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Kinos zeigen „The Interview“

Der kleine Diktator im großen Amerika

Von Patrick Bahners, New York
 - 19:33
Szene aus „The Interview“. Von links: Diana Bang als „Kim-Girl“ Sook, Seth Rogen als Aaron Rapaport und James Franco als Dave Skylark Bild: Imago, F.A.Z.

Joseph Goebbels schenkte 1937 seinem Chef zu Weihnachten achtzehn Micky-Maus-Filme. Über die Aufnahme des Geschenks berichtet der Propagandaminister im Tagebuch: „Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz, der ihm hoffentlich viel Freude und Erholung spenden wird.“ Was soll man von Adolf Hitlers Vorliebe für Zeichentrickfilme aus dem Disney-Studio halten? Zeigt sich hier eine moralische Asymmetrie des Weltbürgerkriegs, der Humanismus von Walt Disneys urkomischen Fabeln, dem sich auch der Feind der Menschheit nicht entziehen konnte? Oder ist es im Gegenteil ein Grund für kulturkritische Verzweiflung, dass Hitler wie ein normaler Angestellter durch Betrachtung der Abenteuer der unverwüstlichen Maus Kräfte für den Überlebenskampf sammeln konnte?

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Mit den ambivalenten Gedanken, die der globale Siegeszug der amerikanischen Massenkultur im Lager der Sieger hervorrufen muss, spielt „The Interview“, die Komödie, die Sony nach einer Sabotagekampagne, die in Terrordrohungen gipfelte, aus dem Weihnachtsprogramm der amerikanischen Kinos genommen hatte.

Präsident Obama rügte den Akt der Selbstzensur als unamerikanisch. Das verheerende öffentliche Echo bewog Sony zu einer Kehrtwende. Am ersten Weihnachtstag wurde „The Interview“ in mehreren hundert Kinos gezeigt, hauptsächlich in Programmkinos abseits der Einkaufszentren, oft vor ausverkauftem Haus. Schon am Heiligen Abend konnte man den Film als Online-Video mieten oder kaufen.

Eine Quote wie in den Epen des Homer

So konkurriert er nun doch mit „American Sniper“, Clint Eastwoods Verfilmung der Memoiren eines Scharfschützen aus der Elitetruppe der Navy Seals. Eastwoods Film ist ein Epos, stilisiert das Heldentum zum zeitlosen Karriereweg eines asozialen Charakters. Chris Kyle, der im vergangenen Jahr von einem anderen Veteranen erschossen wurde, hatte es bei vier Expeditionen im Irak auf 160 Abschüsse gebracht. Das ist eine Quote wie bei Homer. „The Interview“ ist eine Satire. Regie geführt haben zwei Kanadier, Seth Rogen und Evan Goldberg, die gemeinsam mit Dan Sterling auch das Drehbuch verfasst haben. Auch ihre Hauptfiguren sind Killer in amtlicher Mission, aber Amateure. Die Prämisse der Satire ist die Krise der amerikanischen Männlichkeit, der Verfall des Individualismus.

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James Franco spielt Nick Skylark, den Gastgeber einer Talkshow, in der sich Prominente wohlkalkulierte Blößen geben. Alles läuft nach Drehbuch ab, was der Interviewer durch exaltierte Gestik und flamboyante Kleidung kompensiert. Für das Skript ist sein bester Kumpan zuständig. Dieser Produzent, den Rogen spielt, ist auf dem Sprung in den politischen Journalismus, schiebt den Ernstfall aber nun schon seit tausend Ausgaben der Show hinaus. Als hätten die Freunde zusammen im Schützengraben gesteckt, besiegelt Fäkalhumor ihre Gemeinschaft, nur dass in ihrem Fall die drastische Rhetorik der Leiblichkeit die physischen Erfahrungen ersetzen muss. Die Leitmotivik der Körperöffnungen, eine durch und durch harmlose Abart des Sadismus, verbürgt die Hermetik des Männerbundes. Hier stellt sich ein Schaugewerbe zur Schau, das seine Funktion in der Triebabfuhr für Verklemmte sieht.

