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Gewinnerfilm der Berlinale

Wir träumen einander ins Leben

Von Bert Rebhandl
 - 12:50

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© Alamode Filmverleih, FAZ.NET

In einem Schlachthaus in Budapest hat es einen Skandal gegeben. Jemand hat „Bullenpulver“ entwendet, das Aufputschmittel, das für Menschen eigentlich viel zu stark ist, wurde als Partydroge missbraucht. Es muss eine wilde Feier gewesen sein, Genaueres will man gar nicht wissen, aber eines ist klar: Endre, der Finanzdirektor des Betriebs, und Maria, die Fleischkontrolleurin, haben sicher nicht mitgemacht. Sie sind Außenseiter, er schon aufgrund seines Ranges, denn über seinen Schreibtisch läuft alles, was irgendwie wichtig ist, sie wegen ihrer Pedanterie.

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Endre und Maria sind die beiden Liebenden, von denen Ildikó Enyedi in ihrem Film „Körper und Seele“ erzählt. Dass sie jemand lieben, dass sie einander lieben, das ist ihnen lange Zeit gar nicht bewusst, denn ihre Liebe geht einen seltsamen Weg. Einen Königsweg, wenn man ein berühmtes Wort von Sigmund Freud aus der „Traumdeutung“ hier verwenden wollte. Die Liebe beginnt im Schlaf, und sie muss dementsprechend erst aufwachen, sie muss zur Welt gebracht werden. Das ist die Geschichte des Films. Doch wie erfährt man von einem fremden Menschen die Träume? Dazu bedarf es einer neutralen Instanz, einer Psychologin, die in den Betrieb geholt wird, um die Polizei bei ihren Ermittlungen wegen des Rinderaphrodisiakums zu unterstützen. An der Dame bemerken die Männer zuerst einmal ihre Oberweite, auch Endre lässt sich zu einem „unverschämten Blick“ hinreißen. Dieser Blick ist aber auch so etwas wie ein Lebenszeichen. Ein Hagestolz bemerkt, dass sein Begehren noch nicht tot ist. Die Psychologin stellt fest, dass ihr zwei Mitarbeiter von dem gleichen Traum erzählt haben: Endre und Maria. Ein winterlicher Wald, ein Hirsch, eine Hirschkuh, eine Suche nach etwas Essbarem. Die Psychologin übertreibt es ein bisschen mit der „via regia“, bei der man ja auch Freud schon vorwarf, es käme immer nur Sex heraus, und fragt gleich unverblümt: „Haben Sie sich gepaart?“ Darauf geben Endre und Maria, der Hirsch und die Hirschkuh, die gleiche Antwort auf ganz unterschiedliche Weise. Es gab jedenfalls vorerst nur einen Nasenstupser.

In den Träumen sind wir alle so allein, wie wir es im Leben sind – diese melancholische Einsicht aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ wird von Ildikó Enyedi widerlegt. Für die ungarische Filmemacherin gibt es etwas Größeres als die unhintergehbare Subjektivität, etwas wie einen überpersönlichen Zusammenhang zwischen bestimmten Menschen. Aber wenn man sich genau ansieht, was „Körper und Seele“ erzählt, dann wird man feststellen, dass es hier keineswegs um einen Ausstieg aus der abendländischen Anthropologie geht, sondern ganz im Gegenteil: um eine Bewegung der Integration, um ein therapeutisches Verfahren, das dem aufdringlichen Fragen der Psychologin und deren vorgeblicher Wissenschaftlichkeit die Grenzen aufzeigt. Interessanterweise kommt die zwar bei den Ermittlungen mit ihren Methoden auch zu dem richtigen Ergebnis (das allerdings mit ein bisschen gesundem Menschenverstand so weit weg nicht liegt). Aber an das Geheimnis der „unio somniomystica“ rührt sie nicht.

