einer Therapie unterziehen zu wollen. Eine Sprecherin ließ zugleich jedoch verlauten, er sei immer davon ausgegangen, die sexuellen Akte seien einvernehmlich vollzogen worden. Wenn man die Schilderungen der betroffenen Frauen liest, ist das nichts als Hohn.

Es ist nun eine naive Erwartung, dass Männer, die etwas bewegt haben in Politik, Wissenschaft, Sport oder Kultur, auch sympathisch sein müssten und womöglich moralische Vorbilder. Wer Harvey Weinstein mal erlebt hat, und sei es nur aus der Halbdistanz, auf der Terrasse des Hotels „Excelsior“ in Venedig, der konnte ahnen, dass es auch als Mann nicht angenehm sein muss, seinen Unwillen zu erregen. Aggressiv wie ein Keiler bahnte er sich da mit vorgeschobenem Kopf und wuchtigen Schritten seinen Weg und faltete einen Kellner, der sich ihm servil näherte, zusammen. Das war vor knapp zwanzig Jahren ein zufälliger, aber bleibender Eindruck.

Kein kausaler Bezug

Den Spitznamen „Harvey Scissorhands“ gab es da auch schon, weil er Regisseuren deren Filme wegnahm und so umschneiden ließ, wie er es für richtig hielt. Und es gab auch damals schon die andeutungsreichen Geschichten in amerikanischen Magazinen über den rabiaten Führungsstil, die Wutanfälle, das Bulldozer-Benehmen; aber auch über die extreme Großzügigkeit und die kreativen Energien, über „Genie und Arschloch“, um es mit dem Regisseur James Ivory zu sagen. Er entsprach so ganz dem Bild des Hollywood-Moguls, wie es sich über die Jahrzehnte verfestigt hat.

Dass auch sein Verhalten gegenüber Frauen diesem Erwartungshorizont entsprach, ist keine sonderliche Überraschung, nur dass die Enthüllungen in der „New York Times“ und dem „New Yorker“ durch die Vielzahl der unappetitlichen Details, durch das Ausmaß der Mitwisserschaft, der stillschweigenden Duldung in seinem Umfeld alles übertreffen, was man sich vorstellen mochte. Womöglich erklärt sich die Rasanz seines Falls auch aus dem monströsen Umfang der Übergriffe. Und natürlich aus der Fallhöhe, denn einen solchen Sturm haben weder die beiden „Fox News“-Männer Bill O’Reilly und Roger Ailes entfacht, die wegen sexueller Belästigung gehen mussten, noch der beliebte Schauspieler Bill Cosby, der wegen des gleichen Delikts vor Gericht kam, ohne bislang verurteilt worden zu sein.

Wer halbwegs bei Sinnen ist, wird keinen kausalen Bezug zwischen den Filmen und dem Sexismus Weinsteins herstellen wollen. Auch über seine Therapiewilligkeit, über seine Einsichtsfähigkeit sollte man nicht weiter spekulieren. Die beiden Fragen, die sich im Falle Weinsteins stellen, sind andere: Was konnten wir wissen? Was dürfen wir hoffen?

Quellenprobleme?

Trotz der eindrucksvollen Recherche der beiden amerikanischen Medien bleibt offen, warum diese Storys erst jetzt erscheinen, obwohl sie akribisch zeigen, wie viele Leute schon lange gewusst, geahnt oder gehört haben, dass Weinstein Frauen belästigte, zu sexuellen Handlungen erpresste oder vergewaltigte. Ein offenes Geheimnis war das wohl, nicht nur in Hollywood. Nun müssen Medien zwar nicht allen Gerüchten nachgehen, schon gar nicht in Hollywood; aber es muss eine Kumulation der Gerüchte gegeben haben, die man nur vorsätzlich ignorieren konnte. Dass Meryl Streep sagt, wenn es so bekannt gewesen wäre, dann hätten es die Medien bestimmt aufgegriffen, ist naiver, als es einer so intelligenten Schauspielerin angemessen erscheint.

Teil der Enthüllungen ist ja gerade, wie massiv Weinsteins Anwälte und PR-Leute daran arbeiteten, alle Gerüchte zu ersticken, Opfer einzuschüchtern und Schweigeklauseln in Verträge zu schreiben. Die unbestreitbare Macht des Moguls stellte jede Recherche vor Probleme, weil es schwer ist, wasserdichte Belege und auf Band dokumentierte Aussagen zu bekommen. Dass vor allem die Branchenblätter den Anzeigenkunden Weinstein und die privilegierten Kontakte nicht aufs Spiel setzen wollten, ist unschön, aber plausibel.

Als die Journalistin Sharon Waxman 2004 für die „New York Times“ über den italienischen Weinstein-Statthalter schrieb, dass er vor allem als Harvey Weinsteins Kuppler agiere, wurde ihre Geschichte entschärft. Weinstein habe Druck auf die Redaktion ausgeübt, sagt sie. Der damalige Redakteur hat erklärt, Waxman habe keine hinreichenden Beweise vorgelegt; einen Anruf von Weinstein habe es auch nicht gegeben. Bis zum Beweis des Gegenteils kann man das schwer bestreiten – aber folgern, dass die Bereitschaft zur Recherche nicht sehr ausgeprägt war. Man fragt sich auch, warum der Sender NBC wegen „Quellenproblemen“ jene Story ablehnte, die der „New Yorker“ gedruckt hat. Sie stammt im Übrigen von Ronan Farrow, dem Sohn von Mia Farrow und Woody Allen.

