„Han Solo“ in Cannes

Allein gegen jede Relevanz

Von Harlan Jacobson, Cannes
 - 12:44
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Wenn man das Filmgedächtnis zurückspult bis zum ersten „Star Wars“-Ereignis 1977, begreift man: Das bedeutendste unter all den wunderbar innovativen Elementen des Films war sein Design – nicht das der vage an „Peter Pan“ erinnernden Kostüme von Luke Skywalker und der restlichen rebellischen Wüstenratten, sondern das der Soldatenrüstungen des Imperiums, diese weißen Kühlschrankplatten, die in Wellen über die Leinwand schwappten. Können wir so eine Armee haben? Nur von den Guten befehligt? Und am allerwichtigsten: Wie wäre es mit dem „Millennium Falcon“-Schiff, in dem Han Solo herumflog? Wir wollten Autos, die so waren wie die Raumschiffe in diesem Film. Wir wollten die Erde verlassen und Zeug kaputtschießen. Es kam alles auf uns zu, und „Star Wars“ hat es zuerst gezeigt.

Ich habe so etwas damals geschrieben, und dass man, wenn man den Film richtig verstehen wollte, einsehen musste, dass die Zeit der Anti-Helden einer neuen Ära der amerikanischen Macht weichen würde – Jimmy Carter war gegessen, Ronald Reagan hatte die Zeichen der Zeit erkannt, auch wenn das meiste davon Marketing war. Jetzt spulen wir 41 Jahre vorwärts zu „Solo: A Star Wars Story“, einem Film, der am Dienstagabend hier in Cannes Premiere hatte. Wenn Sie kein Unabomber sind, der irgendwo in einer Jurte in den Dolomiten lebt (wo manche der Landschaftsaufnahmen für „Solo“ gemacht wurden), dann wissen Sie, dass es neun Kapitel der Geschichte gibt, die um den Ursprung des Ganzen, Episode IV, hin und her pendeln. Im Verlauf der Saga sind Figuren gekommen und gegangen, und diejenigen, die geblieben sind, haben sich meist ausführlich erklärt. Die Serie wurde für die ein bis zwei Generationen, die damit 1977 begonnen haben, zunehmend uninteressanter, so dass nur die ergriffensten Fans aus jener Ära übrig sind. Jüngere ließen sich ansprechen von der veränderlichten und gebrochenen Familienstruktur der Serie, die ihren eigenen Erfahrungen entspricht, und reagieren auch auf die Vorwegnahme der digitalen Welt, die in den frühen Filmen steckt.

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Festival von Cannes„Solo: A Star Wars Story"

Ich bin nicht sicher, ob das Festival in Cannes, das nach dem bisschen Hollywood-Glanz sucht, den es noch finden kann, von „Solo“ zufriedengestellt wurde. Der Film hat hier kaum eine Welle gekräuselt und einem Ereignis kaum nennenswerte Stars beschert, das ohnehin auf starfreie Diät gesetzt ist, mal abgesehen von der Wettbewerbsjury unter der Leitung von Cate Blanchett, mit Kristen Stewart in einer Nebenrolle.

Ein Kritiker gab auf Facebook bekannt, er habe eine Pressemitteilung erhalten, die von einer Cannes-Party handelte, auf der „A-List-Berühmtheiten wie Paul Dano, Zoe Kazan, Luke Evans, Imogen Poots und James Norton“ anwesend sein würden. Das ist keine „A-List“, schrieb er, sondern nur „a list“, eine Liste halt. Die Kritik schaut auf Digitalprojektionen und sucht nach Relevanzkrümeln in „Solo“. Okay, wollen Sie wissen, wie Han Solo zu seinem Nachnamen kam? Es ist in diesem Film. Vergessen Sie Spoiler, wir sagen es Ihnen: Er wollte in die Armee, der Aufnahmesergeant fragt ihn, wer seine Leute sind und wie sein Nachname lautet, er sagt, er habe beides nicht, sondern sei nur unterwegs... naja, alleine. Bitte sehr!

Auf der Jagd nach der Energiequelle des Universums

Und wie steht’s mit der ersten Begegnung zwischen Han und seinem Freund Chewbacca? Ist auch dabei. Han wird in eine Grube geschmissen, wo Chewbacca Leute frisst. Sie hätten ihn Hannibal nennen können. Man weiß Bescheid darüber, dass die Welt einem jungen Amerikaner mit losem Mundwerk nicht widerstehen kann, und so reißt Alden Ehrenreich als Solo hier zuverlässig seine Witze vor dem grünen Trickbildschirm. Und er spricht die Sprache der Wookie-Monster. Wie viele junge Erwachsene in der Galaxis sprechen Wookie? Überhaupt keine.

