Der Fall Polanski

Das Ende der Amnesie

Von Peter Körte
 - 07:41

Manchmal ist es gar nicht so leicht, Einsicht und bloßen Opportunismus voneinander zu unterscheiden. In der vergangenen Woche hat die Academy of Motion Picture Arts and Sciences dem 80-jährigen Schauspieler Bill Cosby und dem 84-jährigen Regisseur Roman Polanski die Mitgliedschaft entzogen, weil sie „die Werte des Respekts vor der menschlichen Würde“ missachtet hätten.

Konkret heißt das: Cosby, der von 60 Frauen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird, wurde kürzlich wegen eines Falls aus dem Jahr 2004 von einem Gericht für schuldig befunden. Roman Polanski wird in den Vereinigten Staaten seit 1978 wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen polizeilich gesucht. Er hatte sich damals schuldig bekannt – und war geflohen. 2009 hatte man ihn in der Schweiz festgenommen, zwei Monate ins Gefängnis gesteckt und dann unter Hausarrest gestellt, bevor die Schweizer Justiz entschied, den Regisseur nicht an die Vereinigten Staaten auszuliefern.

Das alles hat die Academy jahrzehntelang nicht gestört. Sie hat Polanski 2003 sogar noch den Oscar für die beste Regie verliehen (für den Film „Der Pianist“). Und als er in der Schweiz einsaß, forderten mehr als hundert bekannte Schauspieler und Filmemacher von Johnny Depp und Whoopie Goldberg bis zu David Lynch und Martin Scorsese in einer Petition seine Freilassung. Harvey Weinstein, den die Academy im Oktober rauswarf, schrieb 2009 einen in jeder Hinsicht offenen Brief, in dem es hieß: „Was immer man von seinem sogenannten Verbrechen hält, Polanski hat seine Zeit abgesessen.“

War es Einsicht? Oder Opportunismus?

Ernstlich ist nichts gegen Polanskis Ausschluss einzuwenden. Wohlwollend könnte man sagen, dass späte Einsicht besser sei als gar keine und dass die Beharrlichkeit der #MeToo-Bewegung auch bei der Academy Wirkung gezeigt habe. Und dass es am Ende doch gleichgültig sei, ob die Entscheidung aus Opportunismus oder aus Einsicht gefallen sei, Hauptsache, es gehe nicht so weiter wie bisher. Man kann die Reaktion der Academy auch als „Gipfel der Heuchelei“ bezeichnen, wenn man Polanskis polnischer Anwalt ist. Bizarr jedoch bleibt dieser Fall von Verdrängung, Nichtwissenwollen oder partialer Amnesie.

Fast vierzig Jahre lang hat die Academy, ach was: die internationale Kinogemeinde toleriert, dass ein geständiger Täter sich einer Strafe für sexuellen Missbrauch entzogen hat. Man hat Polanskis Filme finanziert, mit ihm zusammengearbeitet, ihn mit zunehmendem Alter für sein Lebenswerk geehrt, sich für ihn und gegen die Unnachgiebigkeit der amerikanischen Justiz engagiert.

Es gab sogar 2008 einen Dokumentarfilm „Roman Polanski: Wanted and Desired“, der den Regisseur als Opfer juristischen Fehlverhaltens während des Prozesses erscheinen ließ. Produziert hat den Film, das ist keine bösartige Erfindung, die Weinstein Company.

Man hat auch in Polanskis Autobiographie gelesen, die schon 1984 erschien, wie unverfroren explizit er die Vergewaltigung der 13-jährigen Samantha Gailey beschreibt, nur dass er den Akt weiterhin für einvernehmlich hält; wie er 1976 mit der 15-jährigen Nastassja Kinski schlief und mit zahlreichen anderen Minderjährigen. Oder man erinnert sich, dass er 1979 in einem Interview mit Martin Amis sagte: „Alle wollen junge Mädchen vögeln.“ Zeichen der Reue, des Bedauerns, von Schuldbewusstsein sind dagegen öffentlich nicht bekannt geworden.

40 Jahre „Toleranz“

Und so ist dank dieser „Toleranz“ der Missbrauch von damals mit der Zeit immer mehr zu einer Art Kavaliersdelikt verblasst. Ohne den Fall Weinstein hätte sich diese Wahrnehmungsstörung weiter verfestigt, hätte jene diskursive Entlastungsstrategie überlebt, die das Genie des Künstlers als Entschuldigung für Verstöße gegen das bürgerliche Recht und die menschliche Würde anführt.

Wobei, muss man sofort einschränken, auch jetzt, nach Weinstein, ein peinlich berührtes Schweigen überwiegt. Kaum einer der Prominenten, die die Polanski-Petition unterzeichnet oder mit ihm gearbeitet haben, hat sich öffentlich distanzieren oder seine Solidarität bekräftigen mögen – außer Asia Argento, die bereits im vergangenen Herbst das Schweigen über Harvey Weinstein gebrochen hatte.

Aber die Lage wird noch komplizierter, da Polanskis Opfer den Ausschluss aus der Academy eine „hässliche und grausame Handlung“ und „reine PR“ nannte. Was insofern verständlich ist, als Samantha Geimer, wie sie heute heißt, endlich abschließen will mit diesem Kapitel. Sie hat 2013 ein Buch veröffentlicht, „The Girl – Mein Leben im Schatten von Roman Polanski“, sie hat ihm verziehen, was ein Zeichen von Größe ist, nachdem dieser Abend im März 1977 sie ihr ganzes Leben lang verfolgt hat.

