Neuer „Star Wars“-Film

Frauen sind komplexer, als ihr wusstet

Von Harlan Jacobson
 - 06:37

Wozu ist ein alter Mann gut, wenn nicht dazu, einen jungen Mann zu formen und ihm die Welt zu zeigen? In „Solo: A Star Wars Story“ geht es darum, mehr oder weniger, obwohl der Film natürlich auch noch Fragen beantwortet, die längst niemand mehr stellt – Fragen über Han Solo, die Figur, die den zunächst erst wie nebenbei in die „Star Wars“-Welt eingeführten Schauspieler Harrison Ford auf eine Stufe der Weltberühmtheit hob, von der Mark Hamill nur träumen kann, obwohl er doch als Luke Skywalker im Zentrum der freudianischen Familiengeschichte steht, die George Lucas 1977 zu erzählen begann. „Solo“, die zehnte Folge der „Star Wars“-Kinosaga, läuft jetzt im deutschen Kino. Wenn man die Liste der an dieser Produktion Beteiligten durchgeht, wirkt „Solo“ nicht direkt wie eine Schöpfung des Regisseurs Ron Howard oder der Produzentenriege unter der Führung von Kathleen Kennedy, die George Lucas ersetzen soll. Zur Kenntnis nehmen muss man vielmehr das Autorenteam, den neunundsechzigjährigen Larry Kasdan und seinen Sohn Jonathan, demnächst neununddreißig Jahre alt, die sich im Carlton Hotel auf der Croisette, einem Überbleibsel des verblassenden Glanzes von Cannes, wie es einmal war, zum Interview bitten lassen.

Die Story, die sie geschrieben haben, konzentriert sich auf Han Solo in einem Lebensabschnitt zwischen achtzehn und einundzwanzig Jahren, also in einem Alter, in dem die meisten jungen Männer einen etwas gewöhnlicheren Beruf anstreben als „galaktischer Pirat“, ein Job, der allerdings seinen Kommerzwert und sein Publikum hat. Dieser junge Han Solo wird von Alden Ehrenreich gespielt, einem Jungen aus Los Angeles, über den Steven Spielberg in einem Bat-Mitzvah-Video gestolpert ist und den er danach amerikanischen Regisseuren weitergereicht hat, darunter Francis Coppola für „Tetro“, Richard LaGravanese für „Beautiful Creatures“, Woody Allen für „Blue Jasmine“ und die Coens für „Hail Caesar!“. Ehrenreich ist feingliedriger Typ und hat verträumtere Augen als der etwa dreißigjährige Solo, in dessen Rolle Ford seiner Konkurrenz die Serie gestohlen hat, und bei 1,75 Metern Körpergröße gegenüber Fords 1,85 Metern muss der Kamerachef Brad Young Nahaufnahmen von Ehrenreich bevorzugen.

Ehrenreichs Solo ist jungenhaft verliebt in Qi’ra, gespielt von Emilia Clarke, die alle „Game of Thrones“-Fans als Daenerys Tagaryen kennen. Als die beiden bei der Grenzkontrolle getrennt werden, bevor sie dem scheußlichen Planeten entkommen können, auf dem sie festsitzen, beginnt für Solo eine Odyssee, die schließlich im Drehbuch der Kasdans damit endet, dass er Qi’ra wiederfindet. Als zeitweiliger Soldat des bösen Imperiums trifft er in Tobias Beckett schließlich einen Mentor, der auch eine unzuverlässige Vaterfigur ist, gespielt von Woody Harrelson, der seine Parade von mehr oder weniger liebenswerten Schurkenrollen auch in seinen Fünfzigern fortsetzt. Die Konstellation Sohn-und-Mentor haben die Kasdans natürlich als Geschichte ihrer eigenen Beziehung konstruiert – was sonst?

