„Auslöschung“ auf Netflix

Ein tiefes Loch in der Natur

Von Dietmar Dath
 - 15:49
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Filmkritik „Auslöschung“Mutter Natur frisst ihre Kinder

Der Wald ist ein grünes Kirchenschiff, gewachsene Gotik. Dichte Hecken in Menschengestalt führen, wenn man sie näher betrachten, vielleicht berühren will, vom Weg ab. Den Pfad kreuzt Wild, das der Wind aus atmender weißer Schokolade geformt hat. Ein albtraumhafter Allesfresser ruft mit leiser Frauenstimme um Hilfe, er verwirrt so seine Opfer. Am Strand stehen Bäume aus Glas, im Sand liegt Knochenkunst. Bunte Fadenfischlein fädeln sich durch Süßwasserströmungen. Ein Kinderspielplatz samt Klettergerüst ist halb von einer Wiese zugewuchert, das Bild sagt: Eure Kinder, eure Spezies, homo sapiens, haben hier längst schon nichts mehr zu bestellen, auch keine Zukunft, ihr seid bereits halb vergessen.

Fünf Frauen, teils wissenschaftlich, teils militärisch ausgebildet, durchqueren das Gebiet, in dem all dies zu sehen ist, als Kundschafterinnen. Nur eine überlebt den Weg durch die schrecklich schöne Welt, die unter einem Leuchtturm ein Loch hat, einen Nabel, an der Stelle, wo man diese „Area X“ und das, was sie verzaubert, den „Shimmer“, von einer höheren Wirklichkeit abgeschnitten hat, damit sie in unsere Raumzeit stürzen konnten.

Der „Shimmer“: ein Vorhang aus falschen Erwartungen

In Jeff Vandermeers Roman „Annihilation“ (2014) heißt es von der Grenze zwischen der alltäglichen Erde, die wir kennen, und jener Zone mit dem Loch, „dass man sie mit bloßem Auge nicht erkennen konnte“. Das klingt, als verwahre sich das Buch entschieden gegen eine Verfilmung. Der Regisseur Alex Garland hat sich darüber hinweggesetzt, wie die fünf Frauen sich über die Schwellenangst gegenüber dem Unerklärlichen hinwegsetzen. In den Vereinigten Staaten lief Garlands Film im Kino, hierzulande muss man Netflix bemühen, wenn man ihn kennenlernen möchte.

Die Grenze, die Garland darin sichtbar macht, sieht aus, als wäre sein Film am Übergang zwischen seiner expliziten und einer geheimen zweiten Handlung partiell geschmolzen, ein Vorhang aus falschen Erwartungen, die der Film dann furios zerstört. Bei Vandermeer haben die Frauen keine Namen, sondern sind auf ihre Funktionen reduziert („die Psychologin“, „die Biologin“), wandelnde Plot-Coupons sozusagen, und auch sonst ist das Buch vor allem glorios abstrakt. So kommt darin zum Beispiel etwas vor, das sowohl als Turm wie als Tunnel aufgefasst werden kann, eine Mehrdeutigkeit, die man mit der Sprache anstellen kann, für die es aber kein Bild gibt.

Garland macht mehr aus dem Buch, als man hoffen durfte – sein Schimmer wirkt wahr (wenn auch unwirklich), und seine Darstellerinnen, die hier Rollennamen haben, weil sie einander ansprechen oder anschreien müssen, arbeiten ihre Charakterunterschiede und Beziehungen, von der Notgemeinschaftsnähe bis zur unüberbrückbaren Fremdheit des Wahnsinns, fesselnd (und manchmal schockartig evident) heraus. Besonders Jennifer Jason Leigh als äußerlich diszipliniert und methodisch organisierte, innerlich fiebrig getriebene Expeditionsleiterin Dr. Ventress und Tessa Thompson (deren Spielbeweglichkeit man seit ihrer Darbietung als gewissenlose Businesshyäne in „Westworld“ zunehmend ehrfurchtsvoll bestaunen muss) als verkörperte Neugier blitzen mit kleinen mimischen Tricks, werden aber noch übertroffen von der Hauptdarstellerin, der die fast unlösbare Aufgabe obliegt, Vandermeers verlogene Ich-Erzählerin auf zwei Beine zu stellen.

Natalie Portman muss hier mehr ertragen als bei jedem anderen Job vor jeder anderen Kamera bisher und schafft es trotzdem noch, zwischendurch zu erklären, was wir Menschen samt unserem vom Hox-Gen bestimmten Körperbauplan und dem in jeder Zelle genetisch einprogrammierten Tod eigentlich genau für eine Sonderstellung im Universum innehaben. Biologie ist ein abgründiges Wissensgebiet; wer schon vor Leuten Angst hat, die anders reden, wird kaum mit der Aussicht auf Tentakeln im Gesicht zurechtkommen.

Garland riskiert nichts Geringeres als seinen Ruf

Wer solche Angst nicht kennt oder niederringen kann, mag nicht nur „Auslöschung“ lesen, sondern auch Vandermeers zwei Folgebände in der „Southern Reach“-Trilogie, die auf Deutsch „Autorität“ (im Sinne von: „das, was über uns verhängt ist“) und „Akzeptanz“ (im Sinne von: „Hinnahme des Umgekrempeltwerdens“) heißen. Wer das nicht aushält, der hat nicht Unrecht – schon Garlands Film, der nur den ersten Band umsetzt, geht in seinen letzten zwanzig Minuten weit ins Unbetretene, nicht zu Betretende; die aus Menschensicht höchste Blüte der Evolution, unser liebes Bewusstsein, wird reichlich rücksichtslos entblättert, mehr noch: „refracted“ (sagt Tessa Thompson als Josie), also gebrochen, dann zerschlagen und neu mit sich selbst verwoben.

