„Mord im Orient-Express“

Heute in umgekehrter Wagenreihung

Von Ursula Scheer
 - 13:57
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Da hängt das ganze Staraufgebot nun in Schieflage über dem Abgrund: Johnny Depp, Judi Dench, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Daisy Ridley, Willem Dafoe, um nur die größten zu nennen, und natürlich Kenneth Branagh in seiner Doppelrolle als Regisseur des Ganzen und Meisterdetektiv Hercule Poirot. Nicht eine schnöde Schneewehe wie in der Vorlage hat den Orientexpress im jugoslawischen Nirgendwo zum Stehen gebracht, mit einer von zwölf Messerstichen durchbohrten Leiche an Bord. Der Blitz ist eingeschlagen auf einem Gipfel, und wie die losgesprengte Lawine sind wir talwärts gerauscht, direkt vor das fauchende Stahlross, bevor die Kamera wieder mit großer Geste in das Innere der Waggons schwebte, die halb entgleist auf einem phantastischen Brückenskelett ruhen. Wir stecken fest, in der Neuverfilmung von Agatha Christies Klassiker „Mord im Orient-Express“.

Sobald Hercule Poirot ins Spiel kommt, ist das ja so eine Sache mit den Erwartungen. Da gibt es diejenigen, die sämtliche Romane und Kurzgeschichten kennen, in denen der belgische Detektiv mit dem dandyhaften Schnurrbart und den hyperaktiven kleinen grauen Zellen vorkommt, und wissen, dass einzig David Suchet mit einer in 25 Jahren nie nachlassenden, an Pedanterie grenzenden Ernsthaftigkeit für die ITV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ den Charakter darstellte, wie er im Buche steht. Vielen steht noch Peter Ustinov vor Augen, der zum Vergnügen des Publikums Poirot Ustinov spielen ließ statt umgekehrt. Weniger bekannt ist zum Glück der bedauernswerten Versuch Alfred Molinas, Poirot in einem modernisierten Orient-Express-Krimi mit Laptop hantieren zu lassen. Und dann ist da natürlich Albert Finney in Sidney Lumets ikonischem „Murder on the Orient Express“ von 1974. Eine Oscar-Nominierung bekam Finney dafür, einen Oscar als beste Nebendarstellerin Ingrid Bergman; rückblickend muss man sagen: toller alter Film, aber Poirot ist da einfach nur ein Irrer in einer schwarzen Komödie.

Von jedem Poirot-Darsteller ein bisschen was

All das schleppen Kenneth Branagh und der Drehbuchautor Michael Green mit sich herum, die mit ihrer neuen Fassung auch all jene abholen wollen, die weder den Roman noch bisherige Verfilmungen kennen – also tatsächlich nicht ahnen, wer den finsteren Mr. Ratchett hingemordet hat. So wird ein bisschen von allem geboten: Von Ustinov leiht Branagh, der sich einen riesigen Schnauzer ins Gesicht geklebt hat, die Menschenfreundlichkeit, von Lumet das Konzept des panoptischen All-Star-Teams sowie Albernheiten wie den Schnurrbarthalter des exzentrischen Detektivs, von der ITV-Fassung ein bisschen Seelenqual: Der neue Poirot betet zwar nicht, er teilt seine inneren Nöte mit dem Foto einer geliebten Katherine, aber so nonchalant wie vor vierzig Jahren kann er nicht mehr im Walzertakt über den Abgrund hinweg dampfen, der sich da auftut.

Denn worum geht es eigentlich? Um Verbrechen und Strafe, Schuld und Vergebung, um Justiz und Selbstjustiz, die im Kollektiv leichter fällt. Es geht um einen mörderischen Mob, böse Taten und gute Absichten. Mit der anfangs von ihm ausgegebenen Kalenderweisheit: „Es gibt richtig, es gibt falsch, es gibt nichts dazwischen“, fährt Poirot voll vor die Wand.