„Ja, sehr sogar“, sagt Larry Kasdan, und Jonathan ergänzt: „Total. Genau so war das“, und setzt hinzu, wenn er „das mit Larry machen“ würde – er nennt seinen Vater Larry – „dann haben wir gleich entschieden, unsere eigene Dynamik als zentralen Faktor zu sehen. Es fühlte sich richtig an, auch in Anbetracht der Art und Weise, wie Han später in Lukes Leben tritt, eine Figur, die für etwas Reiferes, auch Zynischeres steht.“

„Weltläufiger“, dämpft Larry die Beschreibung ein wenig. „Bei uns ist Han am Anfang sehr unschuldig. Als er Beckett trifft, lernt er jemanden kennen, der ihn wirklich formen wird. Für mich ist das meine Vergangenheit und meine Zukunft. Mich hat Han schon in Episode IV, 1977, fasziniert. Nachdem ich ein Jahr später ‚Raiders of The Lost Ark‘ (‚Auf der Suche nach dem verlorenen Schatz‘) geschrieben hatte, sagte George: Du musst ‚The Empire Strikes Back‘ (‚Das Imperium schlägt zurück‘) schreiben. Es lag also nur eine kurze Zeitspanne zwischen dem Moment, da ich die Szene in der Cantina im ersten Film sah – eine meiner Lieblingsszenen überhaupt – und dann tatsächlich Worte für Han schrieb. Dann habe ich ihn umgebracht, vor drei Jahren, in ‚The Force Awakens‘ (‚Das Erwachen der Macht‘), einem Film, an dem ich eigentlich gar nicht hätte arbeiten sollen. Und jetzt gehe ich zurück zu der Frage: Woher kommt dieser Han eigentlich? Also, für mich war es sehr einfach. Ich war begeistert.“ Dann aber fügt er hinzu: „Ich wusste, dass ich den Han-Film nur würde schreiben können, wenn Jon mitarbeitet. Er hatte auch bei ‚The Force Awakens‘ geholfen. Und er hatte viel mehr Ideen für den jungen Han als ich.“

Jon sagt: „Wir haben beide angefangen und dachten, es würde ein einfacher, schneller Hob, wir geben das Drehbuch ab und weiter geht’s. Aber dann hatte der Film seine eigene Dynamik, und am Ende haben wir drei Jahre dran gearbeit.“

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Star WarsHan Solo im Interview

Die Mentorengeschichte reicht weiter als bis zu den letzten drei Star-Wars-Kapiteln. Jon hat noch einen älteren Bruder, Jake Kasdan, der dreiundvierzig ist und als Regisseur bei Film und Fernsehen arbeitet. Wenn man genau hinschaut, sieht man den vierjährigen Jon in Larry’s „The Big Chill“ („Der große Frust“, 1983) – für Larrys Generation der Sechziger ein wichtiger Film, der ein bisschen der Regel folgte: Man macht einen fürs Geld, den andern aus Lust an der Show. Während er vom niedlichen Jungen über den Teenager bis zum Twentysomething heranwächst, hat John Rollen in Larrys Filmen „Silverado“ (1985), „Accidental Tourist“ (1988), „Wyatt Earp“ (1994) und „Dreamcatcher“ (2003). Nachdem Jon ein paar Episoden der Fernsehserie „Dawson’s Creek“ hinter sich hatte, half ihm Larry, seine Autoren- und Regiekarriere mit „In The Land of Women“ (2007) voranzubringen, einer romantischen Komödie über einen Mann, der bei seiner Großmutter lebt. Wenn man sich „Solo“ angesehen hat und dann mit den Kasdans redet, wird klar, dass sie diejenigen sind, die am klarsten wissen, worum es in diesem teuren Riesenfilm überhaupt geht. Drei Jahre sind allerdings eine lange Zeit, wenn man ein Schlachtschiff durch einen Nachrichtenzyklus steuern soll, der eigentlich für schnelle Flitzer gemacht ist.

