Deutscher Kinofilm „Casting“

Herr Fassbinder, bitte ans Telefon!

Von Bert Rebhandl
 - 14:04

Fünf Tage vor Drehbeginn eines Films hat die Regisseurin Vera ein Problem. Sie hat drei Telefone zur Auswahl und kann sich nicht entscheiden. Jeder Apparat hat seine Qualitäten, aber irgendwas passt nicht, und dazu kommt noch, dass das Telefon in dem Film, von dem Vera ein Remake machen will, eine sehr wichtige Rolle spielte. „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder ist nicht nur ein großer Frauenfilm, sondern auch einer mit einer unvergesslichen Ausstattung. Eine mondäne Wohnung, und zwar von einer Mondänität, wie sie in der Bundesrepublik erst in den frühen siebziger Jahren allmählich vorstellbar wurde. Dass sich jemand eine Fototapete mit einem berühmten Gemälde von Poussin an die Wand hängen würde, das war dann allerdings typisch Fassbinder, der die Wahrheit gern in der Übertreibung suchte. Das Telefon ist hingegen ganz schnöde: ein funktionaler Wählscheibenapparat mit Sprechmuschelhörer, wo man eigentlich ein ornamentales Ding wie aus einem Hollywood-Klassiker erwartet hätte.

Die drei Telefone sind in Nicolas Wackerbarths Film „Casting“ allerdings das kleinste Problem für Vera, denn sie hat auch noch keine Hauptdarstellerin. Jedes Detail muss beim Drehen eines Films gecastet werden, in erster Linie aber natürlich die Schauspieler. Und so kommen hier ein paar zum Vorspielen. Sehr bekannte Damen aus dem heutigen Deutschland, die sehr bekannte Damen mit erfundenen Namen spielen. Bei Fassbinder ist Petra von Kant eine Modeschöpferin, die ihre Bedienstete schikaniert und sich in das junge Fotomodell Karin verliebt. Die Schauspielerinnen, die in „Casting“ für die Hauptrolle in dem Remake vorspielen, müssten sich an Margit Carstensen orientieren, aber die war so einmalig, dass man das Original besser gleich vergisst. Auch sonst will Vera (gespielt von Judith Engel, Star an der Berliner Schaubühne) einiges ändern. Vieles ist aber auch noch offen, denn die Regisseurin zaudert gern, und der Produzent hält ständig Rücksprache mit der Redakteurin, man weiß nicht immer, wer das letzte Wort hat. Wie das eben so ist im deutschen Film, der bekanntlich über viele Schreibtische geht. Wenn Vera dann einmal dezidiert nein sagen muss, dann tut sie das ohne Worte, nur mit den Augen, wie das wiederum wirklich nur eine exzellente Schauspielerin zuwege bringt.

Remake zu Fassbinders Geburtstag

Offiziell dient der 75. Geburtstag von Fassbinder als Vorwand für dieses Remake. Der wäre aber ohnehin erst in drei Jahren, da ist also noch ein wenig Zeit für Vera, um über Telefone und ideale Besetzungen nachzudenken. Nicolas Wackerbarth geht es in „Casting“ um alles andere als eine Gedenkveranstaltung zu Ehren des international renommiertesten deutschen Filmkünstlers. Er will hier ein Erbe heben, ohne es epigonal antreten zu wollen. In „Casting“ geht es darum, die Experimente von Fassbinder nicht nachzustellen, sondern mit dessen Ideen neu zu experimentieren.

Und die Aufhebung der orthodoxen Differenz zwischen Rolle und Interpretation (in größeren Worten: zwischen Leben und Kunst) war nun einmal eine der wichtigsten Strategien von Fassbinder, der in „Warnung vor einer heiligen Nutte“ einmal einen ganzen Film über ein Filmteam gemacht hat, das auf Regisseur und Hauptdarsteller wartet – und auf das Geld, um drehen zu können. Diese Reflexivität im filmischen Erzählen hat das deutsche Kino danach selten wieder erreicht. In „Casting“ aber geschieht es wie von selbst. Das hat nicht zuletzt mit der besten Pointe von Wackerbarth zu tun: Seine Hauptfigur ist nämlich nicht die Regisseurin und auch keine der Starschauspielerinnen (Corinna Kirchhoff, Marie-Lou Sellem, Ursina Lardi, Andrea Sawatzki, alle auf ihre Weise markant und auf den Punkt). Im Mittelpunkt von „Casting“ steht vielmehr ein arbeitsloser Schauspieler namens Gerwin Haas, der als Anspielpartner fungiert, oder, wie er an einer Stelle verächtlich tituliert wird, als „Anspielwurst“. Er soll bei den Castingszenen die Stichworte geben. Weil aber immer mal wieder jemand nicht da ist, probiert er eine Rolle nach der anderen selbst aus, manchmal nur so zum Zeitvertreib, denn beim Film muss viel gewartet werden.

Ein großartiger Film

Nicolas Wackerbarth hat selbst als Schauspieler gearbeitet, bevor er zum Filmemacher wurde. In „Toni Erdmann“ kann man ihn in einer kleinen Rolle als Coach sehen. Mit „Casting“ findet er nun eine (improvisierte) Form, die das Kino von den Interpretationsspielräumen her neu denkt, die sich beim Aufeinandertreffen von Menschen nun einmal so ergeben. Dass besonders sexuelle Identität viel mit Spiel und mit Macht (und mit Institutionen, von denen das Kino auch eine ist) zu tun hat, das wird in der Passage deutlich, die Gerwin in diesem „Casting“ durchläuft. Der Österreicher Andreas Lust (bekannt zum Beispiel aus „Der Räuber“) ist eine exzellente Wahl für diese Rolle, weil er Gerwin ganz formbar erscheinen lässt, fast wie eine Knetmasse in einem Kinderspiel, und dabei die Verführbarkeit nie übersehen lässt, die mit jedem Rollenangebot einhergeht. Eine Verführung, etwas Größeres zu werden, als das, was das eigene Leben bereithält. „Lasst uns erst mal Höhe schaffen“, gibt Gerwin als Parole aus, muss sich dann aber von der Maskenbilderin fragen lassen, ob er immer so rote Ohren bekommt, wenn er erregt ist.

Kinotrailer
„Casting“
© Piffl Medien GmbH, Piffl Medien GmbH

Und das alles wegen dieses einen Schiedsspruchs, mit dem eine Regisseurin wie Vera aus einem Menschen einen anderen machen kann: „Du bist Karl.“ Karl aber ist in der Vorlage Karin. Und ist Gerwin nicht eigentlich Petra? „Casting“ ist ein großartiger Film über die Übergänge, aus denen künstlerisch etwas entsteht: eine Figur, ein Moment, eine Idee. Dass vieles dabei auch verlorengeht, ist der Preis, den Wackerbarth nicht verschweigt. Das tut seinem Experiment keinen Abbruch, es wird dadurch nur überzeugender und reicher. „Mit dir kann ich mir viel vorstellen“, sagt Vera an einer Stelle zu Gerwin. Mit „Casting“ kann man sich das deutsche Kino ganz neu vorstellen.

Quelle: F.A.Z.
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