„Una mujer fantástica“

Identifikation einer Frau

Von Andreas Kilb
 - 16:45
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Der Moment der Wahrheit kommt in diesem Film, als Marina Vidal sich ausziehen muss. Die Kommissarin, die ihren Fall betreut, hat sie ins Präsidium bestellt, um zu prüfen, ob Marina an dem Abend, an dem ihr Liebhaber starb, körperliche Verletzungen erlitten hat. Der Polizeiarzt, ein sachlicher, etwas nervöser Mann, fragt seine Kollegin, wie er Marina anreden soll. „Behandle sie einfach wie eine Frau.“ Dann muss Marina ihren Oberkörper entblößen, ihre Achselhöhlen und zuletzt auch ihr Geschlecht. Sie sträubt sich. Sie fleht. Sie fragt die andere Frau, ob sie den Raum verlassen könne. Aber die Kommissarin bleibt.

Doch das ist nur der sichtbare Teil der Szene. Der unsichtbare und wichtigere ist die Frage, was uns der Film von seiner Hauptfigur, einer Transsexuellen, zeigen will. Nichts, antwortet Sebastián Lelio, der Regisseur. Jedenfalls nicht das, was ihr sehen wollt. Nicht das Eindeutige, das im Fall von Marina gerade nicht eindeutig sein kann. Was der Film „Una mujer fantástica“ stattdessen zeigt, ist ein Körper, der männliche und weibliche Züge in sich vereint. Eine Etappe des Weges, auf den sich Marina Vidal, in deren Ausweis ein Männername steht, unwiderruflich begeben hat. Alles andere findet in unseren Köpfen statt. Die phantastische Frau, die der Titel beschwört, muss jeder selbst aus den Bildern herauslesen.

Die Filme, die von der Liebe zwischen Männern und Männern und Frauen und Frauen oder Transsexuellen und ihren Partnern erzählen, sind in den letzten Jahren Teil des Mainstreams geworden. So soll es sein. Aber nicht ganz. Denn die Verhältnisse, die im wirklichen Leben herrschen, können im Kino nicht aufgehoben werden oder nur als Traum. Der Spiegel muss zeigen, was ist, oder er lügt. Das hat ästhetische Folgen. In „Una mujer fantástica“ führt es dazu, dass der Film viel vorsichtiger auftritt, als wir es gewohnt sind. In den Anfangsszenen sehen wir Orlando, einen älteren Mann, in der Sauna, dann in seinem Büro und zuletzt in einer Bar, wo Marina Vidal in einer Band singt. Die beiden gehen essen, Marina hat Geburtstag, dann stehen sie in ihrem gemeinsamen Apartment und umarmen sich. Da bricht die Regie ab. Die Bettszene, die sonst zur Folklore solcher Geschichten gehört, entfällt.

Ein Film im Konflikt mit seiner Geschichte

Stattdessen sehen wir, wie Orlando in der Nacht einen Schwächeanfall erleidet. Im Krankenhaus, in das ihn Marina bringt, stirbt er. Die Tür zum Operationssaal schließt sich, die erste von vielen Türen, die vor Marina zufallen werden. Und wieder verlässt der Film den Pfad des Gewohnten. Marina könnte um ihr Recht an dem Toten kämpfen. Stattdessen flüchtet sie. Eine Polizeistreife sammelt sie auf, und sie muss sich rechtfertigen. Gabo, der Bruder des Toten, erscheint und bürgt für sie, aber schon am nächsten Tag steht die Kommissarin im Restaurant, in dem Marina als Kellnerin arbeitet, und stellt ihr Verhalten unter Verdacht.

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„Una mujer fantástica“ ist, mit anderen Worten, ein Film, der wie alle anderen Filme erscheinen will und dabei immer wieder in Konflikt mit seiner Geschichte gerät. Wenn Marina Orlandos Auto an dessen Exfrau übergibt oder mit Orlandos Sohn über die Rückgabe der Wohnung und des Hundes verhandelt, ist das eben keine normale Schadensabwicklung unter Hinterbliebenen. Orlando hat seine Familie für Marina verlassen. Die Palette der Reaktionen, denen sie begegnet, reicht von Verachtung und Herablassung bis zu blankem Hass.

Sebastián Lelio hat diesen Gegensatz zwischen Form und Sujet gesucht, und sein Film schlägt daraus szenische Funken. Einmal wird Marina auf der Straße in Santiago von einem Sturm überrascht. Der Wind bläst ihr welke Blätter und Müll ins Gesicht, er ist so stark, dass sie sich hineinlehnen muss, um nicht zu stürzen. Ein andermal sieht sie den toten Orlando unter den Tänzern in einer Diskothek stehen. Aber so stark diese Bilder auch sind, sie reichen nicht an den realen Albtraum heran, den Marina erlebt. Orlandos Verwandte lauern ihr auf, zerren sie in ein Auto und umwickeln ihren Kopf mit Klebeband. Die Fratze, zu der das Band ihr Gesicht verzerrt, ist das bleibende Schockbild dieses Films.

Eine neue Geschichte in einer alten Sprache

Als Hauptdarstellerin für seine Geschichte hat Lelio die transsexuelle Chilenin Daniela Vega engagiert. Der Verdacht liegt nahe, der Film wolle durch Überblendung von Kunst und Leben die Rührung des Zuschauers erpressen, aber er verflüchtigt sich, sobald Vega vor der Kamera erscheint. Was ihr an filmischer Erfahrung fehlt, gleicht sie durch ein Stilgefühl aus, das sie auch in den abgründigen Momenten ihrer Figur nicht verlässt. Um den Prozess der Selbstfindung zu illustrieren, den seine Heldin durchläuft, legt Lelio Marina in die Badewanne und steckt einen Spiegel zwischen ihre Beine, in dem sie sich selbst betrachtet. Ihr Blick ist ohne jedes Selbstmitleid, forschend, fragend, beinahe kalt.

Auch Lelios Film ist in gewisser Weise unterwegs zu sich selbst, auf der Suche nach einem Ausdruck, der zugleich bekannt und ungewohnt ist. Er erzählt eine neue Geschichte in einer alten Sprache, er will ganz Mainstream sein und dann auch wieder nicht. Am besten funktioniert diese Strategie, wenn der Film ganz bei seiner Hauptfigur bleibt. Dann steht Marina Vidal im Krematorium vor der Leiche ihres Gefährten, und auf einmal ist die Liebe wieder das, was sie immer war: ein Traum, ein Bild, eine Wahrheit über den Tod hinaus.

Kinotrailer
„Eine Fantastische Frau - Una Mujer Fantástica“
© Piffl Medien GmbH , Piffl Medien GmbH
Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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