Kino

Die Tote am Strand

 - 14:18

Am Freitag starb in Rom die italienische Schauspielerin Alida Valli, die bei Bertolucci, Antonioni, Pasolini und Hitchcock gespielt hat und in „Der dritte Mann“ die stolze Geliebte von Harry Lime war. Sie hatte in einem spärlich möblierten alten Palast an der Piazza Navona gelebt und sich von einer kargen Rente genährt, mit der ihr der italienische Staat unter die Arme gegriffen hatte. In den Nachrufen fand sich manchmal ein Nebensatz, in dem von einem Skandal die Rede war, der Italien in den Fünfzigern erschüttert und ihre Karriere ruiniert habe.

Alida Valli war nur eine Nebenfigur in dem Fall Wilma Montesi, aber sie hatte dem Hauptverdächtigen ein Alibi verschafft und damit die öffentliche Meinung gegen sich aufgebracht. Und weil der Fall so weite Kreise gezogen hatte, daß Italien damals quasi gegen sich selbst zu Gericht saß, lohnt es sich, die Vorgänge noch einmal unter die Lupe zu nehmen, die damit begannen, daß der Maurer Fortunato Bettini am Morgen des 11. April 1953 um 7.30 Uhr am Strand von Torvaianica südlich von Rom die Leiche von Wilma Montesi fand. Sie war nur 21 Jahre alt geworden und wurde zum Sinnbild der verlorenen Unschuld Italiens, Opfer jener gesellschaftlichen Veränderungen, die man verkürzt Moderne nennen könnte und die schon deshalb als Sündenbock herhalten mußten, weil der Täter nie gefunden wurde. In dem Fall vermischt sich alles, was das Land damals verschreckte, zu einem explosiven Cocktail: Mord, Sex und Rauschgift, gestürzte Politiker, zwielichtige Adlige und leichte Mädchen, all das, was Fellini später zur „Dolce Vita“ adelte.

Sie mochte Anna Magnani nicht

Die Schreinerstochter Wilma hatte am 9. April um 17.20 Uhr die elterliche Wohnung in der Via Tagliamento 76 verlassen, um mit dem Zug nach Ostia zu fahren, wo sie ihre Füße im salzigen Meerwasser baden wollte, weil sie von ihren Antilopenlederschuhen Blasen bekommen hatte. Das behauptete zumindest ihre Schwester Wanda, mit der sie in einem Zimmer schlief. Der Vater Rodolfo war nach dem Mittagessen zurück in seine Werkstatt gegangen, Mutter und Schwester ins Kino, „Die goldene Karosse“ ansehen. Wilma blieb zuhause, sie konnte die Hauptdarstellerin Anna Magnani nicht leiden.

Stattdessen war sie um 17.20 Uhr zur Station San Paolo gegangen. Das behauptete zumindest die Portiersfrau. Aber in zehn Minuten hätte sie es unmöglich zum Bahnhof schaffen können, denn der letzte Zug nach Ostia ging um 17.30 Uhr. An ihren Füßen seien auch keine Auffälligkeiten festgestellt worden, hieß es im Obduktionsbericht. Und obwohl sich Zeugen fanden, die sie am Strand von Plinius bei Ostia gesehen haben wollten, tauchte ihre Leiche siebzehn Kilometer weiter südlich auf, im schwarzen Sand von Torvaianica. Es fehlten Strumpfhalter, Strümpfe, Rock, Schuhe und Tasche.

Selbstmord oder Unfall

Eine Woche später galt der Fall als gelöst. Zwei Hypothesen hatte die Polizei aufgestellt. Entweder hatte Wilma Selbstmord begangen oder es war ein Unfall - Tod durch Ertrinken nach Ohnmachtsanfall. Keine der beiden Annahmen erklärt, warum die Unterwäsche fehlte oder warum die Leiche im Wasser eine so weite Strecke zurückgelegt hatte. Gegen den Freitod sprach nach damaliger Auffassung auch, daß lebensmüde Mädchen eher in den Tiber sprangen, sowie die Tatsache, daß Wilma mit einem Polizisten aus Kalabrien verlobt war.

Sie wurde in ihrem nicht vollendeten Brautkleid beerdigt. Die Grabinschrift unter ihrem Porträt lautet: „Gestorben am 9. April 1953. Reines Geschöpf von seltener Schönheit, das Meer in Ostia trug Dich an den Strand von Tor Vaianica - es scheint, als schliefest Du den Schaf Gottes, schön wie ein Engel. Deine Mutter, Dein Vater, Deine Schwester und Dein Bruder sind Dir nahe in ihrer großen Liebe und ihrem unermeßlichen Schmerz.“ Eine unglückliche Tote, eine trauernde Familie, ein paar Zeilen in den vermischten Nachrichten - der Fall hätte zu den Akten gelegt werden können. Aber das war nur der Anfang ...

Signor X und Signor Y

Ein halbes Jahr später veröffentlicht der Journalist Silvano Muto in dem kleinen neofaschistischen Blatt „Attualita“ einen Bericht unter dem Titel: „Die Wahrheit über den Tod der Wilma Montesi“. Darin wird ein „gewisser Piccioni“ erwähnt sowie ein „Signor X“, der Rauschgifthändler und Organisator von Orgien im Gebiet von Tarvaianica sein soll, und ein „Signor Y“, der gesellschaftlich noch weit über „X“ stehen soll. Der Journalist wird daraufhin angeklagt, „die Öffentlichkeit durch falsche und tendenziöse Nachrichten beunruhigt zu haben“, und zieht seine Behauptungen zurück.

