„Meine Tochter“ im Kino

Die Macht liegt bei kämpfenden Frauen

Von Ursula Scheer
 - 10:24

Wind, Staub und Pferde – dass dies ein Ort von archaischer Schönheit und Grausamkeit ist, an dem antike Mythen spielen könnten oder Westernhelden ihre Knarren ziehen, offenbaren schon die ersten, über die Schulter des rothaarigen Mädchens gefilmten Einstellungen. Popmusik wummert unter gleißender Sonne über ein Rodeorondell, Männer stürzen von den Rücken sich aufbäumender Tiere. Nur halb geschützt vor den Blicken anderer gehen ein düsterer Hüne und eine Blondine einander an die Wäsche. Das Kind flieht vor dem Anblick und wirft sich in die Arme der Mutter. Dunkle Locken rahmen deren sanftes Gesicht, grellpink strahlt die Zuckerwatte, die sie der Kleinen zum Trost in die Hand drückt.

Mögen sie auch Pferde bezwingen, Netze voll zuckender Fische an Land wuchten oder mit ihren Motorrädern röhrend die trockene Erde aufwirbeln: Sardinien ist keine Insel der Männer in Laura Bispuris Film, sondern der Frauen.

Ein Mädchen, zwei Mütter, mehr braucht es nicht für dieses Drama, das die Drehbuchautorin und Regisseurin mit Francesca Manieri zunächst ihrer Hauptdarstellerin Alba Rohrwacher auf den Leib geschrieben hat und dann, als die zweite Hauptrolle mit der nicht weniger charismatischen Valeria Golino besetzt war, auf diese hin fortschrieb. Die Darstellerin der neunjährigen Vittoria schließlich fand Laura Bispuri in einer sardischen Familie. Sara Casu steht in „Meine Tochter – Figlia Mia“ zum ersten Mal vor der Kamera, als Erste unter Gleichen in einem Trio, innerhalb dessen sich die Kräfteverhältnisse für immer verschieben.

Aller Verwahrlosung zum Trotz wie eine Göttin

Mutterschaft und Tochterschaft werden nicht feministisch zergliedert, sondern herrschen als Urgewalten in diesem Film. Sie zwingen die Figuren auf sonderbare Wege – wie Tiere auf ihre Wanderschaften. Warum Aalweibchen quer durch den Atlantik schwimmen, um zu laichen und zu sterben? Die Natur sei kompliziert, die Menschen seien es auch, antwortet Vittoria der Vater, von dem sie noch nicht weiß, dass er in Wahrheit der Ziehvater ist, ratlos auf ihre Frage. Warum die Tochter anders aussieht als ihre Eltern? Weshalb die Neunjährige von ihrer Mutter, in deren Taten Valeria Golino verzweifelte Dringlichkeit legt, wie eine Kranke umsorgt wird? Wieso Tina, eine einfache Frau, die in der Fischfabrik arbeitet und fromm Muttergottesstatuen in der Kirche abstaubt, ausgerechnet der seltsamen Angelica hilft, die Vittoria beim Rodeo in flagranti erwischt hat? Vieles ist rätselhaft in dieser Familie. Als Tina ihre Tochter zum ersten Mal mit zu Angelica nimmt, auf den Berg, wo diese „verlorene Seele“ allein, verschuldet und im Suff versunken in einer Bauernkate unter ihren Tieren haust, beginnt der Bann sich zu lösen – oder wird wirksam, je nachdem.

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Kinotrailer„Figlia Mia - Meine Tochter“

Vittoria ist fasziniert von der Fremden. Wie könnte sie anders, auch als Zuschauer kann man Alba Rohrwacher nur anstaunen, wie sie als Angelica in Unterwäsche über den Hof wankt und aller Verwahrlosung zum Trotz wirkt wie eine Göttin, jederzeit bereit zu Zärtlichkeit und Brutalität, Verzweiflung, Überschwang und Furor. Angelica krault das Schwein und prügelt die Hündin, die vom falschen Hund trächtig ist. Ihr fehlen Zehntausende Euro, sie muss alles verkaufen und fort. Tina wittert ihre Chance, die andere loszuwerden. Denn diese ist, wie das Kind immer deutlicher spürt, Vittorias biologische Mutter. Eine Mutter, die ihre Tochter verlassen hat, damit eine andere an ihre Stelle tritt, und die nun mit Worten auf das Mädchen eindrischt wie vorher auf die Hündin – ohne Kind oder Tier verscheuchen zu können.

Nur einmal übertreibt es die Regisseurin

Mit „Figlia Mia“, ihrem zweiten Langfilm nach „Vergine Giurata“ (gleichfalls mit Alba Rohrwacher), ging Laura Bispuri bei der Berlinale ins Rennen um den Goldenen Bären. Tatsächlich hat sie eine bemerkenswerte Parabel gedreht, die mehr ist als ein Zeitgeistbeitrag oder ein Statement für starke weibliche Rollen oder den weiblichen Blick in der Inszenierung. Die Dominanz der Frauen erscheint bei ihr als überzeitliche Selbstverständlichkeit – lange bleibt unklar, in welchem Jahrzehnt die Handlung spielt –, die nicht gegen Männer erstritten werden muss. Stattdessen ringen Frauen miteinander.

Keine von ihnen ist gut oder böse. Keine kann erklärt werden. Aus drei Perspektiven, immer nah an den Figuren, verfolgen wir deren Entwicklung: Tina, die Fürsorgliche, zeigt ihre besitzergreifende, manipulative, erbarmungslose Seite. Angelica, die Einzelgängerin am Abgrund, gibt dem Kind an der Schwelle zur Jugendlichen eine Ahnung vom Frausein. Sie dreht im Autoradio den Achtziger-Jahre-Hit „Questo amore non si tocca“ von Gianni Bella voll auf und führt das Mädchen dahin, wo das hinreißend gefährliche Leben wartet: an den Rand des Nichts, zu den Toten, in die Gefahr. Als Mutter ist sie lebensbedrohlich wie Mutter Natur und ebenso befreiend in ihrer Verausgabung. Vittoria verwandelt sich vom folgsamen Püppchen in eine zähe kleine Heldin, die über beide Mütter hinauswächst.

Das Vertrauen in die kindliche Kraft erinnert an Gabriele Salvatores „Ich habe keine Angst“, die Feier weiblicher Unkonventionalität an Emanuele Crialeses „Lampedusa“, in dem Valeria Golino die Außenseiterin spielte. Harte Schnitte trennen Lärm und Stille, die madonnenblau leuchtenden Räume der Bar, in der Angelica sich verkauft, oder in Tinas trautem Heim von der ausgedörrten Weite. In Laura Bispuris Welt der inneren Widersprüche findet auch Udo Kier – leises Echo der in Italien um sich greifenden Deutschland-Skepsis – als bösartiger „Oiro“-Forderer einen kleinen Platz. Nur einmal, als Vittoria vor einer Höhle kniet, deren Eingang wie eine Vagina geformt ist, übertreibt es die Regisseurin mit der femininen Symbolik. Sonst umgibt sie ihre Figuren mit der Offenheit, in der erst entstehen kann, was den Blick fesselt: Aura.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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