Shirin Neshat im Gespräch

Wir rauchten Gras und hörten Oum Kulthum

Von Amira Aslani
 - 12:49
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Die internationale Kunstszene wurde auf die Iranerin Shirin Neshat aufmerksam, als sie in den neunziger Jahren für die Fotoserie „Women of Allah“ Frauenhände mit persischen Gedichten beschrieb. Mit „Women Without Men“ erweiterte die in New York lebende Künstlerin ihren Aktionsradius, ihr Debütfilm wurde 2009 in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. In ihrem zweiten Film „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ geht die 61 Jahre alte Regisseurin einem Mythos nach.

Frau Neshat, ist es für eine iranisch-stämmige Regisseurin nicht anmaßend, einen Film über die Kultsängerin Oum Kulthum zu drehen, fast eine Nationalheilige in Ägypten?

Ursprünglich fühlte sich die Feministin in mir gefordert, der westlichen Welt zu zeigen, dass der mit Abstand größte, beliebteste Künstler im Nahen Osten im 20. Jahrhundert eine Frau war. Der Kult um ihre Person war sogar nach westlichem Maßstab außergewöhnlich. Mehr als vier Millionen Menschen waren bei ihrer Beerdigung anwesend. Zu Lebzeiten hat sie Menschen aller Schichten, Kulturen und Religionen begeistert, Arme und Reiche, Sunniten und Schiiten, Männer und Frauen, Juden und Muslime.

Ist es nicht bittere Ironie, dass ausgerechnet eine Frau und Künstlerin diesen Konsens erzielt?

Oh ja. Die Welt sieht den Nahen Osten gern als Landschaft des barbarischen Terrors und Fanatismus. Und doch können wir mit dieser einzigartigen Frau aufwarten! Der Westen hatte Edith Piaf, Billie Holiday, Amy Winehouse – große Künstlerinnen, die tragisch gestorben sind.

Was war denn die Initialzündung für den Film?

Ein feuchtfröhlicher Abend in Amsterdam. Ich traf den Sohn des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami auf einem Festival, wir rauchten Gras, hörten Oum Kulthum. Irgendwann sagte Bahram: „Du solltest einen Film über diese Frau machen!“ Meine erste Reaktion: „Du bist verrückt!“ Aber nach der Reise fing ich an, mich einzulesen.

Warum haben Sie sich diese Aufgabe ausgesucht?

Ich weiß es bis heute nicht. Wie soll eine Nicht-Araberin, die nicht mal Arabisch spricht und nur einen einzigen Film bislang gedreht hat, ein historisches Biopic bewältigen, an das sich bislang nicht mal Ägypter getraut haben? Nach zwei Jahren Vorarbeit, in denen ich oft in Kairo war und Oums Familie traf, bekam ich plötzlich das Gefühl, mich komplett zu übernehmen.

Geplagt von Selbstzweifeln, gab ich das Drehbuch dem französischen Drehbuchgenie Jean-Claude Carrière. Sein Urteil lautete: „Du bist nicht für Biopics gemacht. Frag dich lieber, warum du diesen Film machen willst. Trag das Thema in die Gegenwart!“ Da hat es Klick gemacht: Es ging nicht mehr darum, die historische Figur darzustellen, sondern eigene Obsessionen ins Spiel zu bringen.

Sie spiegeln sich selbst in der Figur Mitra, einer persischen Regisseurin, die einen Film über Oum Kulthum dreht?

Ja, aber auch dieser Ansatz musste die historischen Gesichtspunkte beachten. Der Schlüssel war zu verstehen, was mich an der Legende so faszinierte – dass ich mich als Künstlerin besser verstehen konnte, indem ich die Welt durch Oums Augen sah. Auch ich musste mir meinen Platz in einer männerdominierten Kultur und Umgebung erkämpfen. Auch ich wollte meinen Mutterpflichten gerecht werden, musste mich in einem Kulturbetrieb verorten, der von der Politik dominiert wurde.

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Kinotrailer„Auf der Suche nach Oum Kulthum“

Was macht Oum Kulthum auch zu einer Faszinationsgestalt für eine Feministin?