Nun kollidiert ihr Anspruch, in Ruhe gelassen zu werden, nicht nur mit dem Wunsch der Academy, moralisch das Gesicht zu wahren, sondern mit dem Bedürfnis anderer Frauen, mit ihren Anschuldigungen gegen Polanski öffentlich gehört zu werden. Denn im Zuge des Weinstein-Skandals haben ihn vier Frauen beschuldigt, sie in den siebziger Jahren genötigt oder vergewaltigt zu haben.

Und die Freunde schweigen betreten

Und am Ende ist da auch das Recht Roman Polanskis, sich gegen diese Anschuldigungen zu verteidigen. Diese Konstellation mit einem rigiden moralischen Urteil auflösen zu wollen, würde niemandem helfen. Das Fatale daran ist ja gerade, dass es zwar einen Täter gibt und ein oder womöglich mehrere Opfer, sehr viele Schweiger und Dulder – aber niemanden, der davon profitieren könnte.

Auch Roman Polanski hat durch die Tat sein Leben unwiderruflich geprägt. Seine Karriere hat das aber nur in Hollywood beendet, seine Reisefreiheit hat es ein wenig eingeschränkt. Aber er hat seit 1977 zwölf Filme gedreht, was im Zeitraum von 40 Jahren eine völlig normale Quote ist.

Er hat dabei mit Hollywood-Stars in Europa gearbeitet, er hat einen Oscar bekommen, und wenn er Probleme hatte, einen Film zu finanzieren, dann lag das am Drehbuch, am Konzept, aber kaum an moralischen Bedenken. Weshalb Mitleid völlig unangebracht ist, wenn sein neuer Film „Nach einer wahren Geschichte“ ausgerechnet jetzt, zusammen mit den Schlagzeilen über die alte wahre Geschichte, ins Kino kommt.

Man muss sich eher fragen, ob denn der Mann, von dem große Filme wie „Rosemarys Baby“ und „Chinatown“ stammen, der in den letzten zehn Jahren allenfalls gediegenes Mittelmaß (wie „Der Ghostwriter“ oder „Der Gott des Gemetzels“) produziert hat, überhaupt noch ein interessanter Regisseur ist.

Sein neuer Film beruht auf dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan, Polanski hat ihn immerhin mit Olivier Assayas adaptiert. Polanskis Frau Emmanuelle Seigner und Eva Green spielen die Hauptrollen. Es geht ums Schreiben und ums Leben, um Schreibblockaden und Ausbeutung von anderer Leute Leben. Und um die Frage, was eine Geschichte zu einer wahren macht.

Die besten Jahre sind vorbei

Seigner spielt eine Schriftstellerin, die nach einem autobiographischen Bestseller in eine Krise geraten ist. Müde und ausgebrannt signiert sie bei einer Messe ihre Bücher. Unter den Fans ist auch eine Frau mit einem breiten, sinnlichen, lächelnden Mund. Sie nennt sich, Achtung: ein Zeichen, Elle, wie das französische Personalpronomen. Eva Green spielt sie mit dem Flair des Geheimnisvollen und Undurchdringlichen.

Elle drängt sich ins Leben von Delphine, wird unentbehrliche Freundin und scharfe Kritikerin. Delphines Lebensgefährte, eine Literaturbetriebsnudel beim Fernsehen, ist leider gerade in Amerika, um mal eben Cormac McCarthy, Bret Easton Ellis, Joan Didion und Don DeLillo zu interviewen.

Ein schwacher Hauch von Stephen Kings „Misery“, der Geschichte von der Stalkerin und dem Autor, weht durch die Handlung, erst recht, als Delphine sich das Bein bricht und Elle sich mit erstickender Fürsorglichkeit um sie kümmert. Erst gibt es Fischsuppe und Hummer, dann Erbrechen und Fieber. Dann Pflege, Verzweiflung und Flucht auf Krücken. Wie der Film jedoch den früh und viel zu plump geweckten Verdacht bestätigt, dass diese Elle eine ziemlich gefährliche Freundin sein könnte, ist von deprimierender Fadheit.

Die Story läuft schließlich in sich selbst zurück, so dass Delphine am Ende dort sitzt, wo sie am Anfang saß, nur dass ihr neues Buch jetzt so heißt wie der Film, der von seiner Entstehung erzählen will – dem aber die ästhetischen Mittel dazu fehlen. Da ist nur ein kunstgewerbliches Verständnis von Wahrheit und von dem, was passiert, wenn sich ein Leben in eine Geschichte verwandelt. Alles wirkt so, als habe sich Polanski nicht entscheiden können, was ihn an dem Stoff eigentlich interessiert. Nicht einmal mit der erotischen Spannung zwischen den beiden Frauen weiß er etwas Sinnvolles anzufangen.

„Nach einer wahren Geschichte“ erzählt uns natürlich auch nichts über Roman Polanski, was man nach seinen letzten Filmen nicht hätte ahnen können. Was ein ästhetisches und kein moralisches Urteil ist. Wahr oder zumindest Tatsache ist dagegen, dass Polanskis Anwalt juristisch gegen die Academy vorgehen will, weil sie bei dem Ausschluss gegen ihre eigenen Statuten verstoßen habe. Da kann man nur mit dem 68er-Kommunarden Fritz Teufel sagen: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient.“

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Kinotrailer„Nach einer wahren Geschichte“

„Nach einer wahren Geschichte“ – von Donnerstag an im Kino.

Quelle: F.A.S.
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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