Agatha Christie hat ihren Roman 1934 geschrieben. Den Zivilisationsbruch, auf den Europa damals zusteuerte, lässt Branagh in seinem period drama anklingen, indem er Dafoe als österreichischen Sympathisanten der Nationalsozialisten auftreten lässt (der in Wahrheit Detektiv ist und Halbjude). Zum Update gehört, dass vor der mörderischen Zugfahrt eine antikolonialistische Episode in Jerusalem steht, in der Poirot eine Art kriminologische Ringparabel aufführt, dass Colonel Arbuthnot (Leslie Odom Jr.) sich in einen Arzt mit dunkler Hautfarbe verwandelt hat, der das Thema Rassismus mit an Bord bringt, und Judi Dench als russische Prinzessin Dragomiroff nicht nur eine echte Schau ist, sondern einen kleinen feinen Seitenhieb auf dass männlich dominierte Showbusiness austeilen darf. Das alte Spiel mit Nationalcharakteren, kulturellem Snobismus und Stereotypen, das Poirots Ermittlungen immer vorantrieb, ist heikel geworden. An die Stelle des Whodunnit tritt ohnehin das Howdunnit: mit enormem Aufwand.

Branagh hat seinen Film auf den letzten vier erhaltenen 65-Millimeter-Kameras von Panavision drehen lassen, die Innenaufnahmen sind von einer atemberaubenden Detailgenauigkeit und wechseln sich mit epischen Landschaftsaufnahmen ab. Das ist schade, weil so das Gefühl klaustrophobischer Enge kaum aufkommt. Sobald Städte ins Bild gelangen, erinnert das Setting ohnehin eher an das Computerspiel „Assassin’s Creed“ – alles wirkt irgendwie steril. Es herrscht der pure Luxus: Die Crew drehte in einem voll ausgestatteten echten Zug mit echter Lokomotive. Für die Illusion, dass er durch das winterliche Kroatien fährt, sorgten Tausende LED-Bildschirme vor den Fenstern, auf denen die Szenerie vorbeizog. Der Effekt soll so glaubhaft gewesen sein, dass einen Teil des Teams Reiseübelkeit plagte.

Wie lebendige Teile der opulenten Ausstattung wirken die Stars, die Branagh versammelt. Jeder hat nur einen kurzen Auftritt, keiner soll den anderen ausstechen, alle sollen beitragen zum genussvollen Unterhaltungskino mit Mord in allerbester Gesellschaft. Johnny Depp, eine Idealbesetzung für Ratchett, den Mann mit der Raubtieraura, grimassiert vor dem Spiegel und droht mit der Pistole. Dass er Todesangst leidet, scheint wenig glaubhaft. Michelle Pfeiffer glänzt als alternde Diva und verneigt sich auf diese Weise vor Lauren Bacall, die diese Rolle im Film von Lumet innehatte. Penélope Cruz nimmt man die Missionarin keinen Moment ab, aber es ist schön, sie zu sehen. Derek Jacobi gibt einen formidablen Diener. Und mittendrin Poirot, der nicht viel Zeit für jeden Einzelnen erübrigen kann, weil er – notorischer Hypochonder wird ein bisschen Actionheld – über das Dach des Zugs läuft, in der Brücke herumturnt und auf ihn geschossen wird. Seine Verhöre verlegt er des schöneren Drumherums wegen schon mal in den Schnee oder reiht die Verdächtigen zum Showdown im Tunnel auf wie zum letzten Abendmahl.

Exquisit inszeniert ist das, mit Spiegeleffekten und einem Film im Film, der als Melodram den Kindsmord, mit dem alles begann, ins Bild setzt. Spannung? Psychologie? Geschenkt, wenn das Ganze eine großartige Sause wäre. Dazu aber hätte es mehr Mut zur Übertreibung gebraucht. So fehlt dieser Verfilmung vor allem eines: der Charme.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
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