Sie hat nie zugelassen, dass ihre Weiblichkeit ihre Karriere beengt. Sie war nicht verheiratet, sie ging nur eine Scheinehe ein, weil es ihr damals mehr Bequemlichkeit und Freiheit schenkte. Heute weiß man, dass sie lesbisch war, sie hatte nie eigene Kinder. Die Frage ist noch heute, welchen Preis Frauen bezahlen müssen, um als Künstlerin erfolgreich zu sein. Viele große Künstlerinnen mussten viel opfern, Frida Kahlo, Cindy Sherman, Marina Abramović hatten nie Kinder. Selbst sie dachten, dass sie nicht beide Aspekte des Lebens zu 100 Prozent ausfüllen können. Und Kompromisse wollten sie nicht machen!

Können Sie erklären, warum Oum Kulthum bis heute vergöttert wird? Warum ihr Gesang die Menschen verzückte und zu Tränen rührte?

Wenn man sich ihre Karriere vor Augen führt, kann man es nachvollziehen: Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einem streng religiösen Dorf auf. Ihr Vater und Bruder haben religiöse Musik gespielt und nahmen Oum als Jungen verkleidet mit auf die Bühne. Bei ihren ersten Auftritten sang sie Zeilen aus dem Koran – und war damals schon grandios. Damit hatte sie die religiösen Konservativen auf ihrer Seite. In Kairo trat sie mit Orchester auf, ihre Musik bewegte sich in eine eher mystische Richtung. Ihre Texte über leidenschaftliche Liebe waren doppeldeutig, konnten sich auf einen Menschen beziehen oder auf Gott, wie in der islamischen Mystik. Diese Bilder brachten ihr Vergleiche mit dem legendären Mystiker Rumi ein.

Gab es einen Höhepunkt ihres Ruhms?

Jenseits der vierzig wurde Oum eleganter und glamouröser, was an ihrer Nähe zu König Faruk lag. Aus der Bauerntochter war eine Dame der höheren Gesellschaft geworden. Bei der sozialen Revolution von 1952 lernte sie den späteren Präsidenten Nasser kennen. Das Land fiel in eine tiefe Krise, die sich 1967 durch den Krieg mit Israel verschlimmerte. Der Wirtschaft ging es miserabel, das Land litt, und Oum wurde zur Patriotin, engagierte sich für ihr Land, sammelte Spenden für die Armee und sang sogar die Nationalhymne. Damit erreichte sie noch mal eine neue Ebene.

Die der Landes-Übermutter?

Auf gewisse Weise rettete sie damals das ganze Land, weil sie Ägypten seine Würde und Selbstachtung zurückgab. Sie wurde eine Art inoffizielle Königin. Ihre Macht nutzte sie, um sich politisch einzusetzen, sie trat für eine panarabische Union ein und besuchte Israel, Algerien, Tunesien, Saudi-Arabien, sogar Moskau. Sie war das Nationalsymbol, der Stolz ihres Landes.

Oum Kulthum engagierte sich für die Einheit des Nahen Ostens. Haben Sie auch die Hoffnung, dass Kunst Menschen verbinden und Krisenherde befrieden kann?

Ich wurde vor drei, vier Jahren eingeladen, beim „World Economic Forum“ in Davos vor Staatsmännern zu sprechen, Matt Damon und mir wurde dort ein Preis verliehen. Es war nicht leicht, zu Menschen zu sprechen, die selten mit Künstlern konfrontiert sind. Ich sprach von der Macht der Geschichten: Dass Künstler durch ihre Arbeit Wahrheiten transportieren können, die besser verstanden werden als bloße Fakten. In gewisser Weise ist Kunst eine Lüge, die eine tiefere Wahrheit kommuniziert. Kunst spricht Menschen aus der Seele. Wir erreichen unsere Adressaten über die Gefühle, aber dieser Weg wird Diplomaten immer verschlossen sein.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Kunst ist effektiver als Diplomatie?

Ich habe in meiner Rede das Beispiel Iran angeführt: Seit der Islamischen Revolution geben wir das traurige Bild eines Landes ab, das von Fanatismus, Diktatur und Mullahs regiert wird. Aber es waren die wunderbaren Künstler und Poeten unseres Landes, die Kiarostamis und Farhadis, die ihre Stimme in einer Zeit nutzten, in der es kaum Unterstützung und Meinungsfreiheit gab, um das Land in gewisser Weise zu retten.

