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Kino

Die Rückkehr des braunen Reptils

Von Andreas Kilb
 - 11:31
Die Entdeckung des Films: Uma Thurman Bild: Sony, F.A.Z., 17.03.2006, Nr. 65 / Seite 35

Vor knapp vierzig Jahren, im unruhigen, nach Napalm und Marihuana riechenden Frühling von 1968, wollte Mel Brooks seine Filmregisseurskarriere mit einem Eklat beginnen.

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Brooks hatte ein Drehbuch über einen Broadway-Produzenten und seinen Steuerbuchhalter geschrieben, die sich durch einen abgekarteten Flop ein für allemal sanieren wollen: „The Producers“. Das Stück, das floppen sollte, hieß „Frühling für Hitler“, stammte von einem Neonazi aus Brooklyn und schmiß sich der Political Correctness Amerikas wie ein brauner Lappen ins liberal entrüstete Gesicht. Erwartungsgemäß spaltete der Film die Kritiker, aber die Academy in Los Angeles liebte das Skript und verlieh ihm einen Oscar. Dennoch wurde „The Producers“, mit Zero Mostel und dem jungen Gene Wilder in den Hauptrollen, kein Kassenerfolg - anders als so viele spätere Mel-Brooks-Produktionen, anders als „Höhenkoller“, „Silent Movie“ oder „Robin Hood: Männer in Strumpfhosen“. Und es gab auch keinen Eklat, weder im Kino noch außerhalb. Das Jahr 1968 hatte andere Themen, andere Wunden, andere Skandale. Und Mel Brooks hatte seine Karriere ja auch noch vor sich.

Doch noch ein Hit

Inzwischen geht Brooks auf die Achtzig zu, und aus den „Producers“ ist doch noch ein Hit geworden. Vor sechs Jahren hat der Autor sein Filmdrehbuch in ein Broadway-Musical verwandelt, und da, endlich, funktionierte es. „The Producers“, das Stück über das Stück im Stück, gewann zwölf Tonys und spielte sein Budget im Nu wieder ein. Ermutigt durch diesen Erfolg, wollte Brooks es noch einmal wissen und gab ein Remake seines Debütfilms in Auftrag. Diesmal sollte nichts schiefgehen: Susan Stroman, die Regisseurin und Choreographin der Broadway-Produktion, übernahm auch die Filmregie, Nathan Lane und Matthew Broderick spielten ihre Musicalparts vor der Kamera weiter, und mit Will Ferrell als Nazidichter und Uma Thurman als Schwedenmädel Ulla wurden zwei überraschend stimmstarke Hollywoodstars verpflichtet. Aus zwei Songs wurden sechs, aus neunzig Minuten hundertvierunddreißig, und mit den Produktionskosten von 2005 hätte man die Originalversion ungefähr siebenmal drehen können. Dieser Schuß mußte ein Treffer sein.

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Leider ist „The Producers“ dennoch danebengegangen, knapp, aber deutlich. Was nicht an Nathan Lane und Matthew Broderick liegt, die ihre Rollen mit Verve und Anmut spielen, und schon gar nicht an Uma Thurman und Will Ferrell. Es liegt auch nicht am Produktionsdesign, das die Ästhetik von Busby-Berkeley-Musicals der dreißiger Jahre auf bescheidenem Niveau, aber effektvoll imitiert, oder an der Musik, die den einen Ohrwurm von damals auf Soundtracklänge dehnt. Der Grund für das Scheitern - oder besser: das Verzischen - dieses zweiten „Producers“-Films ist ein historischer: die Geschichtlichkeit des Stoffs.

Ein ranziges Klischee

Auch Witze werden älter, und Naziwitze allemal. Vor vierzig Jahren war ein schwuler Hitler in Lederhosen vielleicht eine Lachnummer; mittlerweile ist er, jedenfalls außerhalb der Museumsluft des Theaters, nur noch ein ranziges Klischee. Die Zeile „springtime for Hitler and Germany, winter for Poland and France“ war 1968 ein Gag, inzwischen erscheint sie, ebenso wie das Remake von Lubitschs „Sein oder Nichtsein“, das Mel Brooks in den achtziger Jahren gedreht hat, wie ein Witzversuch am untauglichen Objekt. Die Türen, die der erste Film eingerannt hat, sind für den zweiten zu Drehtüren geworden, sie werfen seinen Humor auf sich selbst zurück.

Daß „The Producers“ nach der Premiere des Hitlers-Stücks, die wider Erwarten zum Triumph (und also für seine Produzenten zum Desaster) wird, noch eine geschlagene Dreiviertelstunde dauert, gereicht dem Film ebenfalls zum Schaden. Die Musical-Munition ist verschossen, aber die Story spult unbeirrt weiter, als bekäme sie Überstundenzulage. Eine aktualisierende Verfilmung hätte den Stoff zerbrechen und umkrempeln müssen; Susan Stroman hat ihm nur eine nostalgische Hülle verpaßt, in der er so lebendig wirkt wie ein Reptil in Formaldehyd.

Die Entdeckung dieses Films ist Uma Thurman als Ulla. Wie sie ihren Namen haucht - „Juullaah!“ - und dazu im hautengen Kleid die Beine schwingt, das hat nicht nur Sex, sondern auch Klasse. Vor zwölf Jahren hat Gus Van Sant in „Even Cowgirls Get the Blues“ schon einmal versucht, Thurman zur Komödiantin zu machen, aber damals wirkte sie verspannt, unsicher, ungenau. Inzwischen hat sie bei Quentin Tarantino gelernt, wie man auf engem Raum unter Hochdruck locker bleibt. In „The Producers“ braucht sie nun kein Samuraischwert mehr, um sich in der Männerwelt am Broadway zu behaupten. Ein Wiegen ihrer Hüften, eine Drehung ihres Blondschopfs, ein Blitzen ihrer blauen Augen genügen.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2006, Nr. 65 / Seite 35
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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