„My Little Pony“ im Kino

Das Glück der Wiehervereinigung

Von Dietmar Dath
 - 11:32
© Tobis, FAZ.NET

Eine traurigere Szene findet man in keiner der vielen Geschichten, die von diesen Pferdchen handeln: Prinzessin Twilight Sparkle, geflügeltes lila Zauberpony mit Horn, schleicht im nassen Sand davon.

Ihre Freundinnen haben sich von ihr abgewandt und trotten in die andere Richtung. Die „mane six“ sind damit getrennt (ein Wortspiel: „mane“ – Mähne – klingt wie „main“, also „das Wichtigste“), Twilight Sparkle muss ohne die fünf andern zurechtkommen: ohne die orangefarbene Farmerin Applejack, die schneeweiße, großzügige, aber etwas eitle Designerin Rarity, die durchgeknallte rosa Partybombe Pinkie Pie, die schüchterne gelbe Naturschützerin Fluttershy und die blaue, fliegende Draufgängerin Rainbow Dash.

Alle sechs (und den kleinen Drachen Spike, Faktotum der Prinzessin bei Wissenschaft und Zauberei) gibt es als Waren aus Plüsch oder Plastik von der Firma Hasbro. Seit einiger Zeit wecken und erhalten solche Spielzeugfirmen das Interesse an ihren Produkten (vom Computerspiel bis zum Legobausatz) mittels multimedial formatierter Geschichten, die Kundschaft soll als Publikum Gefühle investieren. Hasbros „My Little Pony“-Produktpalette gibt es seit Anfang der achtziger Jahre, das gegenwärtige Erscheinungsbild und damit der Film, von dem hier die Rede ist, gehören zur vierten Generation. Deren Erfolgsgeschichte begann 2010 mit der ersten Folge der Trickfilm-Fernserie „My Little Pony – Friendship is Magic“, entwickelt von der Animationskünstlerin Lauren Faust. Bis in die zweite Staffel betreute sie ihre schöne Schöpfung selbst, dann gab sie das Reich „Equestria“, wo Twilight Sparkle und ihre Mitrösser leben, in die Obhut der nicht minder fähigen Meghan McCarthy, von der auch das Konzept zum Kinofilm stammt.

Was in Equestria passiert, beruht auf einer von Faust und ihrem Stab ersonnenen Mythologie um Sonne, Mond und Sterne inklusive physische, soziale und politische Landschaft. Dieser Kontext, sagt der Hasbro-Designer Matt Mattus, „verleiht jeder Blume, jedem Törtchen, jeder Drossel auf dem Baum in den Geschichten einen Daseinsgrund“. Ethisch geht’s dabei vor allem um die Idee „Wir sind alle verschieden, aber gleichberechtigt“. Die „cutie marks“ oder Schönheitsflecken, kleine Symbole (Äpfel, Sterne, Ballons et cetera) auf den Flanken der Ponies unterscheiden sie voneinander und versinnbildlichen ihren Charakter, ihre Berufungen, ihre Talente.

Erwachsene Fans haben das Ganze, weil Erwachsene leider so sind, sowohl linksuniversalistisch-utopisch (kein Pony ist besser als ein anderes) als auch marktkonservativ (nur Wettbewerb schafft Reichtum) ausgelegt; es gibt eine hochumstrittene Doppelfolge in der fünften Staffel der Serie, die man sowohl als Angriff auf linke Gleichmacherei wie als Polemik gegen rechten Konformitätsdruck lesen kann.

