„Löwenmädchen“ im Kino

Das ist kein Kind, das ist ein Wiesel

Von Tilman Spreckelsen
 - 12:00

Ein Zug fährt in den Bahnhof ein, die Lokomotive bläst dekorativ Rauch aus, der in der Winterlandschaft leuchtet, der Himmel ist weit: Es sind aalglatte Bilder wie diese, die den Film „Löwenmädchen“ prägen, die Landschaften feiern oder nostalgisch drapierte Gegenstände und die einer alten Schreibmaschine in Großaufnahme ebenso viel Beachtung schenken wie ebender Dampflokomotive, dem Stationshaus, dem Schnee und später dem sommerlichen Badesee. Nichts setzt dem Auge Widerstand entgegen, alles erzählt aus einer Zeit, in der die großen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts noch ausstehen.

Und dann ist da das am ganzen Körper behaarte Mädchen, das zu Beginn des Films geboren wird. Die Mutter stirbt, der bärbeißige Vater, der Stationsvorsteher des Kleinstadtbahnhofs aus der Eingangsszene, erstarrt in seiner Trauer und findet für seine neugeborene Tochter nur Worte der Abwehr: „Das ist kein Kind, das ist ein Wiesel“, sagt er, und weil er sein eigenes Befremden über das Aussehen der kleinen Eva nur zu genau registriert, tut er alles, um sie vor fremden Blicken zu bewahren.

Kinotrailer
„Das Löwenmädchen"
© NFP/Filmwelt , NFP/Filmwelt

Sie darf das Haus nicht verlassen, bald verbringt sie sogar die meiste Zeit in einem Verschlag, und es bedarf der zähen Arbeit des Kindermädchens Hanna, die siebzehnjährig ins Haus kommt und viele Jahre lang Evas engster Kontakt bleiben wird, um Schritt für Schritt die Isolation des Mädchens zu durchbrechen, das dann sogar in die Schule gehen darf. Und schließlich, am Ende des Films, als berühmte Mathematikerin einen Vortrag in Paris hält, bei dem sie ganz selbstverständlich ihr behaartes Gesicht zeigt und sogar darüber scherzt.

Die Rollen sind klar verteilt

Die Zeiten haben sich geändert, ein bisschen wenigstens, lernen wir aus dieser Adaption eines Romans von Erik Fosnes Hansen, und manchmal muss man sich gerade gegen diejenigen wehren, die es am besten mit einem meinen. Natürlich meint es auch der Film gut mit seiner Geschichte, manchmal sogar viel zu gut, und dann geht die Suche der Regisseurin Vibeke Idsøe nach geleckten Bildern mit ihrem Verlangen, eine Heldinnengeschichte zu erzählen und uns unterwegs bloß nicht zu verlieren, eine unheilvolle Allianz ein. Denn die Ambivalenz des wohlmeinenden und Übles bewirkenden Vaters ist schon das Differenzierteste, was der Film inhaltlich zuwege bringt.

In der Regel sind die Rollen klar verteilt: Hanna ist zornig und gut, der schmierige Journalist der Kleinstadtzeitung wittert einen Skandal und zerrt alles Falschverstandene an die Öffentlichkeit – „haben Sie das auch gelesen?“, hört Evas Vater dann im Vorübergehen seine Mitbürger murmeln, und spätestens in diesem Moment wächst der Zweifel, ob sich die dramaturgischen Mittel des Films noch vom Niveau einer mäßigen Vorabendserie abheben werden. Der Arzt aus der Hauptstadt ist an Eva nur als Kuriosum interessiert; „Funken“, der Assistent des Stationsvorstehers, ist wiederum so grundanständig, dass er lieber die finanziellen Unregelmäßigkeiten seines Meisters auf die eigene Kappe nimmt als Eva um ihre Heimat zu bringen, und so weiter und so fort.

Das Ende bringt Eva dann die Gewissheit, dass ihr mittlerweile verstorbener Vater sie trotz allem Unverständnis geliebt hat, mehr noch, dass er ihre Behaarung akzeptierte und im Bild festgehalten hatte. Das ist so zuckersüß wie konsequent. Warum sollte der Film auch auf den allerletzten Metern die Kurve kriegen?

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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