Video-Filmkritik

„American Sniper“: Das Böse muss man nehmen, wie es kommt

Von Peter Körte
 - 14:28
© Warner, F.A.Z.

Vor zweieinhalb Jahren, im August 2012, da musste man sich kurz mal Sorgen um ihn machen. Clint Eastwood hatte auf dem Parteitag der Republikaner mit einem Stuhl gesprochen, auf dem ein imaginärer Obama saß, und es war weder lustig noch smart, was er gesagt hatte, noch war es gut gespielt für einen Schauspieler seiner Klasse. Man war dann erleichtert, dass dieser Ausflug keine bleibenden Schäden in seinen Filmen hinterlassen hat und dass er jetzt wieder, nach dem Ausflug ins Musical-Drama mit „Jersey Boys“, in sein Kerngeschäft zurückgekehrt ist. Ein Kriegsdrama, das von Gott, Vaterland, Familie und Waffen erzählt, von Gewalt und ihrem Preis. Ein Film von Clint Eastwood eben. Mit dem er polarisiert wie schon lange nicht mehr, für den er sechs Oscar-Nominierungen und nur eine Trophäe bekommen hat und der zugleich ein großer kommerzieller Erfolg ist.

„American Sniper“ hat eine ähnliche Resonanz ausgelöst wie vor mehr als vierzig Jahren „Dirty Harry“. Nur dass Eastwood diesmal hinter der Kamera steht und dass er einen Bestseller verfilmt hat, zu dem der Hauptdarsteller Bradley Cooper die Rechte erwarb. Chris Kyle, der Autor von „American Sniper“, wird mit einem dieser verkaufsfördernden Superlative als „tödlichster Scharfschütze der amerikanischen Militärgeschichte“ bezeichnet. 160 Abschüsse schreibt man ihm offiziell zu. Der Frontverlauf der Diskussion, welche die filmische Chronik seiner Dienstzeit ausgelöst hat, scheint daher auch ganz simpel: Feiert Eastwoods Film distanzlos einen schießwütigen Killer in Uniform? Oder ist er die angemessene Ehrung eines Patrioten und Helden, der nur selbstlos seinem Land gedient hat?

Eastwood polarisiert

Wenn man zum Beispiel liest, was der britische Dokumentarfilmer Nick Broomfield gesagt hat: „Adolf wäre stolz gewesen, diesen Film gemacht zu haben“; oder der amerikanische Autor Chris Hedges: „Er hält an dem gefährlichen Glauben fest, dass wir unser Gleichgewicht und unsere verlorene Ehre wiedergewinnen können, indem wir einen amerikanischen Faschismus umarmen“ - wenn man das liest, ist die Sache eindeutig. Es wird schon etwas komplizierter, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass nicht bloß Sarah Palin den Film gelobt hat, sondern auch Michelle Obama. Und wenn dann noch Eastwood selbst kommt und erklärt: „Das größte Anti-Kriegs-Statement, das ein Film machen kann, ist zu zeigen, was der Krieg der Familie antut und den Menschen, die ins zivile Leben zurückkehren wie Chris Kyle“ - dann ist es wohl immer noch am besten, sich den Film einfach mal anzuschauen.

Oscar-Preisträger 2015
Die ausgezeichneten Filme in der Übersicht

Denn hinter dem öffentlichen Betriebsgeräusch und der Dauerprojektion politisch-ideologischer Meinungen, die garantiert frei sind von störenden ästhetischen Kriterien, kann ein Film leicht verschwinden. Es sei denn, er besitzt die Robustheit der beiden letzten Filme von Kathryn Bigelow, von „Zero Dark Thirty“, der die Jagd auf Bin Ladin nachzeichnet, und von „The Hurt Locker“, der von einem Bombenentschärfer im Irak erzählt - und sechs Oscars gewann; oder eben die Widerständigkeit von „American Sniper“, was nun nicht heißt, der Film sei makellos und völlig überzeugend.