Genial ist der Einfall, dass sich der letzte verbliebene Feind des Westens als der dankbarste Abnehmer der Laxativa entpuppt. Kim Jong-un, der Oberste Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea, hat sich keine der tausend Ausgaben von Dave Skylarks Show entgehen lassen und willigt in ein Live-Interview ein. Wenn man den Film gesehen hat, wird man es nicht für lächerlich halten, dass die Volksrepublik ihn als Angriff auf ihre Souveränität bewertet. Ein von der CIA befohlener Mordanschlag auf Kim löst hier die Revolution in Nordkorea aus. Aber nicht der amerikanische Militärapparat zerstört den nordkoreanischen Staat, sondern die westliche Unterhaltungsmaschine, also genau die Macht, die in Gestalt des japanischen Sony-Konzerns „The Interview“ verbreitet.

Die Navy Seals müssen nicht mehr schießen

Auch für die amerikanische Regierung sind die Erfindungen des Drehbuchs nicht schmeichelhaft. Dass die CIA Morde in Auftrag gibt wie zu der Zeit, als der Kommunismus noch eine Weltmacht war, wird ohne weiteres vorausgesetzt. Und ebenso versteht sich von selbst, dass für die Ausführung nur Deppen zur Verfügung stehen. Auf dem Weltüberwachungsschirm im CIA-Hauptquartier kann man den Vorgarten von Kims Residenz so nah heranzoomen, dass man das Gras wachsen sieht. Aber der Friedensnobelpreisträger Obama hat sich von den rechtlichen Argumenten gegen den Einsatz von Drohnen zur gezielten Tötung anscheinend doch noch beeindrucken lassen. Wie die Kavallerie im Western ist am Ende zwar ein Trupp von Navy Seals zur Stelle. Sie müssen aber nicht mehr schießen.

Die schlimmste Kränkung der nordkoreanischen Ehre liegt darin, dass der Oberste Führer als durch und durch verwestlicht dargestellt wird. Nicht die Dämonisierung, sondern die Humanisierung des Diktators macht die Satire effektiv. In einem Ensemble von Schießbudenfiguren ist Kim die einzige Person – dank der subtilen Kunst des Schauspielers Randall Park.

Schon beim Empfang der Besucher bemerkt man, dass Kim sich seinem Idol Dave Skylark bis in die kleinste Regung anverwandelt hat. Unheimlich ist seine vollendete Unterwürfigkeit – ein witziges Spiel mit dem westlichen Klischee der asiatischen Hinterlist. Der größte Fan kann für den Star zur tödlichen Gefahr werden: „The Interview“ variiert den Plot von Martin Scorseses Film „The King of Comedy“ mit Jerry Lewis.

Die schönste Hommage an den polnischen Nationalstolz in „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch besteht in der Verärgerung der Charakterdarsteller darüber, dass ihrem selbstverliebten Star bei der Täuschung der Besatzer wieder die Hauptrolle zufällt. Das Publikum der Obernazis lässt sich von dem Schauspieler blenden, von dem sie doch wissen, dass er Shakespeare das angetan hat, was sie Polen antun. James Franco ist mit seinem Talent für das Überemphatische der Erbe Jack Bennys.

Es ist gefragt worden, ob Rogen und Goldberg ihrem kleinen Diktator nicht dem Weltfrieden zuliebe einen fiktiven Namen hätten verpassen können. Aber wenn „The Interview“ nur den Untergang eines Operettenzwangsstaates vorgeführt hätte, wäre der Witz weg. Die Übermacht der westlichen Kultur in ihrer primitivsten Form zeigt sich im Gedankenspiel daran, dass sie lokalen Widerstand bricht, dass ein bestimmter Staat mit sehr bestimmter Staatsideologie ihr nichts entgegenzusetzen hat. Nordkorea hat für „The Interview“ nicht nur die Kulisse geliefert, sondern auch das Sujet, die Faszination der amerikanischen Massenunterhaltung für den isolierten Machthaber.

Der Kim Jong-un des Films spielt Basketball auf einem Feld mit niedriger gehängten Körben. Randall Park studierte für sein Porträt des verzweifelt lächelnden Tyrannen die Fernsehbilder von der Begrüßung des Basketballstars Dennis Rodman in Pjöngjang. Nordkorea hat bekanntgemacht, dass der Oberste Führer sich „The Interview“ vorführen lassen werde. Diese Drohung mag zeigen, wie gut der Film Kim Jong-un getroffen hat.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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