Rachewestern „Brimstone“

Keuschheitsgürtel im Mund

Von Bert Rebhandl
 - 12:03

Im Buch der Bücher fehlt ein Kapitel. Der Niederländer Martin Koolhoven hat es nun ergänzt. In seinem Western „Brimstone“ lauten die Überschriften „Genesis“, „Exodus“ und „Offenbarung“ (nicht in dieser Reihenfolge), zum letzten Teil „Vergeltung“ (retribution) hingegen findet man in der Bibel zwar manche Entsprechung, aber kein eigenes Buch. Die Welt des neunzehnten Jahrhunderts, als weiße Männer mit züchtig gekleideten Frauen den Wilden Westen in Besitz nahmen, war biblisch geprägt. Genauso gut haben sich aber unsere eigenen Vorstellungen vom „Alttestamentlichen“ längst mit Bildern imprägniert, die wir aus dem Western-Genre kennen: Natur und Kultur, Gewalt und Gesetz können nicht ohne einander.

In „Brimstone“ kommt noch ein Begehren hinzu, das so anstößig ist, dass es in den zehn Geboten nicht einmal erwähnt wird. Die Geschichte beginnt mit einer „Offenbarung“. In einer Siedlung irgendwo weit draußen begeben sich die Menschen zur Kirche, darunter auch Liz (Dakota Fanning) mit Mann und zwei Kindern. Liz hat ausdrucksstarke Augen, die braucht sie auch, denn sie spricht nicht. Ihr fehlt die Zunge. Das bedarf einer Erklärung, zu der „Brimstone“ allmählich gelangt, in Form von Rückblenden auf „Genesis“ und „Exodus“, zwischen denen aber auch wieder die orthodoxe Reihenfolge nicht stimmt. Würde Quentin Tarantino die Bibel verfilmen, dann würde er womöglich bei Daniel oder bei den Makkabäern beginnen.

„Brimstone“ ist deutlich von den dramaturgischen Ironien geprägt, die Tarantino salonfähig gemacht hat. In der Kirche gibt es einen neuen Reverend (Guy Pearce), eine beeindruckende, ein wenig sinistre Figur. Aber das passt zu einem Glauben, der von Gott nicht viel Gutes erwartete, sondern vor allem Verbote und eine undurchschaubare Gnadenwahl. Liz aber sieht in dem neuen Reverend eine Höllenfigur, aus guten Gründen, wie sich noch herausstellen wird. Sie drängt ihren Mann, sie in Sicherheit zu bringen. Aber der Reverend, der den ganzen Film hindurch keinen Namen und über seine „Schwärze“ hinaus auch kaum persönliche Züge bekommen wird, ist einer von der Sorte, die man nicht so einfach loswird. Schon gar nicht, indem man einfach ein Kapitel zurückblättert.

Er lässt seine Vergangenheit nicht einfach hinter sich

In „Exodus“ treffen wir Liz wieder, in einem bemitleidenswerten Zustand. Sie kommt buchstäblich aus der Wüste, wird von Chinesen gerettet und endet in einem Bordell in einer Stadt namens Bismuth. Dass sie sich dort passabel einlebt, deutet darauf hin, dass es ihr vorher um einiges schlechter gegangen sein muss als in der Gesellschaft Betrunkener, denen sie zu schneller Erleichterung verhelfen muss. Hier stellt sich heraus, dass Liz eigentlich Joanna heißt. Am Ende des „Exodus“ wird Liz ihre Zunge verlieren, in einem drastischen Akt, der viel darüber erzählt, wie Martin Koolhooven sich das Genre zurechtlegt – nämlich als eine fügsame Substanz, an der er blutige Modellierungen vornehmen kann.

Für den Niederländer ist „Brimstone“ die erste internationale Produktion. Er lässt dabei aber seine Vergangenheit nicht einfach hinter sich, sondern macht sie zu einem Motiv der Genealogie. Unter den vielen Puritanismen, die in der frühen Neuzeit aus Europa nach Amerika kamen, war der Calvinismus einer der rigidesten – jedenfalls so, wie Koolhoven ihn mit einer Gaumenschraube veranschaulicht, einem Keuschheitsgürtel für den Mund. Die Schauspielerin Carice van Houten, die im dritten Teil „Genesis“ die Mutter von Joanna spielt, hatte in einem Film von Koolhoven eine ihrer ersten Rollen.

Wann ist Lust heilig und wann des Teufels?

Inzwischen kennt man sie vor allem aus der Serie „Game of Thrones“, zu der es in „Brimstone“ noch eine weitere Verbindung über eine Nebenrolle gibt: Kit Harington, Jon Snow in Westeros, spielt einen Westmann zweideutigen Charakters, dem im entscheidenden Moment der Mumm fehlt. Was sich in „Genesis“ in einer Familie calvinistischer niederländischer Ausgewanderter zuträgt, hat ebenso viel mit einer sehr heutigen, erhöhten Aufmerksamkeit für sexuellen Missbrauch wie mit einer patriarchal-kasuistischen Lektüre der Bibel zu tun. Wann die Lust geheiligt und wann sie des Teufels ist, wird vor allem beim Apostel Paulus penibel hergeleitet und hat erschütternde Langzeitwirkungen quer durch den ganzen Film.

Koolhoven ist zweifellos ein geschickter, effektvoller Erzähler. Er verteilt die Geschichte über alle wesentlichen Landschaften und Jahreszeiten des Western. Besonders gelungen ist die winterliche Jagd, mit der die „Vergeltung“ einsetzt. Im jungfräulichen Element des Schnees wird der Film zu einem Showdown finden, der von sehr langer Hand vorbereitet ist.

Ob man dann noch dabei ist, hängt davon ab, wie sehr man geneigt ist, Koolhoven den heiligen Ernst abzunehmen, mit dem er die Versuchungen der Ironie immer wieder in Bann zu schlagen versucht. Der Reverend ist eine Figur, die sich jederzeit als Popanz durchschauen ließe, solange er nicht auf grobe Gewalt, sondern auf bibelfeste Autorität pocht. Es ist vor allem die großartige Dakota Fanning, die „Brimstone“ erdet, sowie Emilia Jones, die das junge Mädchen Joanna spielt, das im Schweinekoben Zuflucht vor ihrem Peiniger sucht.

Wenn Martin Koolhoven zu guter Letzt auch nicht mit einer Religionskritik ernst genommen werden will, sondern mit einer immer wieder spekulativ zugespitzten Meditation über archaische Gewalt, so rührt seine Umstellung des Genres auf den anfangs entsetzten, schließlich aber herausfordernden Blick einer Frau ohne Zunge doch fundamental an den Offenbarungscharakter des Kinos selbst: eines Mediums, das seine Wahrheit oft dort findet, wo es einem die Sprache verschlägt.

Quelle: F.A.Z.
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