Sebastian Bezzel im Porträt

Ein Sheriff in Niederbayern

Von Tobias Rüther
 - 13:16

Sebastian Bezzel saß mit operiertem Meniskus in seinem Garten in Hamburg, als er zum Kinostar wurde. Seine Frau, erzählt er, hatte das ohnehin alles genau so kommen sehen, also stand sie da, während er mit lädiertem Knie saß, und sagte: „Jetzt hockst du hier und machst neunhundert Kilometer weiter südlich Karriere.“

Das war im Sommer 2013. Sebastian Bezzel war da schon seit elf Jahren eine feste Größe am Sonntagabend, als „Tatort“-Kommissar Perlmann vom Bodensee, an der Seite von Eva Mattes, aber was jetzt begann und Bezzel bis heute begleitet, hat seine Karriere als Schauspieler komplett verändert.

Franz Eberhofer hat alles verändert. Franz Eberhofer, der dauerbiertrinkende, dauerunverlobte, hardrockende Dorfpolizist aus Niederkaltenkirchen, den sich Rita Falk für ihre niederbayerischen Kriminalromane ausgedacht hat. Und den Sebastian Bezzel seit jenem Sommer 2013 viermal gespielt hat, die fünfte Verfilmung wird in diesem Jahr gedreht. Die Filme werden von der Firma Constantin gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk und der Degeto produziert, sie laufen also im Fernsehen wie im Kino, doch was dort dann im Sommer 2013 geschah, in den Kinos von Bayern, ist so eine Geschichte, wie man sie nicht planen kann. Aber, wenn es dann glückt, im Nachhinein immer erkennen, woran das liegt.

„Die Leute denken: Das ist unser Film“

Dass aus den „Eberhofer“-Krimis eine Reihe werden würde, haben sie jedenfalls gehofft, der Regisseur Ed Herzog, die Produzentin Kerstin Schmidbauer, das Ensemble um Sebastian Bezzel, als sie damals die erste Folge gedreht haben, „Dampfnudelblues“. Aber dann kam das Publikum. Es kam in Scharen. Weil die Leute in den Krimis offenbar etwas erkannten: sich selbst. Ihre Dorfkneipe und den Kreisverkehr, den Metzger und den Klempner, die Fehden über die Hecken hinweg, die unerwarteten Lieben und die Dramen und den Humor. „Die Leute denken: Das ist unser Film“, sagt Bezzel. Und so eine Identifikation bindet in der Kunst fester als alles andere.

Seither muss Sebastian Bezzel, 1971 geboren in Garmisch-Partenkirchen, zu jedem neuen „Eberhofer“ auf Tour durch bayerische Provinzkinos ziehen, wo die Leute ihn und seinen Filmpartner Simon Schwarz, den Privatermittler Rudi Birkenberger, belagern, um Selfies zu machen. Und wenn der große, blonde Sebastian Bezzel dann zu freundlich in die Kamera guckt, muss das Foto eben noch mal gemacht werden, damit er wie der Eberhofer guckt, also wortkarg bis grimmig und immer durstig. Dieser Blick, das stimmt schon, ist entscheidend für den Eberhofer. Manchmal guckt er einfach nur, und alles ist gesagt.

Bezzel lacht, als er von den Selfies erzählt. Und er sagt über die Zuneigung, die ihm auf diesen Kinotouren entgegenschlägt: „Dieses Jahr war es noch krasser. Es ist wie auf einem Popkonzert.“

Filme über die Provinz, keine Krimis

630.000 Zuschauer, Entschuldigung: 630.000 Bayern haben den neuesten Eberhofer-Film, die „Grießnockerlaffäre“, in den ersten vier Wochen seit Anfang August gesehen, was ein großer Erfolg ist, nicht viele deutsche Filme schaffen das. Ab dem 16. September läuft der Fall auch bundesweit, im nächsten Sommer voraussichtlich dann im Fernsehen. Diesmal wird Franz Eberhofer verdächtigt, einen Kollegen erstochen zu haben. Außerdem kocht die Oma nicht mehr ordentlich für ihn und seinen Vater, und Frühstück macht sie auch keines, weil ihre Jugendliebe wieder da ist und jetzt auch auf dem Hof lebt, wo der Franz mit dem Vater und der Oma und Ludwig, dem Hund, zu Hause ist.

Eberhofer hat den fiesen Kollegen Barschl (Francis Fulton-Smith, bei dem immer noch etwas von dem Franz Josef Strauß durchschimmert, den er mal fürs Fernsehen gespielt hat) natürlich nicht getötet. Also ermittelt Eberhofer jetzt gemeinsam mit dem Rudi, wer es wirklich war. Am Ende wird der Fall gelöst, ohne dass so recht klar wird, von wem eigentlich, aber das ist jedes Mal so. Und seiner Freundin Susi, gespielt von Lisa Maria Potthoff, hat er auch noch immer keinen Antrag gemacht. (Dass er das endlich tun müsse, erzählen die Leute Bezzel natürlich auch, wenn er Selfies mit ihnen macht.)

