Umkämpfter russischer Film

Das heilige Weichei Nikolai

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 14:13

Vor dem Moskauer Kino „Oktober“ sind Absperrgitter aufgebaut, Polizisten patrouillieren. Sie schützen einen Film, der am heutigen Donnerstag anläuft, vor seinen radikalen Gegnern. Der Regisseur von „Mathilde“, Alexej Utschitel, spricht von „orthodoxen Extremisten“ und bezeichnet den Kinostart als „Sieg aller gesunden Menschen in diesem Land, der, davon bin ich überzeugt, überwältigenden Mehrheit“. Das sagt Utschitel auf einer Pressekonferenz in der Staatsnachrichtenagentur Tass. Schon dass er an diesem Ort im Stadtzentrum auftritt, zeigt, dass nicht seine Gegner gesiegt haben, sondern der Regisseur selbst, dessen Filmpremiere zum gesellschaftlichen Ereignis wurde.

Wer den „am meisten erwarteten Film des Jahres“, wie es auf dem Plakat heißt, anschaut, wird kaum glauben, dass das Kostümepos über die Affäre der Primaballerina Matilda Kschessinskaja mit dem Thronfolger Nikolai Romanow Ende des vorvorigen Jahrhunderts vor Palästen, mit Dampflokomotiven, viel Tanz und wenig nackter Haut jemanden übermäßig erregen könnte. Auch wenn die Titelheldin eingangs einseitig barbusig tanzt und es karge Liebesszenen gibt. Doch über Wochen sah es so aus, als könnten die „orthodoxen Extremisten“ verhindern, dass der Film in die Kinos kommt.

Duma-Abgeordnete für Zarenverehrung

Anführerin der Kampagne gegen „Mathilde“ ist die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja, die die Zarenverehrung zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. Im März behauptete Poklonskaja, auf der annektierten Krim, wo sie vor ihrer Duma-Wahl als Staatsanwältin wirkte, weine eine Büste des letzten Zaren „heilige Tränen“. Ihre Kampagne gegen „Mathilde“ startete zum Jahresbeginn. Der Film, von dem nur ein zweiminütiger Trailer im Umlauf war, beschädige das Ansehen eines Heiligen, so Poklonskaja – der von den Bolschewiken 1918 mit seiner Familie in Jekaterinburg erschossene Zar Nikolai II. wurde von der Russischen Orthodoxen Kirche 2000 kanonisiert. „Mathilde“, so die Abgeordnete, sei als „Beleidigung religiöser Gefühle von Gläubigen“ zu verbieten.

Niemand nahm Poklonskaja ernst. Doch sie erhielt Unterstützung durch radikale, ultraorthodoxe Aktivisten, zunächst der Gruppe „Sorok Sorokow“, die gegen Bürger vorgeht, die gegen den Kirchenneubau in Moskauer Parks protestieren. Eine weitere Gruppe namens „Christlicher Staat – Heilige Rus“, deren Namen als Anspielung auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“ verstanden wird, teilte mit, sollte „Mathilde“ gezeigt werden, würden „Kinos brennen und vielleicht sogar Leute verletzt“.

Drohungen und Anschläge zeigen Wirkung

Seit dem Spätsommer gab es eine Serie von Anschlägen: Auf Utschitels Petersburger Studio wurden Molotowcocktails geworfen. In Jekaterinburg rammte ein Monarchist einen Kleinlaster voller brennbarer Substanzen in ein Kino und legte Feuer. In Moskau setzten Maskierte vor der Kanzlei von Utschitels Anwalt zwei Autos in Brand und hinterließen Zettel mit der Aufschrift „Brennen für Mathilde“. Der Anführer des „Christlichen Staats“ erklärte, man habe vor „destruktiven Kräften“ gewarnt, die die Ausstrahlung des Films verhindern wollten. Es gebe Leute, die Utschitel „die Beine brechen“ wollten.

Die Drohungen und Anschläge wirkten: Das größte russische Kinonetz kündigte an, aus Sicherheitsgründen „Mathilde“ nicht zu zeigen. Zugleich wurde aus der Debatte über den Film eine über die Richtung des Regimes von Präsident Putin. Mancher sah die Gewalttäter als radikale Ausgeburt der Versuche des Kremls, die Gesellschaft orthodox zu ideologisieren, manchem schien es, mangels entschiedener Reaktionen der Sicherheitskräfte, als seien die Gewalttäter das neueste Einschüchterungsinstrument im Kampf für „traditionelle Werte“. Konturen und Grenzen der nationalkonservativen Wende sind Chefsache, aber unklar – und Putin schwieg.

Utschitel galt bisher als Unterstützer des Kremls

Der Regisseur Utschitel galt bisher als Unterstützer des Kremls. 2014 lobte er in einem offenen Brief mit anderen Kulturschaffenden die Krim-Annexion. Sein Film wurde mit Staatsgeld gefördert und vom Kulturministerium für Zuschauer von 16 Jahren an freigegeben. Der Minister, Wladimir Medinski, selbst ein Protagonist in Moskaus Kampf gegen westliche Dekadenz und Verschwörungen, verteidigte „Mathilde“. Der Anführer des „Christlichen Staats“ und zwei weitere Personen wurden wegen Brandstiftung vor dem Anwaltsbüro festgenommen. Der Kultur-Ausschuss der Duma sah sich den Film an und fand nichts auszusetzen. Politiker lobten ihn. Die Generalstaatsanwaltschaft, die Poklonskaja mit Dutzenden Eingaben gegen den Film bombardiert hatte, teilte mit, bei seiner Entstehung habe es keine Gesetzesverstöße gegeben. Schließlich teilte auch das Kinonetz mit, den Film doch zeigen zu wollen, wegen der „aktiven Arbeit der Sicherheitskräfte“.