„Wir wussten, als wir anfingen, dieses Skript zu schreiben, noch nicht, in welcher Wirklichkeit wir in dem Moment leben würden, in dem der Film schließlich ins Kino kommt“, sagt Jon. „Es gab weder Trump noch MeToo. Aber Larry wollte immer etwas mit einer femme fatale machen… einer komplizierten weiblichen Figur. Und wir wussten, dass das bei Star Wars nicht ganz einfach sein würde, dass man es da noch nicht getan hatte. Wir haben die Wirklichkeit der Lage jetzt nicht vorhergesehen.“
„Es gab“, sagt Larry, „noch nie eine Frau wie Qi’ra bei Star Wars. Wir wollten, soweit das in diesem Kontext möglich ist, eine charakterbetonte Geschichte erzählen. Es gibt da tolle Figuren, aber die Filme hängen nicht von ihnen ab. Dieser hier hängt wirklich davon ab, was mit den Leuten los ist. Die Beziehungen zwischen den Leuten verändern sich auf eine Weise, die sie nicht vorhersehen, und es gibt wirkliche Vertrauensbrüche und Enttäuschungen.“
„Alle anderen Star-Wars-Filme, auch ‚Rogue One‘ und ‚The Last Jedi‘, basieren auf dem absoluten Gegensatz zwischen Licht und Finsternis“, sagt Jon. „Wir wollten einen, in dem die Macht keine Rolle spielt. Der Film handelt von Charakteren im Zwischenreich. Sie haben von beidem etwas, Licht und Finsternis. Es geht nicht darum, dass eine Seite die andere besiegen muss. Dies hier sind Leute, die auf eine Weise kompliziert sind, die wir noch nie in einem Star-Wars-Film gesehen haben. Das war für uns beide attraktiv.“

Die Ironie dabei liegt darin, dass die Kasdans eine Geschichte in Grautönen für eine Welt geschrieben haben, die sich dann als eine Schwarzweißwirklichkeit entpuppte, etwas binäres, gut oder böse. Wenn man Hollywood dabei zusieht, wie diese Produktionslandschaft versucht hat, Blockbuster im klassischen Muster zu halten, im Sinn der griechischen Dramenklassik, und also immun gegen die Schlagzeilen von heute – zwischen Warner Brothers in den Dreißigern und Vierzigern einerseits und dem Schurken Nummer Eins Harvey Weinstein in den Neunzigern andererseits – bedeutet, einem Geschäft dabei zuzusehen, wie es in seinem Geschäftszyklus rotiert, um ihn zu sprengen.

Jon sagt: „Das Publikum zögert, sich einen Film anzusehen, der nicht von etwas handelt, was sie kennen.“
„Es ist ein Markending“, sagt Larry.
Jon ewidert: „Es ist ein heikles Problem. Man fragt sich: Könnte man heute einen Film wie ‚The Matrix‘ so beginnen lassen, wie das 1998 möglich war? Gäbe es einen Platz für so etwas?“
„Man riskiert das nicht mehr“, schnaubt Larry.

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Trailer„Solo: A Star Wars Story“

Die Konstanten sind Dinge wie die weißgekleideten Soldaten des Imperiums und der Millennium Falcon, den Han Solo seitwärts durch Schluchten lenkt – was toll war, als man es zum ersten Mal sah und es die Beziehung des Publikums zur Abbildung von Schwerkraftverhältnissen auf der Leinwand veränderte. Aber 41 Jahre später ist es eine tröstliche Erinnerung an etwas, worauf man sich verlassen kann: Wir wissen, dass Han uns durch diesen Engpass bringt, während ein Hornissenschwarm schlechterer Piloten hinter ihm her ist, obwohl er theoretisch diese Technik in diesem Film erst erfindet und damit vielleicht sich selbst und seinen neuen Freund Chewbacca verblüfft.

„Heute ist Neues schwer anzufangen“

Die Raumschiffe sind ein offensichtlicher Teil der Formel, durch die das Bindungsverlangen des amerikanischen Mannes Richtung Auto erfüllt werden kann, statt dass er sich an komplexe Frauen bindet.