Maria ist von den beiden Träumern diejenige, die vom „Aufwachen“ weiter entfernt ist als Endre. Sie hat eine außergewöhnliche Begabung: Maria vergisst nichts, noch Wochen später kann sie Endre den ersten, belanglosen Dialog, den sie mit ihm in der Firmenkantine hatte, Satz für Satz in Erinnerung rufen. Und nicht nur dabei wird klar, dass zwischen Menschen überhaupt nichts belanglos ist, auch – und schon gar – nicht die bemüht alltäglich klingenden Worte, mit denen man zu zeigen und zu verbergen versucht, dass man sich von jemand aus der Reserve locken lassen möchte. Maria hat vielleicht einen Hang zur Zwangsneurose, aber auch etwas Spielerisches. Abends geht sie ihre Gespräche mit Endre noch einmal durch – mit Playmobilfiguren.

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Zu der eigentümlichen Aura, die von „Körper und Seele“ ausgeht, tragen die beiden Hauptdarsteller fast im Alleingang das Wesentliche bei. Alexandra Borbély und Géza Morcsányi, beide eher von einem Theaterhintergrund kommend, könnte man auch lange einfach dabei zusehen, wie sie nichts tun – oder wie sie in die Sonne blicken. Eine der ersten Beobachtungen, die wir von Maria machen, betrifft ihre Scheu vor dem Licht. Sie steht im Fabrikhof und rückt kaum merklich ein paar Zentimeter zurück, um auch weiter im Schatten zu bleiben. Erst später wird deutlich, dass sie dort, wo sie mit sich allein ist, auch dem Licht zugewandt ist – in ihrer Wohnung. Maria und Endre sind beide auf eine gewisse Weise verkrüppelt (bei ihm ist es die linke Hand, bei ihr das Empfindungsvermögen), haben aber auch etwas von der majestätischen Anmutung der Tiere, die sie im Traum sind. Sie sind Solitäre in einer kalten Welt.

Mit Ildikó Enyedi, die im Februar für „Körper und Seele“ mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde, lernt das internationale Kinopublikum eine Filmkünstlerin kennen, die schon lange dabei ist, aber so große Abstände zwischen ihren Arbeiten hat, dass sie immer wieder fast in Vergessenheit geriet. Im Jahr der Wende 1989 machte sie mit „Mein 20. Jahrhundert“ nachdrücklich auf sich aufmerksam, schon damals fiel auf, dass sie es versteht, den symbolischen und imaginären Anteilen des Lebens gebührendes Recht zu verschaffen. In Paris drehte sie „Simon Magus“ (1999), in den sie auch die eine oder andere abstrus erscheinende Idee verwob. Von ihrer Arbeit aus den letzten fast zwanzig Jahren weiß man jenseits der ungarischen Landesgrenzen wenig. Umso verblüffender muss es erscheinen, wie souverän sie mit „Körper und Seele“ wieder das Feld des Weltkinos betritt. Den selbstbewusst grundsätzlichen Titel löst sie auch dadurch ein, dass das esoterische Geschehen zwischen Endre und Maria vor dem Hintergrund einer Lebenswelt stattfindet, an der man viele Facetten ausnehmen kann, nicht zuletzt einen immer noch latent an den Kommunismus erinnernden Schlendrian in dem tierverarbeitenden Betrieb, den der Film kaum einmal verlässt.

An einer Stelle streicht Maria, die sich anschickt, das Fühlen zu lernen, über das Haar eines Rinds – die Kollegen lachen albern. Die Tiere, die zur Schlachtung geführt werden, haben gar nichts Majestätisches, aber sie sind Geschwister der Hirsche, und die Liebenden sind damit auch wieder die Geschwister der Rinder. „Körper und Seele“ wird zu einem großen Film, wenn man ihn nicht exklusiv als Menschwerdungsgeschichte sieht, sondern die Spannung, die der Titel meint, zum Motiv einer Bewegung macht, die hier zwar nicht die Subjektivität, aber doch die Anthropozentrik überwindet. Ob Ildikó Enyedi, die von ihren beiden Träumern sichtlich fasziniert ist, das tatsächlich genau so gemeint hat, ist nicht sicher. Aber die Kunst weiß eben, wie der Traum, immer viel mehr als ihre Schöpfer.

Quelle: F.A.Z.
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