„Es sind keine Krimis“, sagt Sebastian Bezzel, als wir uns jetzt in Hamburg treffen, an einem der letzten warmen Tage dieses Sommers. „Es sind Filme über die Provinz. Ich sehe sie nicht mal als Komödien über die Provinz: Es geht um den Mikrokosmos Kaff.“

Die Jeans: ein seltenes Exemplar aus den Achtzigern

Und weil man besonders genau sein muss, wenn man diesen Mikrokosmos von innen erforscht, damit er zugleich ganz spezifisch (so ist es in Niederbayern) und ganz allgemein (aber eben auch bei uns) wirkt, darf man nirgendwo nachlässig sein, erst recht nicht im Detail: Auf dem Armaturenbrett von Eberhofers uraltem Audi 80 (mit dem angeblich schon die bayerische Legende Walter Sedlmayr im Einsatz war) klebt ein Foto von Susi im Plastikrahmen. Die Jeans, die Eberhofer trägt, wird sorgfältig gepflegt, ein seltenes Exemplar aus den Achtzigern. Und so geht das immer nur weiter von der Dorfmetzgerei Simmerl (wo der große Stephan Zinner, der nebenberuflich einmal im Jahr Markus Söder auf dem Nockherberg parodiert, hinter der Theke steht und Leberkässemmeln für den Eberhofer macht) bis zur lässigen Art, wie der Eberhofer mit dem ausgestreckten Finger aus seinem Audi 80 grüßt, wenn er in Niederkaltenkirchen auf Patrouille geht. („Er ist kein Polizist, er ist ein Sheriff“, sagt Bezzel.)

Der Regionalismus, den ARD und ZDF sonst mit ihren Schmunzelkrimis bis zum Gehtnichtmehr ausreizen, wirkt eben auch deswegen in diesen Krimis so penetrant, weil er ganz auf Touristik setzt, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner allgemeiner Bekanntheit: Waterkant, Ostfriesennerz, Herrgottswinkel, Dirndl. Eine Postkartenmotivik. Das Fremde und Finstere, der Spezialhumor und der Eigensinn, was man ja alles in jeder Provinz finden kann, verschwindet komplett in dieser Sicht, und damit geht auch ein Reichtum im Erzählen verloren. Beziehungsweise liegt er brach.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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„Die Provinz“, sagt Sebastian Bezzel, der ein leidenschaftlicher Fan des FC Bayern München ist, wir reden zwischendurch eine halbe Stunde nur über Fußball, „das ist diese Schicksalsgemeinschaft: Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, etwas anderes zu erleben. Oder andere Menschen kennenzulernen. Und dann diese Frage: Bleiben oder gehen?“ Bezzel hat, vor Jahren, in einer anderen feinen Serie des BR mitgespielt, „Franzi“, an der Seite der wunderbaren Jule Ronstedt in der Titelrolle – da spielte er Franzis Jugendliebe Werner, der daheim bleiben musste, um das Modegeschäft seiner Eltern zu übernehmen, während Franzi in die Welt zog, scheiterte und zurückkehrte. Wie geht es danach weiter? Kann der Eigensinn überleben, wo die Dörfer schöner werden sollen? Oder eingehen?

Alles in Bayern, alles auf Bayerisch

Genau davon, vom langsamen Untergang und Überlebenstrotz handelt auch die Komödie, in der Bezzel an diesem Mittwoch zu sehen sein wird, „Falsche Siebziger“, in der ein paar Dörfler, die darunter leiden, dass die örtliche Chemiefabrik Pleite ging, versuchen, über die Runden zu kommen, und zwar mit tödlichem Rentenbetrug. Aber es ist auch ein Generationenfilm, über älter werdende Kinder und ihre noch älter werdenden Eltern, über geplatzte Träume und letzte Chancen. Das Ensemble ist toll, Gerhard Wittmann ist dabei, der auch Franz Eberhofers unangenehmen Bruder Leopold spielt, und Kathrin von Steinburg, die wiederum eben noch in „Hindafing“ spielte, noch so einer BR-Serie, die aus der Provinz einen lustigen, bösen Abgrund von Korruption und Ambition und Anarchie macht.

Und alles in Bayern und auf Bayerisch, das umso lustiger ist, je böser es wird, man kennt das von Gerhard Polt. „Anscheinend ist Bayerisch gut für One-Liner“, sagt Bezzel. „Kurze, prägnante Sätze, die komplexe Zusammenhänge zerstören.“ Es wirkt, als habe sich bei Bezzel etwas gelöst, seit er im Dialekt seiner Heimat spielen darf, was beim „Tatort“-Kommissar Perlmann noch zu klemmen schien, wo er oft an die Grenzen seiner Rolle stieß. Bezzel selbst spricht lieber von der größeren Sorgfalt bei der Zeichnung seiner Figuren. Von besseren Drehbüchern und dieser leidenschaftlichen Genauigkeit, so lange zu arbeiten, bis es passt, weswegen auch schon mal zwei Drehtage beim Eberhofer drangehängt werden. Andererseits habe er einmal, auf der Schauspielschule, mit einer Szene des irischen Dramatikers Seán O’Casey gehadert, bis er sie in seiner Mundart spielte, da klärte sich alles.

Nach der Schauspielschule spielte Sebastian Bezzel Theater in München, gehörte zum Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels. Wenn man ihn fragt, ob er damals gewusst habe, dass ein Komödiant in ihm steckt, dann bejaht er das, was ihn aber eigentlich erstaunt habe, war, wie gut das mit ihm und der Kamera geklappt hat. „Ich wollte auch Volksschauspieler sein“, sagt er. „Nicht nur, aber das war mir ganz wichtig, auch so etwas zu machen.“ Und Volksschauspieler spielen heute eben Figuren, die AC/DC hören.

„Falsche Siebziger“, am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten, die „Grießnockerlaffäre“ ab Samstag bundesweit im Kino, und voraussichtlich im Sommer 2018 im Ersten.

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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