„Es ist der Mustang M16. Es ist ein Ford Speeder“, sagt Jon.
„Das erste Auto, das ich selbst zusammengebaut habe, war ein Camaro“, erinnert sich Larry. „Ich wollte nur das. Nicht sehr verschieden von diesen Speedern.“
„So, wie wir’s geschrieben haben“, fügt Jon hinzu, „steht im Drehbuch: Han schließt den Speeder kurz. Nicht nur irgendeinen Speeder, sondern den 68er Mustang Speeder. So steht es da, es geht um Bullitt und Steve McQueen, um all das, was wir lieben. Wenn man in diesen Situationen steckt, fragt man sich, was können wir tun, was für Filme können wir machen, in Anbetracht der Studio- und der Publikumsparameter? Wir dachten, das hier ist die Möglichkeit, einen Westernkrimi zu drehen, aber mit vertrauten Elementen, die das dem Studio und dem Publikum schmackhaft machen.“
Lary erinnert sich an die Siebziger: „Die Zeit, als ich angefangen habe, war besser. Man konnte was Neues anfangen. Heute ist das schwer.“

Es ist auch schwierig, etwas zu Ende zu bringen. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich 1983 mit Larry nach einer Vorführung von „The Big Chill“ auf dem New York Film Festival hatte, als ich Redakteur bei „Film Comment“ war. Wir standen auf der Party am Lincoln Center herum, und ich fragte ihn, warum er Nick, die Figur, die William Hurt spielt, von seinem Leben unterwegs wieder wegholte. Als ehemaliger Radio-Gesprächstherapeut und Vietnamveteran trug dieser Nick die Wunden der Sechziger mit sich herum. Er packte alles in einen Porsche, weil er sich nicht die Sorte Leben aufbauen konnte, die seine ehemaligen Mitschüler gefunden hatten. Am Ende des Films hat er eine Beziehung zu Chloe, gespielt von Meg Tilly, die zehn Jahre jünger ist und eher physisch als verbal lebt. Und sein Freund, ein Laufschuh-Unternehmer namens Harold, den Kevin Kline spielt, überzeugt ihn, sein Leben zurechtzurücken. Es hätte der Wahrheit der Generation damals mehr entsprochen, wenigstens eine Figur unterwegs verloren gehen zu lassen, unstet, ein Gespenst, sagte ich damals zu Kasdan. Worauf er antwortete: „Ich musste ihn zurückholen.“ Ich erinnere mich genau, dass er das gesagt hat: „Es musste so sein.“

„Sie werden es nicht schaffen“

Diesmal, im Carlton in Cannes, nachdem eine Karriere und ein Leben sich ereignet haben, von denen man nach jedem akzeptierten Maß sagen kann, dass sie gut verliefen, reagiert Kasdan rasch auf die selbe Frage. Denkt er heute anders über dieses Ende? Denkt er heute nicht, er hätte Nick in seinem Porsche davonfahren lassen sollen, eine Art unbekannter Soldat der Sechziger?

„Nun ja“, sagt Kasdan, „am Ende des Films bricht er wieder auf.“
„Nein, tut er nicht“, protestiert Jon, „Er ist in einer Beziehung mit Meg Tilly.“
„Ich habe das nie so klar gesagt“, behauptet Larry. „ich dachte, na gut, da ist diese schöne junge Frau. Er bindet sich irgendwie. Aber sie werden es nicht schaffen.“
„Ich sehe das so wie Harlan“, schilt Jon seinen Vater.
„Ich sehe es so, wie es im Film gezeigt wird, und wie dein Vater es mir damals erklärt hat“; sage ich zu Jon. „Ich frage dich, Larry, siehst du es heute anders? Sieht so aus, als tätest du das. Anders als damals.“

„Der Nächste“, sagt das Interview-Management.

Aus dem Amerikanischen von Dietmar Dath.

Quelle: FAZ.NET
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