Kiarostamis Goldene Palme in Cannes 1997 für „Der Geschmack der Kirsche“ bedeutete für viele Iraner eine Rehabilitation in ihrer Würde als Kulturnation.

Ja. Wir Künstler haben alles getan, um das Bild Irans in der Welt geradezurücken. Auch Irans Präsident Rohani war damals in Davos, ich konnte ihn direkt ansprechen, dass es nun an ihm liege, Iran aus der „Achse des Bösen“ zu befreien und ein neues Image zu geben. Iraner haben viel Hochachtung vor Filmemachern und Künstlern, weil sie die echte Stimme des Volkes sind. Mit ihren fiktionalen Geschichten erzählen sie von der Realität unseres Landes. Ja, ich glaube daran, dass Künstler Botschafter des Friedens und der Veränderung sind.

Wie sehr beeinflusst Ihre Herkunft Ihre Kunst?

Da ich seit 1996 außerhalb Irans arbeite, habe ich einen sehr nostalgischen Blick auf das Land. Das hat meine Arbeit stets beeinflusst. „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ war für mich so herausfordernd, weil ich Iran ein Stück weit hinter mir lassen musste. Aber ich werde immer eine iranische Perspektive in mir tragen.

Die internationale Kunstszene wurde in den neunziger Jahren auf Sie aufmerksam, als Sie für die Fotoserie „Women of Allah“ Frauenhände mit persischen Gedichten beschrieben. Wie hat sich die Motivation für Ihre Arbeit seither verändert?

Meine Arbeit entstand aus meiner Faszination für den weiblichen Körper und daraus, dass er so ein Problem in der islamischen Gesellschaft war. Der Körper der Frau wurde zum Kriegsschauplatz männlicher Ideologien, man denke nur an den Kopftuchzwang. Mich hat der Widerstand der Frauen in der Islamischen Revolution interessiert, es gab sogar Märtyrerinnen.

Bei „Women of Allah“ ging es um eine Komposition von Frauen, Text, Waffen und Schleier. Die Serie handelt von dem Widerspruch, dass Regierung und Religion Frauen für so erotisch hielten, dass man sie verschleiern muss, sie jedoch gleichzeitig in den Krieg schickten. Frauen können Leben schenken, mussten aber töten. Die Prosa wurde individuell ausgewählt und wurde zu einem Bestandteil der Frauen, die ihn auf ihren Körpern trugen.

Was werden Sie jetzt als Nächstes machen?

Vor kurzem habe ich die junge Friedensnobelpreis-Gewinnerin Malala Yousafzai fotografiert, ein Auftrag der National Portrait Gallery in London. Danach wende ich mich nach Amerika, den nächsten Film drehe ich mit Jean-Claude Carrière, es geht um eine iranische Frau in den Vereinigten Staaten.

Also bleibt Iran die zentrale Quelle Ihrer Inspiration.

Vermutlich versuche ich immer noch, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Ich war 17 Jahre alt, als ich ganz auf mich allein gestellt von Teheran in die Vereinigten Staaten kam. Ich lebe seitdem getrennt von meiner Familie. Daher versucht meine Kunst wohl, Kontakt zur Vergangenheit herzustellen.

Ist in gewisser Weise Ihre Kunst zur neuen Heimat geworden?

Vollkommen richtig. Ich bin eine künstlerische Nomadin.

Und was hat Sie zur Feministin werden lassen?

Feminismus liegt in der Natur iranischer Frauen. Ich sage oft: Wenn die Regierung Irans je gestürzt wird, dann von den persischen Frauen. Ich weiß nicht, ob ich den klassischen Merkmalen einer Feministin entspreche, aber ich liebe iranische Frauen von ganzem Herzen. Sie sind unglaublich! Je mehr sie mit dem Rücken zur Wand stehen, desto kreativer und stärker werden sie. Das habe ich woanders nie erlebt. Es inspiriert mich bei allem, was ich tue. Sie fallen und stehen wieder auf. Das gibt mir selbst viel Hoffnung.

„Auf der Suche nach Oum Kulthum“ – von Donnerstag an im Kino

Quelle: F.A.S.
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