Casting Couch auf dem Sperrmüll

Dass wissen konnte, wer wissen wollte, wird jetzt mit jedem neuen Artikel evident. Dass der Wille (und bei manchen auch die Möglichkeiten) zur Verbreitung dieses Wissens fehlte, muss man auch konstatieren. Nichts illustriert das besser als Asia Argentos Film „Scarlet Diva“ aus dem Jahr 2000, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt: eine Erotikschauspielerin in der Lebenskrise, die von einem Produzenten vergewaltigt wird. Von dem, was sie selbst mit Weinstein erlebt hat, unterscheidet sich die Filmszene nur dadurch, dass sie in der Fiktion flüchten kann.

Viele Frauen hätten sie nach dem Film angesprochen, hat sie dem „New Yorker“ gesagt, weil sie in dem Produzenten sofort Weinstein wiedererkannt hatten. Weinstein, der gedroht hatte, sie zu „zerquetschen“, und mit dem Argento nach dem traumatischen Erlebnis in den nächsten Jahren ein paar Mal widerwillig (für ihn vermutlich: „einvernehmlich“) ins Bett gegangen war, habe den Film einfach nur „very funny“ gefunden. Darin manifestiert sich die schamlose Gewissheit der Macht, mit allem davonzukommen. Jeder hat es gewusst, niemand hat sich getraut. Die Opfer am wenigsten, weil bei ihnen zur Ohnmacht die Scham und zur Scham die Angst vor juristischen Folgen und beruflichem Ruin kamen.

Sexuelle Belästigung
Oscar-Akademie schließt Harvey Weinstein aus
© AFP, afp

Die andere Frage ist, ob die einhellige öffentliche Verurteilung Weinsteins ausreicht, um nicht nur in Hollywood etwas zu verändern; ob sich nun wirklich mehr Frauen hervorwagen und ihre Geschichten erzählen; ob sich dadurch in den Unternehmen nicht nur der Entertainmentbranche ein Klima entwickeln kann, in dem die Casting Couch auf den Sperrmüll kommt. Und sei es auch nur, wenn die Einsicht fehlt, weil die Angst der potentiellen Täter vor Sanktionen größer ist als ihre Lust an Belästigung und Erniedrigung.

Der andere Typ wird zum Präsidenten gewählt

Lena Dunham hat in einem Beitrag für die „New York Times“ geschrieben: „Es ist dummerweise unser aller Problem“, womit sie die Agenten, die Produzenten, die Schauspieler, die Institutionen meint, die in einer Art Komplizenschaft über die Jahre verdrängt haben, was sie wussten. Das ist zutreffend, weil der Sexismus in all seinen Spielarten systemimmanent ist. Auch die massenhaften Distanzierungen, die Rückgabe von Spendengeldern, Weinsteins Ausschluss aus Akademien und Organisationen haben etwas unangenehm Eilfertiges. Dahinter verbirgt sich der Glaube, man könne sich damit von jahrelanger Duldung und Mitwisserschaft reinwaschen.

Mag sein, dass Harvey Weinstein künftig überall vor verschlossenen Türen stehen wird. Mag sein, dass nun sogar Klage gegen ihn erhoben wird. Wetten sollte man darauf lieber nicht. Die Weinstein Company, an der er und sein Bruder Bob 42 Prozent halten, wird es schwer treffen. Das muss einem nicht leid tun. Es bedeutet aber auch, dass Harvey Weinstein jenem Typus Filme, den er in den vergangenen 25 Jahren zu seinem Markenzeichen gemacht hat, die Independent-Filme, die sich künstlerisch wie kommerziell behaupten konnten, durch sein Verhalten großen Schaden zugefügt hat.

Beschädigt hat er auch den Nimbus des liberalen Hollywood. Ein Krawallblatt wie die „New York Post“ hat das mit sicherem Instinkt gespürt, wenn es von „zweierlei Maßstäben“ spricht und Hollywoods heuchlerische Empörung bei Themen wie Waffenbesitz, Einwanderung oder Trump anprangert bei gleichzeitiger Blindheit für das Treiben eines Harvey Weinstein. Das bewegt sich auf einer ähnlichen Linie wie Trumps Tiraden gegen „Fake Media“. Es mobilisiert Ressentiment unter dem Mantel der Moral, es insinuiert, die Kritik der Liberalen sei nichts als ein Manöver, um von den eigenen Verfehlungen abzulenken. Was umgekehrt zur Entlastung der Kritisierten führt.

George Clooney hat diesen diskursiven Effekt im Interview mit „The Daily Beast“ auf den Punkt gebracht: „Im ,liberalen‘ Hollywood verliert der Typ seinen Job, aber dieser andere Typ wird zum Präsidenten gewählt.“ Das umreißt ziemlich genau auch die wachsende Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Insofern hält sich die Hoffnung auf tiefreichende Veränderungen in Grenzen. Eine Gesellschaft, in der ein Mann, der sich des „pussy grabbing“ rühmt, Präsident werden kann, wird wohl kaum durch einen „Harvey Scissorhands“ zur Besinnung kommen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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