„Voll verschleiert“ im Kino

Diesen Anblick erträgt er einfach nicht

Von Bert Rebhandl
 - 11:45

Selbst ein sehr verbohrter muslimischer Eiferer müsste heutzutage eigentlich misstrauisch werden, wenn sich ihm eine Frau mit dem Namen Sheherazade vorstellt. Gut, von der Frau sind nur die Augen und ein Stückchen Nase zu sehen, alles andere bleibt verborgen hinter schwarzem Textil. Aber Sheherazade? Die Erzählerin aus den 1001 Nächten will vor allem Zeit gewinnen gegen den Tod. Sie lässt sich lieber etwas einfallen, als sich mit den Umständen abzufinden.

Mahmoud, gespielt von William Lebghil, ein junger Bärtiger, der frisch nach Frankreich zu seiner Schwester Leila und seinem Bruder Sinna gekommen ist, müsste mit ein bisschen Kenntnis der arabischen Klassik doch auf die Idee kommen, dass ihm die moderne Sheherazade, mit der er es zu tun bekommt, ein Schnippchen schlagen will. Das ist vor allem deswegen notwendig, weil Mahmoud zu einem unangenehmen Zeitgenossen geworden ist. Während Leila (Camélia Jordana) an der Hochschule Sciences Po studiert und sich für ein Praktikum bei den Vereinten Nationen in New York bewirbt, kommt Mahmoud aus dem Jemen nach Paris, und dort hat er in einschlägigen Trainingslagern vor allem gelernt, wie man Frauen wegsperrt und Familienfotos zerreißt, weil sie ihn an moderne Zeiten erinnern.

Die Eltern sind tot, deswegen ist Mahmoud nun das Oberhaupt. Und als er auf dem Höhepunkt eines Zwists auch noch den Pass von Leila verbrennt, ist die Frist gesetzt: Drei Wochen bleiben, um nicht nur das Dokument neu zu beschaffen, sondern überhaupt der Freiheit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Dazu braucht es in der Komödie „Voll verschleiert“ von Sou Abadi eben das Gegenteil einer Hosenrolle: eine Burka-Rolle. Damit er weiterhin mit Leila in Verbindung bleiben kann, wirft sich ihr von Félix Moati verkörperter Freund Armand, aus einer französisch-iranischen Familie abstammend, einen Ganzkörperschleier über und begehrt mit Fistelstimme Zutritt zu Leila. Der Nom de plume Sheherazade wird improvisiert. Auf Mahmoud wirkt vor allem die Stimme anziehend, aber auch die Augen haben es ihm angetan: „Sie hat so eine Ausstrahlung.“ Manche mögen es heiß, Mahmoud mag es heißer. Seine Liebe ist in hohem Maß Projektion. Den Rat, wie er mit der Verführung selbst noch durch die kaum erkennbare junge Frau umgehen kann, gibt ihm Armand, der sich hektisch ein paar Informationen über den Islam angelesen hat, selbst. Mahmoud soll einfach immer wieder sagen: „Ich suche Zuflucht bei Allah.“

Geistreicher Titel im Original

Im Original trägt „Voll verschleiert“ den Titel „Cherchez la femme“, was auf mehr als einer Ebene geistreich ist. Das Selbstbewusstsein, mit dem die französische Kultur in so vielen Zusammenhängen „die Frau“ sucht und findet, zeigt sich hier auf vielerlei Weise, und es gibt Herleitungen für unterschiedliche Feminismen.

Leila ist, jedenfalls bevor Mahmoud auftaucht, einfach eine hellwache Akademikerin, die ihre eigene Bewegungsfreiheit in der Welt auch Menschen zuteil lassen werden möchte, die „ohne Papiere“ sind. Armands Mutter Mitra wiederum hat in Iran, bevor dort die Mullahs die Revolution gekapert haben, für eine gerechte Gesellschaft gekämpft und hält nun in Paris – notfalls mit einem Protestvideo, in dem sie den Büstenhalter ablegt – an diesen Idealen auch dann noch fest, wenn sie für ihren Sohn eine ideale, also iranische Schwiegertochter sucht.

Schule der Freizügigkeit

Wie nebenbei wird an dem bunten Figurenreigen in „Voll verschleiert“ eine Geschichte des Mittleren Ostens erkennbar, die sich in Migrationssschichten in den europäischen Großstädten biographisch sedimentiert hat. Die Feinfühligkeit für solche Zusammenhänge, die dann auch als Klischee immer noch sehr welthaltig sind, lässt dann auch über die gewiss nicht allzu subtile Dramaturgie von Sou Abadis Komödie hinwegsehen, die sich großzügig bei den Rezepten der Klamotte bedient, mit einem ebenso absehbaren wie dann doch wieder hinreißenden Finale auf dem Flughafen, wo in einem großen Auflauf und unter „Störung der öffentlichen Ordnung“ dann endlich der Schleier gelüftet wird.

Die unabhängig von religiösen oder anderen Begründungen skandalöse Tatsache, dass so viele Menschen auf dieser Welt den Anblick von freien und selbstbewussten Frauen nicht ertragen wollen, ist natürlich für den von Beginn an harmlos wirkenden Mahmoud ein bisschen zu groß, um sie als Filmfigur zu schultern. Aber letztendlich geht es in „Voll verschleiert“ um nicht weniger als eine Schule der Freizügigkeit, und die Anspielungen auf so viele Komödien und Opern, in denen jemand mit dem Kostüm das Geschlecht wechselt, machen nicht zuletzt klar, dass im Westen, in Frankreich, die Liebe mit einer Kultur der Diskretion zutiefst verbunden sind.

Das war auch in den 1001 Nächten schon so, und deswegen hat es durchaus seine Richtigkeit, dass der Muslimbruder Mahmoud sich in eine Sheherazade verliebt.

Quelle: F.A.Z.
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