Doch der deutsche Schauspieler Lars Eidinger, der den Thronfolger spielt, kam nicht zur Premiere, die am Montag im Petersburger Mariinsky-Theater stattfand, wo viele Szenen gedreht wurden und dessen Orchester die Filmmusik einspielte. „Mir ist bewusst, dass man sagen könnte, ich hätte das Feld und die Macht diesen Leuten um Poklonskaja überlassen und sie habe den Kampf gewonnen“, schrieb Eidinger. „Aber ich kämpfe nicht. Das ist mir viel zu gefährlich, ich habe Angst.“

Russische Orthodoxe Kirche positioniert sich nicht

Die Russische Orthodoxe Kirche hat sich im Streit um ihren Heiligen nicht klar positioniert; Kleriker lehnten ein Verbot ab, distanzierten sich aber nicht von Extremisten-Auftritten bei einer kirchlichen Prozession. Unlängst äußerte sich Patriarch Kirill erstmals zur Kontroverse: Das Kirchenoberhaupt erkannte das Recht auf „künstlerische Erfindung“ an, fügte aber hinzu, man solle dieses nicht mit Lügen verwechseln, und riet Künstlern zum „gewissenhaften Umgang mit Fakten“.

Utschitel nimmt sich tatsächlich beträchtliche Freiheiten. Die Affäre ist historisch verbürgt, endete aber mit Bekanntgabe der Verlobung des Thronfolgers mit Alix von Hessen-Darmstadt, die als Alexandra Fjodorowna die letzte Zarin wurde. Der Film indes behauptet, Nikolai habe vor der Krönung auf den Thron verzichten und mit der Ballerina türmen wollen. Eidinger spielt die Zerrissenheit zwischen Pflicht und Leidenschaft überzeugend, und dass sein Thronfolger als schlichter Typ daherkommt, ist historisch korrekt. Doch dann lässt Utschitel seine Titelheldin zur Krönungszeremonie im Brautkleid in die Kremlkathedrale gelangen, dem Sicherheitschef entwischen und Nikolai ein verzweifeltes „Niki“ zurufen, woraufhin dieser in Ohnmacht sinkt und die Zarenkrone fallen lässt. Das ist reine Fiktion und widerspricht auch dem ansonsten kokett-selbstbewussten Auftreten Matildas, die passend zur polnischen Abkunft der Ballerina von der Polin Michalina Olszanska gespielt wird.

Eine Prise russischer Bärenhaftigkeit

Für eine Prise russischer Bärenhaftigkeit im höfischen Glanz erfand Utschitel zudem einen wilden Oberstleutnant (Danila Koslowski), der wie der Thronfolger durch das barbusige Tanzintermezzo für die Primaballerina entbrennt, was ihn, nachdem er aus einer gefahrvollen Hofreitshow mit viel Feuer als Sieger hervorgeht, dazu verleitet, den just in einem Stelldichein mit Matilda begriffenen Nikolai mit der Faust niederzustrecken. Er wird zum Tod durch den Strang verurteilt, von Nikolai begnadigt, dann aber fiesen Wasserfoltern durch einen Doktor Fischel unterzogen, den Thomas Ostermeier mimt, Eidingers Künstlerischer Leiter an der Berliner Schaubühne. Die Figur des deutschen Arztes und Geisterbeschwörers nimmt vorweg, was in Wirklichkeit Jahre später in der Affäre um den „Geistheiler“ Rasputin zum Skandal wurde: den Hang der Zarin, deren Darstellerin, Luise Wolfram ebenso von der Schaubühne kommt, zum Mystizismus. Wolfram und Ostermeier sprechen im Film Russisch mit deutschem Akzent, was im Fall der Prinzessin zu der auf Trampeligkeit angelegten Rolle passt, welche die Ballerina noch graziler wirken lässt.

Wenn „Mathilde“ kommende Woche synchronisiert in die deutschen Kinos kommt, dürften diese Reize sich verflüchtigen. Der Abspann erwähnt die glückliche Ehe Nikolais mit Alix-Alexandra und Matildas 99 Jahre langes Leben, das in Paris endete. Doch dem sterilen Gold-und-Glitzer-Spektakel fehlt ohne den Wahnsinn seiner realen russischen Feinde etwas Entscheidendes. In Petersburg beteten am Montag vor der Premiere Feinde des Films mit Zarenikonen, ihre Gegner demonstrierten mit Parolen wie „Wir retten die Welt vor orthodoxen Terroristen“. Gegen Russlands Wirklichkeit sieht jeder Film blass aus.

Quelle: F.A.Z.
Friedrich Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLars EidingerWladimir PutinMoskauDumaISItar-TassKirche