Der Fall scheint ein zweites Mal zu den Akten gelegt, aber Mutos Artikel entwickelt ein Eigenleben. Seine Version, die Tote habe an einer Orgie teilgenommen, bei der Drogen im Spiel gewesen seien, und ihr lebloser Körper sei von den Beteiligten zur Vertuschung am Strand von Torvaianica abgeladen worden, fiel im Nachkriegs-Italien auf fruchtbaren Boden. Der Lebensstil derer, die mit den Segnungen der Moderne zu Reichtum und Ruhm gekommen waren, war ohnehin suspekt - und nichts veranschaulichte die Gefahren besser als ein junges Mädchen, das diesem süßen Leben zum Opfer gefallen war. Jeder im Land las seine eigene Geschichte in den Tod der Wilma Montesi, seine kleinen Ängste, seine heimlichen Träume.

Der schwarze Schwan

Zwei Zeuginnen betreten die Bühne, deren Namen Muto bei der Vernehmung genannt hatte. Die eine, Adiriana Bisaccia, kommt aus einem Dorf bei Neapel, bezeichnet sich als Existentialistin, lebt mit einem Morphinisten im Treppenverschlag eines baufälligen Hauses und will zum Film wie viele andere, die in den Cafés an der Piazza di Spagna herumhängen. Die andere, Anna Maria Caglio, entstammt einer gutbürgerlichen Mailänder Familie, verkehrt in besten Kreisen und bekommt wegen ihres langen Halses von der Presse bald den Beinamen „der schwarze Schwan“. Bisaccia ist dem Druck nicht gewachsen und verschwindet bald von der Bildfläche, aber zusammen mit den Aussagen der Caglio, die in einem Florentiner Kloster untergetaucht war, ergab sich jenes Sittengemälde, das die Öffentlichkeit in der Folge für bare Münze nahm.

Unweit des Strands von Torvaianica liegt Capocotta, Jagdrevier italienischer Könige, das ein Marchese Ugo Montagna für einen exklusiven Club verwaltete, für den er Orgien veranstaltet und Drogen besorgt haben soll. Dort sei auch Wilma gesehen worden - und zwar in Begleitung von Piero Piccioni, dem Sohn des amtierenden Außenministers. Die Caglio berichtete, daß nach Wilmas Tod Piccioni hektisch ihren Geliebten, den Marchese, kontaktiert habe und sie zu dritt zum Innenministerium gefahren seien. Caglio blieb im Wagen, und als die beiden nach einer halben Stunde zurückkamen, hieß es, die Sache sei aus der Welt geschafft.

Schlagwort für die Verderbnis

Capocotta wurde, wie Hans Magnus Enzensberger 1960 schrieb, „zum Schlagwort für die Verderbnis, von der Italien befallen schien“. Die Capocottarier, das war die herrschende Klasse des Landes, und jedes Mädchen war ihr potentielles Opfer. Im März 1954 tauchte dann auch noch im Prozeß der Geheimbericht des Carabinieri-Oberst Pompei auf, der ein Licht auf die Person Montagnas warf. Er sei im Krieg Schwarzmarkthändler und deutscher Spion gewesen, sein Titel sei erschlichen - und auch wenn ihm Drogenhandel nicht nachgewiesen werden konnte, heiße das noch lange nicht, daß bei den Jagdgesellschaften kein Rauschgift im Spiel gewesen sei. Mit Wilma hatte das nur noch am Rande zu tun. Aber alles, was an dem Fall dubios geblieben war, wich plötzlich der Überzeugung, die Sache habe sich so und nicht anders abgespielt.

Polizeichef Pavone mußte gehen, der Polizeipräfekt Polito kam auf die Anklagebank, Außenminister Attilio Piccioni bietet im März seinen Rücktritt an, aber das Gesuch wird abgelehnt. Erst ein halbes Jahr später wird es angenommen, als sich das Land der Hysterie nähert und der Fall fast schon eine eigene Industrie geworden ist, die Hundertschaften von Journalisten und Fotografen ins Brot setzt und jede Menge falscher Zeugen und Hellseher auf den Plan ruft, die ihre erfundenen Erinnerungen an die Medien verkauften. Der deutsche Prinz Moritz von Hessen kommt in Untersuchungshaft, weil er am fraglichen Abend in Capocotta gewesen sein soll. Wilmas Onkel Giuseppe wird beschuldigt, Alida Valli vernommen, weil ein Journalist ein Telefonat gehört haben will, in dem sie gesagt habe: „Was ist dir mit dem Mädchen passiert?“ Sie gibt an, mit Piero Piccioni zu dem Zeitpunkt auf Capri gewesen zu sein. Das wird ihr die Öffentlichkeit nicht so bald verzeihen.

Ein monströser Fund

Erst drei Jahre später kommt es zum Gerichtsprozeß, der nach Venedig verlegt wird. 134 Zeugen werden geladen, die Verhandlung dauert vier Monate, die Urteilsverkündung zwei Minuten: Piccioni, Montagna und Polito werden „wegen erwiesener Unschuld“ freigesprochen. Der Rest verliert sich in Nebenprozessen wegen Meineids und Falschaussagen.

Drei Jahre später kommt Fellinis „La Dolce vita“ ins Kino, der das im Fall Montesi entworfene Bild geradezu nachzuzeichnen scheint und in dessen Schlußszene wie ein fernes Echo das Bild vom grausigen Fund der Leiche auftaucht. Da wankt die im Morgengrauen die betrunkene Gesellschaft an den Strand, wo Fischer gerade den Körper eines riesigen toten Fisches an Land ziehen. Ein Monster, ruft eine der Frauen erschrocken. Und so muß man das vielleicht auch sehen: Die traurige Tote am Strand erwies sich als wahrhaft monströser Fund, der ein ganzes Land an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte. MICHAEL ALTHEN

Quelle: F.A.Z., 27.04.2006, Nr. 98 / Seite 39
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