Die Netz-und-Freizeit-Kultur rund ums Ponywesen enthält als Subszene besonders umtriebige männliche Fans, die sogenannten Bronies, mit denen sich der faszinierende Dokumentarfilm „A Brony Tale“ (2014) von Brent Hodge befasst. Bronies vermutet man überall: Als der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton in einer Fernseh-Quizsendung 2011 drei Pony-Fragen richtig beantworten konnte (unter anderem nach Raritys Lieblingsbeschäftigung), stöhnte das Web wohlig auf: „Bill Clinton ist ein Brony!“ Inzwischen kann unkontrollierte Ponybegeisterung komplette Kleinbürgerfamilien in die Armut treiben, so viel Zeug gibt’s zu kaufen, zu lesen, zu hören, zu sehen – sogar eine Ablegershow, bei der die Ponies eine Parallelwelt entdecken, in der sie Menschenmädchen sind („Equestria Girls“). Der Kinofilm muss daher schon aus Marketingkalkül sowohl die Eingeweihten zufriedenstellen wie neue Kundschaft anlocken. Das dürfte klappen, denn er ist toll. Zwar droht er stellenweise vor lauter Plot zu platzen (Rarity beschwert sich einmal ganz richtig: „Ich hasse spannende Abenteuer“), was an einer im Fernsehen erprobten Erzählereignisdichte liegt, neben der „Game of Thrones“ oder „Breaking Bad“ wie Bildschirmschoner wirken. Wundersamerweise aber wird das Werk in anderthalb Stunden mittels einer Szenenökonomie, an der sich die Erzeuger der formlos breiten Blockbuster unserer Zeit ein Beispiel nehmen sollten, sowohl dem regulären Ensemble wie allen Gaststars gerecht.

„Willst du mich verpferdeäppeln?“

Nach der Eröffnungsfanfare zwischen Sternen, die Twilight Sparkles cutie mark nachempfunden sind, öffnet sich die Leinwand einer monumentalen Demonstration der Teamkultur am Hof Canterlot, wo die Prinzessinnen Celestia, Luna und Cadance wieder einmal die Ausrichtung des „Freundschaftsfestes“ angeordnet haben: Rarity kümmert sich ums Dekor, Fluttershy übt mit dem Vogelchor, Pinkie Pie präsentiert eine nicht recht ausgereifte „Konfettikuchenkanone“, Applejack regelt Gastronomisches, Rainbow Dash Akrobatisches. Dialoge flitzen zwischen ihnen hin und her, in denen auf Deutsch ein paar Wortspiele weniger wiehern als im Original. „Somepony“ und „anypony“ für „somebody“ und „anybody“ lassen sich nicht verlustfrei übertragen, wogegen die equestrische Metropole „Manehattan“ zwanglos „Mähnhattan“ heißen kann. Die Frage: „Willst du mich verpferdeäppeln?“ beantwortet sich selbst.

Twilight Sparkles Partyplan auf einer Tafel verrät einmal mehr ihre immense Übersichtsintelligenz (Integralzeichen, Törtchenzeichen, Blumenzeichen – höhere Ponymatik ist nicht einfach). Heldin des Films wird diese liebe Chefin dabei allerdings nur insoweit, als noch jede moderne Utopie, also auch die equestrische, mit dem Organisationsproblem „erwünschter Vorrang der Fähigsten ohne Herrschaft und Unterdrückung“ gerungen hat. Diesmal eskaliert das zur Existenzfrage für die „mane six“, inmitten zahlreicher Zuspitzungen des Pony-Normalbetriebs: mehr Lichtreflexe im Pony-Augenaufschlag, mehr gefährliche Situationen (Killerwindmühlenflügel, Wasserfallstürze, Ballonexperimente), mehr Licht auch für den legendären Ultraschallregenbogen, den Rainbow Dash in den Himmel fetzt.

Gesangseinlagen lockern das Drama auf; die beiden besten sind erstens Rainbow Dashs Schmetterappell an die Ehre der Piratenpapageien, die daraufhin mit den Ponies gegen das Unrecht in die Schlacht ziehen, und zweitens die Wahnsinnsarie der bösen Pferdedame Tempest Shadow, die drohend vorträgt, dass Freundschaft Unsinn sei, Verschiedenheit zu Krieg führen müsse und Wirklichkeitssinn eisernen Egoismus verlange (der schaurige Auftritt trifft wie zufällig ein Kernmerkmal des zeitgenössischen Rechtsradikalismus, nämlich dessen Tendenz, eigene asoziale Ressentiments als besonders realitätstüchtig anzupreisen).