Bradley Coopers Verwandlung

Er schweigt, ebenso wie „The Hurt Locker“, von amerikanischer Außenpolitik oder den Entscheidungen des Präsidenten, was natürlich auch als politisches Statement gelesen werden kann. Wobei allerdings die Frage ist, was denn damit gewonnen wäre, wenn man entweder den Kritikern oder den Apologeten des Irak-Krieges gegenüber Gesinnungsfestigkeit demonstrierte. Die Art und Weise, in der im Kino Bedeutungen erzeugt und Zuschauer erreicht werden, ist ja deshalb so großartig, weil im Flirren der Mehrdeutigkeit nahezu jede Lesart sich selbst unterlaufen kann. Und es ist auch jedem Kinogänger klar, dass man keinen Preis für Förderung der Völkerverständigung bekommen wird, wenn man die Iraker im Wesentlichen so zeigen will, wie die amerikanischen Soldaten sie wahrnehmen.

Aber man kann sich ja hypothetisch an Eastwoods eigenen Satz vom Anti-Kriegs-Statement halten. Der Sniper Chris Kyle durchlebt bei seinen Einsätzen nicht die Qualen, die einen William Munny in „Unforgiven“ heimsuchen, wenn er dem Handwerk des Tötens nachgeht. Kyle, dessen realer Physis und Physiognomie Bradley Cooper sich auf fast schon unheimliche Weise durch Bart und Gewichtszunahme anverwandelt hat, ist ja auch kein Cowboy, er ist ein gut ausgebildeter, gedrillter Elitesoldat, der in Sekundenbruchteilen entscheiden muss, aber er ist eben auch Teil eines Apparats, in dem nur das Funktionieren zählt. Er ist zugleich Teil einer geschlossenen Gemeinschaft, geprägt von einem Kollektivverhalten, das Normen und Bräuchen folgt, die im zivilen Leben nicht mal als grenzwertig durchgehen. Er wird dadurch zu einer Art Zaungast im normalen Leben, dem kein Alltag mehr gelingen will. Das sorgt für die Komplexität des Charakters. Und Eastwood ist als Filmemacher auch viel zu sehr Ethnograph oder Soziologe, um Urteile für wichtiger zu halten als die Genauigkeit der Beschreibung.

Nicht die übliche visuelle Aufrüstung

Deshalb gibt es in „American Sniper“ auch nicht die übliche visuelle Aufrüstung, die Zeitlupenorgien, die spektakulären Fahrten. Selbst der häufige Blick durchs Zielfernrohr protokolliert eher, als dass er den Kitzel eines Ego-Shooter-Spiels suchte. Eastwood ist in dieser Hinsicht ein Klassizist. Wie nur noch wenige in Hollywood beherrscht er die szenische Ökonomie eines John Ford, in einer Einstellung nicht mehr zu zeigen und sie exakt so lange dauern zu lassen, dass das Auge alles aufnehmen kann. Es gibt in „American Sniper“ eine einzige Stilisierung, wenn die tödliche Kugel, die mehr als eine Meile fliegt, zum computeranimierten Objekt wird. Die Sequenz fällt auf, weil sie unnötig, weil sie Kollateralschaden der dramaturgischen Entscheidung ist, für Kyle unbedingt einen gleichrangigen Gegenspieler konstruieren zu wollen, der für einen Showdown wie im Western taugen soll.

So wie Bradley Cooper Kyle spielt, cool in der Hitze des Einsatzes, gesellig und schlagfertig mit seinem Trupp und düster vor sich hin brütend auf Heimaturlaub, ist die Heldenrolle eher eine Bürde, und „The Legend“, wie man ihn schnell tauft, wirkt eher verlegen, wenn er zu Hause in Kalifornien, in einer Autowerkstatt, von einem Veteranen angesprochen wird, der ihm für seine Taten danken möchte. Aber dieser Kyle hat auch etwas Mitleidloses, eine unmenschliche Rigidität, die seine Frau wortlos wegschauen lässt. Nach der Beerdigung eines Kameraden, der in einem Brief Zweifel am Sinn der Mission geäußert hat, sagt Kyle, er sei nur deshalb gestorben, weil er losgelassen habe.