Künstlerisch riskiert Garland da nichts Geringeres als seinen Ruf, denn die Vergleiche, die er szenenbildnerisch, filmerzählphilosophisch und als Spielleiter seines Ensembles (zu dem als Trumpf im Ärmel auch noch Oscar Isaac als Portmans Mann und Mutproben-Anlass gehört) mit „Annihilation“ von der ersten Einstellung an herausfordert, nehmen Maß an Stanley Kubricks Arthur-C.-Clarke-Verfilmung „2001 – A Space Odyssey“ (1968) sowie an gleich zwei Meisterwerken von Andreij Tarkowski, nämlich „Solaris“ (1972) nach Lem und „Stalker“ (178/79) nach den Brüdern Strugatzki.

Die Science-Fiction-Filmklassik der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, von Kubrick und Tarkowski bis Ridley Scott, hat am liebsten Weltraumgeschichten erzählt, auch dann, wenn die „Outer Space“-Erfahrung wie bei Kubrick eher ein riesiges Durchgangstor zu „Inner Space“-Psychedelik war als wörtlich gemeint.

Es ging in dieser Phase des Genres um Einsteinphantasien, um die Idee, dass alles, was wir Menschen sind, letztlich auf Physik zurückgeführt werden kann, auch Darwins Kosmos der Flora und Fauna. In einigen der besten Science-Fiction-Filme des jungen dritten nachchristlichen Jahrtausends dagegen, zum Beispiel „Upstream Color“ (2013) von Shane Carruth und „Arrival“ (2016) von Denis Villeneuve und jetzt eben auch in Garlands „Annihilation“, weicht die alte Einstein- einer neuen Darwin-Phantastik: Alles, auch wie wir Raum (bei Carruth) und Zeit (bei Villeneuve) wahrnehmen, unterliegt evolutionär-naturgeschichtlichen Bestimmungen, selbst die physikalischen Gesetze liegen wie konkurrierende Gene miteinander im Dauerkampf, das Universum enthält nichts als Mutation, Variation, Selektion.

Die Natalieportmanisierung des Nichtmenschlichen

In diesem Zeichen ist „Annihilation“ von Garland mit monströser Konsequenz durchbiologisiert: Das Soziale, das Psychologische und das Physikalische werden in den gefräßigen Rachen des Konzepts geschaufelt, bis hin zum Horror, und man muss den Regisseur, der in seiner Roboter-Gefangenendilemma-Fabel „Ex Machina“ (2015) schon mit einer neu organisierten Sinnlichkeit für sein Medium experimentierte, jetzt als Nachfolger von David Cronenberg und Reanimator von dessen in Filmen wie „Shivers“ (1975) oder „eXistenZ“ (1999) durchgespielten Idee vom „New Flesh“ begreifen.

Cronenbergs neues Fleisch allerdings war noch freudianisch-libidinös gedacht, bei Garland hingegen wird bis ins Pflanzensummen, ins vegetabilische und viridianische Blubbern und dann noch tiefer ins Archaische hinabgestiegen. Anstatt dass aber, wie man beim gebannten Zuschauen mehr und mehr befürchtet, die Figur, die Natalie Portman spielt, schließlich transformativ und brutal vernichtmenschlicht wird, erleben wir im Finale umgekehrt eine ungeheuerliche Natalieportmanisierung des Nichtmenschlichen.

Laut kündigt die Frau an, was für ein Tier sie hier werden muss

Die Evolution ist kein friedlich-gradueller Wandel der Formen, ihre Gleichgewichte sind brüchig und löchrig, sie kennt Abstürze und Gewaltmärsche und Sprünge. So funktioniert Garlands Film visuell (die Zellen im Lehrfilm sind schwarzweiß, dann der Sprung: Die unterm Mikroskop im Schimmer sind Farbwunder), so funktioniert er auch akustisch (von den Heimat- und Innerlichkeitssignale sendenden Akustikgitarren über die breite Kinosymphonik bis zur Techno-Merkwürdigkeit im Reich des Metanatürlichen).

Ganz zum Schluss zerfällt ein Spiegelmensch im Feuer, aber dieser grelle Höhepunkt ist nur das Echo eines stilleren, des größten Moments in Portmans Bravourperformance: gebeugt, schwer bepackt mit Kampf- und Überlebensausrüstung, droht sie zusammenzubrechen, da entringt sich ihrer Kehle und Seele ein Stöhnseufzen. In diesem Laut kündigt die Frau an, was für ein Tier sie hier werden muss: ein neues.

Dieses Tier wird zwei Gedanken nicht mehr denken müssen, die Menschenphilosophie immer nur als Spekulation denken konnte. Es wird diese Gedanken nicht mehr denken müssen, weil es sie unmittelbar erleben darf: Das Fleisch ist flüssig, aber die Seele unfassbar.

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Trailer„Annihilation“

Annihilation läuft bei Netflix.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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