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Sam Neill wird 70

Der Herr Hilfreich

Von Dietmar Dath
 - 13:05
Relatives Mindermaß: Sam Neill 1983 in „Jurassic Park“ Bild: Universal/courtesy Everett Collection, F.A.Z.

Wenn er irgendwo irgendwem helfen kann, hilft Sam Neill augenscheinlich immer gern – zum Beispiel neulich in Venedig, als er aufgefordert war, den Regisseur Warwick Thornton bei einem kleinen Werbeauftritt für den australischen Western „Sweet Country“ zu unterstützen.

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Als prominentester Nebendarsteller in diesem sehr guten Film, der im Wettbewerb des dortigen Filmfestivals lief und mit einem Sonderpreis der Jury bedacht wurde, sprang Neill agil unten an der Absperrung vor dem Festsaal herum, gab Autogramme, scherzte, stellte sich für Doppel- und Dreifachselfies mit halb Italien zur Verfügung und wirkte insgesamt, als wolle er jedem anwesenden Menschen einzeln nahelegen, „Sweet Country“ jetzt aber bitte gleich mit ihm anzugucken, sie würden es nicht bereuen.

Im Film, der von einem australischen Ureinwohner handelt, der mitten in der Epoche drückendster Knechtschaft seiner Ethnie in Notwehr einen Weißen erschießt, spielt der Neuseeländer Neill einen christlichen Farmer, der sich an der Jagd auf den Helden nur beteiligt, um einen Lynchmord zu verhindern. Einmal sitzen die rassistischen Menschenjäger nachts beim Lagerfeuer, und ihr Anführer beschwert sich, dass niemand für Unterhaltung sorge. Der fromme Mann, den Neill bei Thornton verkörpert, singt daraufhin ebenso liebenswert inbrünstig wie stur holprig gleich sämtliche Strophen eines besonders deplazierten Kirchenschlagers runter und erlaubt sich danach im verstockten Schweigen der versammelten Mörderbande auch noch den Hinweis, das vorgetragene Lied heiße übrigens „Yes, Jesus loves me“. Die Szene ist lustig, die Rolle deshalb noch lange nicht; im Gegenteil, am Ende fällt es gerade diesem Menschen zu, vom Schmerz über die Niedertracht um ihn her fast erstickt, die verzweifelte Frage zu stellen, welche Überlebensaussichten eigentlich eine Gesellschaft habe und verdiene, die bestimmten Leuten elementarste Rechte vorenthält.

Drehbücher und Dinosaurier

Die Spannweite zwischen dem witzigen und dem ergreifenden Auftritt passt zu Sam Neill, uneitel wandlungsfähig, wie er ist, ob als Mann im stoffbedingten Schatten einer eindrucksvollen Kino-Frauengestalt in Jane Campions „The Piano“ (1993) oder als tapfer sein relatives Mindermaß ertragender Mensch unter lauter tonnenschweren Echsen in Steven Spielbergs „Jurassic Park“ (auch 1993, es war Neills Welterfolgsjahr)

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Die Hits einmal beiseite, zeigt sich das wirkliche Format des Künstlers aber auch und gerade in Flops, in die er gerät, weil er sich darin eben auch dann, wenn ihm klar sein dürfte, dass er wenig Dank zu erwarten hat, niemals gehenlässt – man bewundere nur die distinguierte Präsenz, die er zur in ihren Fundamenten eigentlich ansprechend konstruierten, dann aber zusehends aus dem Ruder gelaufenen und bald von den Senderverantwortlichen abgemurksten Serie „Alcatraz“ (2011 bis 2012) beigetragen hat – dieser FBI-Veteran Emerson Hauser drückt auch dann das Kreuz durch, spricht seine Sätze mit Überzeugungskraft und lässt sich keine Szene entgleiten, wenn rings längst alles nicht mehr weiß, was für eine Story es eigentlich erzählen will.

Gegen Drehbücher, Dinosaurier und alle anderen denkbaren Demütigungen des Gewerbes hält Neill an seinem Handwerk fest, zur Zierde der Branche insgesamt, jederzeit bereit für tragende Nebenrollen – ein Film- und Fernsehwesen, das solche Hilfskräfte besitzt, braucht eigentlich keine Superstars. An diesem Donnerstag wird dieser tüchtige Dienstleister siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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