Nie zu viele Worte oder zu viele Bilder

So sieht kein Porträt aus, das um Sympathie wirbt. Eastwood, der nie zu viele Worte und auch nicht zu viele Bilder macht, hat Kyles Charakter auf seine lakonische Weise skizziert. Beim ersten Einsatz in Falludscha liegt Kyle auf einem Dach, er beobachtet eine Frau und einen Jungen, die aus einem Haus kommen, er sieht, wie die Mutter dem Sohn eine Granate gibt, er muss entscheiden, und wenn sein Finger den Abzug durchzieht, fällt im nächsten Bild ein Hirsch, den der kleine Chris erlegt hat. Man sieht seinen Vater, der Disziplinierung und Liebe für dasselbe hält, man hört, wie er am Esstisch seine private Taxonomie erläutert, welche die Menschen in Schafe, Wölfe und Hütehunde einteilt. Und später dann, bei einem Einsatz, flackert kurz Erleichterung über Kyles Gesicht, als ein Junge, den er im Fadenkreuz hatte, die Bazooka wieder fallen lässt.

Womöglich ist das gar nicht so weit entfernt von Eastwoods eigener Weltanschauung. Er setzt das Böse in der Welt voraus, mehr noch die permanente Existenz von Gewalt, er nimmt sie als factum brutum und betrachtet sie nicht im Lichte ihrer Abschaffung. Ihn interessiert, wozu sie die Menschen nutzen und wie sie die Menschen formt. Was der Philosoph Hegel „das leere Sollen“ nennt, der abstrakte moralische Appell gegen eine schlechte Welt, war noch nie Eastwoods Stil.

Allerdings gibt es, wenn man all das voraussetzt, auch in einem solchen Setting Gewichtsverlagerungen und Akzentverschiebungen, die „American Sniper“ ins Rutschen bringen. Nicht ohne Systematik verzichtet das Drehbuch von Jason Hall auf gewisse Elemente aus Kyles Buch. Nicht bloß auf den oft zitierten Satz: „Ich schieße nicht auf Leute mit Koran. Ich würde gern, aber ich tue es nicht.“Es sind eher Auslassungen, die seine Schwierigkeiten betreffen, wieder zu Hause in Amerika anzukommen. Kein Wort über Alkoholprobleme und seinen Hang zu Kneipenschlägereien, über irrwitzige Behauptungen wie die, er sei während des Hurrikans Katrina von der Firma Blackwater angeheuert worden, um Plünderer abzuschießen. Vor allem jedoch fällt auf, dass die Szenen, in denen Kyles Ehe zu scheitern droht, in denen seine Frau an seinem Schweigen und seinen Launen verzweifelt, desto kürzer ausfallen, je größer die Probleme werden - als interessierte sich Eastwood nur noch halbherzig für das, was er in seinem Statement behauptet hat.

Schwer angezählt nach vier Irak-Einsätzen

So wirkt auch Sienna Miller als Ehefrau Taya notgedrungen eher schattenhaft. Und es gibt nicht eine einzige Szene, aus der begreiflich würde, wie der schwer angezählte Kyle nach seinem vierten und letzten Irak-Einsatz dann doch noch seine Balance im Alltag wiederfindet. Dass er 2013 von einem Veteranen mit posttraumatischer Belastungsstörung, dem er durch einen Schießstandbesuch helfen will, erschossen wird, hat hingegen seine eigene Logik: als moderne Variante der lex talionis, des Auge um Auge, das im Film einmal zitiert wird. Für europäische Maßstäbe ist die Fetischisierung von Schusswaffen und Schusswaffenbesitz natürlich absurd - man darf dabei bloß nicht vergessen, dass der zweite Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten da andere Möglichkeiten lässt.

Eastwood hat darauf verzichtet, Kyles Beisetzung für den Film nachzustellen. Er nutzt Nachrichtenmaterial und Standbilder, um jenes Pathos ein wenig zu dämpfen, das weniger skrupulöse Regisseure gnadenlos und mit orchestralem Schwulst ausgeweidet hätten. Das gibt seinem Film noch einmal diese Ambivalenz, die viele, Befürworter wie Kritiker, nicht wahrhaben wollen. Aber es nimmt ihm nicht eine gewisse tendenziöse Schlagseite. Deshalb ist „American Sniper“ kein großer Film. Aber es ist der Film eines großen Regisseurs.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBarack ObamaClint EastwoodMichelle ObamaSarah Palin