Chewie – jetzt wissen wir auch, woher der Name kommt, „to chew“ heißt „kauen“ – sieht hier ziemlich jung und dünn aus, wie ein billiger Teppich. Wir werden nicht über die wunderbare Interpretation reden, die der Ex-Basketballspieler Joonas Suotamo der Chewie-Rolle angedeihen lässt, die er von Peter Mayhew geerbt hat – ehrlich gesagt, der Unterschied ist nicht zu erkennen. Am Rand der Action findet man den Komiker Donald Glover, der sich anderswo als heiße Nummer etabliert und hier die Rolle von Lando Calrissian übernommen hat, eine Figur, die nicht besonders zentral scheint, aber Hans Pokerrivale in Sachen Attraktivität ist und vermutlich in weiteren Episoden wichtig sein dürfte.

Eines Auftritts in Cannes unwürdig

Was man weiß, ist, dass Han und Chewie unzertrennlicher werden, als Han je mit irgendeiner Frau war. In „Solo“ begegnen wir seiner ersten Freundin, „Qi’ra“, in die er sich wegen einer gestohlenen Probe von etwas namens „Coaxium“ verliebt, Zeug, das offenbar als Energiequelle alles in der Galaxis antreibt. Es ist jedenfalls das, was der verschnarchte Bösewicht im Dienst des Imperiums begehrt, Dryden Vos, den Paul Bettany mit der Wucht eines Bankfilialleiters spielt, der ein schlechtes Jahrzehnt hat. Aus diesem Anlass wird Woody Harrelson ins Skript gequetscht, der als Coaxium-Pirat Tobias Beckett den zögerlichen und unzuverlässigen Mentor des jungen Han Solo geben darf. Als Qi’ra wirkt Emilia Clarke hübsch auf betont wohlgenährte Art.

Sie und der etwa neunzehnjährige Han verlieben sich, aber nachdem sie bei einer Grenzkontrolle auf dem schrecklichen Planeten Corellia zurückgelassen wird, den beide Heimat nennen und der den Ölraffinerien von Elizabeth, New Jersey, gleicht, springt der Film mit einem Zwischentitel weiter: „drei Jahre später“ – Qi’ra hat sich mit Vos eingelassen und jetzt eine etwas anspruchsvollere Sexualität. Man nimmt, vielleicht irrig, an, dass sie dazugelernt hat. Eine Andeutung von mädchenhafter Jungverliebtheit zeigt sich dennoch in ihrem Blick, als Han sie auf seiner postpubertären Robin-Hood-Sause aufliest. Vielleicht gibt es im Kosmos doch Raum für wahre Liebe, Kinder.

Haben wir erwähnt, dass der Film von Ron Howard gedreht wurde, der darin geübt scheint, eine Armee zu kommandieren, obwohl nichts von dem, was man hier sieht, so interessant ist wie sein Autorennfilm „Rush“ (2013)? John Powells Filmmusik ist durchgängig allgegenwärtig, inklusive ein paar Takte von John Williams in entscheidenden Gutfühl-Momenten des Abflugs mit Warp-Geschwindigkeit. Es gibt keinen Grund, sich bei „Solo“ irgendwelche Gedanken über das Thema oder den Subtext oder Erwachsenenkram wie die Vision des Regisseurs zu machen. Für derlei muss man sich die Kasdans anschauen, Jon und Larry, Vater und Sohn, die den Film geschrieben haben. Was immer ihnen vorgeschwebt haben mag – etwas von wegen „alte Männer, junge Männer“ vielleicht –, scheint es dabei weniger um den Zeitgeist zu gehen als darum, die Rechnung zu bezahlen. „Solo“ ist nicht die Heiliger-Gral-Paarung von Kunst und Kommerz. Es gibt hier nur leere Kalorien, und man landet auf einer Welt, in der es nicht um gegenwärtige Sehnsüchte geht oder darum, den unerfüllten Wunsch nach einer Restauration amerikanischer Legitimität im Universum zu erfüllen, oder auch nur ausführlich genug um die Flucht in einem Ford, der fliegen kann.

Das ist das Einzige, was in mehr als zwei Stunden in diesem Film passiert: fliegende Fords. Leute, im Moment bietet CNN bessere Schurken, Freaks, neue Helden und Heldinnen, schurkische Generäle, allgemeine Schurken, Bodentruppen und Glücksritter an, außerdem jeden Abend die Wiedergeburt von Jabba the Hutt (erinnern Sie sich noch an den?) – und zwar kostenlos.

Aus dem Amerikanischen von Dietmar Dath.

Quelle: F.A.Z.
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