Die Ponies sehen das anders: „Jeder Edelstein hier macht die Farben perfekt“, irgendwas kann jedes Pony, zum Beispiel andere anleiten wie das Führungsquartett Celestia, Luna, Cadance und Twilight Sparkle. Nur die letzte dieser vier entwischt im Film dem äffischen „Sturmkönig“, dessen von Madame Tempest befehligte Invasionstruppe Equestria besetzen. Die Mane Six und Spike fliehen danach durch Wüsten und Weiten, um Hilfe zu holen, und begegnen bald allerlei Entrechteten und Vertriebenen, selbst in Meerestiefen, wo sie (mit Luftblasen als Taucherhelmen) das Wort „Seepferdchen“ wörtlich nehmen dürfen.

„Wir sind Hunderte, und du bist allein!“

Am Rand der Action glitzert eine Galaxie von Nebenfiguren: Applejacks Oma zuzelt an einem Apfel, die notorische Modemähre Photo Finish (die in der Show mit deutschem Akzent spricht, manche Kinder könnten ja Lagerfeld kennen) knipst sich um den Verstand, das Zebra Zecora hat einen Stand auf dem Festmarkt und bloß der grummelige alte Esel Cranky Doodle Donkey fehlt. Die Stimmenprominenz (im Original Großkaliber wie Liev Schreiber und Zoe Saldana, im Deutschen unter anderen Gil Ofarim und Beatrice Egli) dient brav dem Gesamteindruck, selbst Stargast Sia passt perfekt als ponysierte Prominente „Songbird Serenade“ – ein neuer Trend im Kinderfilm: Auch Shakira war als Gazelle in „Zoomania“ (2016) schlüssig besetzt.

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Visuell funktioniert „My Little Pony“ anders als die prallen Körperkissenschlachten von Pixar oder die Flächenfarbentableaus der klassischen Disney-Animation. Man setzt auf diskrete Schichtung von Bildebenen bis in die jeweils gewünschte Tiefe (bei Zweiergesprächen keine, bei Action jede Menge). Ideographische Sparsamkeit (der Körpertyp fast aller Ponies ist gleich, nur Farben, Frisuren, Accessoires unterscheiden sich) lässt Raum für schemafremde Akzente, etwa das zackige Design der Henkerbande des Sturmkönigs. Einfachheit im Einzelnen ist dabei Voraussetzung für Komplexität im Ganzen, bedingt wohl durch den pädagogischen Zweck, den man Kinderkunst, solange sie von Erwachsenen gemacht wird, nie ganz wird austreiben können. Im Ponyversum werden sittliche Lektionen allerdings glücklicherweise aus den Figurenkonstellationen entwickelt, ihnen also nicht aufgezwungen. Wenn zum Beispiel ein Pony der Usurpatorin Tempest mit der Parole entgegentritt „Wir sind Hunderte, und du bist allein!“, fällt der Film auf diese Revolutionsromantik nicht herein, sondern lässt die Heldinnen schnell lernen, dass quantitative Kollektivbesoffenheit wie in der berühmten Shelley-Phrase „ye are many, they are few“ wertlos ist ohne eine qualitative Bündnisidee. Die Koalition der Ponies, Piraten und Vertriebenen mit einem Halbweltkater, dessen Wohnungsinneneinrichtung Rarity treffend als „Bohème- Mischmasch“ kennzeichnet, entdeckt daher lieber das Gemeinsame im Vielfältigen, statt Vielfalt stumpf zu fetischisieren.

So kann man sogar noch aus internen Reibungen einer Koalition Kraft holen: „Vertragt euch später“, warnt Rainbow Dash einmal zwei Freundinnen auf Schmusekurs, denn die Gefahr ist noch nicht vorbei. Warum Erwachsene sich gerade jetzt einen Kinderfilm anschauen sollten, der diese wertvolle Ponysophie des gerechten Zusammenlebens entfaltet, versteht wohl selbst der verstockteste Esel.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
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