Video-Filmkritik

Was erzählen sie uns nicht?

Von Peter Körte
 - 16:52
© NFP, F.A.Z.

Wenn die Bürger und ihre Abgeordneten gläsern werden, wenn in allen Winkeln unseres Alltags Kameras lauern und Bilder sich springflutartig im Internet verbreiten, wenn nichts sicher scheint vor den tausend Augen und Ohren der Überwacher, dann müsste das eigentlich eine gute Zeit für Polit-Thriller sein, die von Verschwörung und Paranoia handeln, von Macht und Ohnmacht, von Whistleblowern und anderen Aufklärern.

Analoge Geheimdienstarbeit ist längst passé

Es ist allerdings wohl unvermeidlich, dass man den politischen Thriller für das 21. Jahrhundert neu erfindet. Von Verschwörungen lässt sich nicht mehr erzählen wie vor rund vierzig Jahren, als Alan J. Pakula „Zeuge einer Verschwörung“ und „Die Unbestechlichen“ drehte oder Henri Verneuil „I wie Ikarus“. Die Konturen von Gut und Böse sind verschwommener, der Kalte Krieg ist längst vorbei und analoge Geheimdienstarbeit ein Anachronismus.

Christoph Hochhäusler, 42, hat sich zumindest vorgenommen, etwas Neues zu probieren. Aus „Sehnsucht“ sagt er, Sehnsucht nach einem Genre, das die Auseinandersetzung mit Wirklichkeit sucht. Er hat dem Film, dessen Drehbuch er, wie schon bei „Unter dir die Stadt“, gemeinsam mit dem Schriftsteller Ulrich Peltzer geschrieben hat, einen Titel gegeben, der aber eher an die rebellischen Impulse der siebziger Jahre erinnert: „Die Lügen der Sieger“, nach einem Vers des Beat-Dichters Lawrence Ferlinghetti, in dem es heißt: „Geschichte wird gemacht aus den Lügen der Sieger.“ Klingt fast wie der Satz aus Don DeLillos „Sieben Sekunden“: „Geschichte ist die Summe aller Dinge, die sie uns nicht erzählen.“

Der Odd-Couple-Zwangsmechanismus

Dazu würde nun auch kein Hacker-Held wie in Michael Manns Film „Blackhat“ passen. Bei Hochhäusler ist das, was vom Helden übrigblieb, wie damals in den „Unbestechlichen“, ein Journalisten-Duo. Es arbeitet im Hauptstadtbüro eines Nachrichtenmagazins, das „Die Woche“ heißt. Florian David Fitz spielt Fabian, den männlichen Part, und der Film führt ihn recht hochtourig ein. Ein Macho, der einen Porsche hat und Diabetes, einen Kleinnager mit Laufrad und Spielschulden, der als Einzelgänger natürlich schlechte Laune bekommt, als ihn sein Chef mit der Praktikantin Nadja (Lilith Stangenberg) zusammenspannt. Auch dieser Chef ist stark vom Abgleiten in die Karikatur bedroht. Und das ungleiche Paar wird einer Affäre nicht entgehen. Das ist der Odd-Couple-Zwangsmechanismus, der auch dann greift, wenn zwischen den beiden Schauspielern keine Funken sprühen, so dass sie einem insgesamt ziemlich gleichgültig bleiben.

Aber Hochhäusler schafft es, mit visuellen Mitteln von Beginn an eine Atmosphäre der Ungewissheit und latenten Bedrohung zu erzeugen. Früh sieht man, in Schwarzweiß und mit Tonstörung, wie Fabian beobachtet wird, als er einen Informanten trifft, der ihm von hässlichen Praktiken der Bundeswehr berichten soll. Reinhold Vorschneiders Kamera richtet sich immer wieder auf spiegelnde Flächen, auf Fenster, die keinen Durchblick ermöglichen, Autoscheiben, in denen sich nur die Häuser und Bäume am Straßenrand spiegeln. Oft wirken Einstellungen wie mehrfach kadriert, durch Tür- und Fensterrahmen; Gitter, Jalousien, Zäune oder Geländer verstellen die Sicht.

Der Mechanismus des Thrillers

Dass die Beobachter beobachtet werden, dass die investigative Suche Teil eines größeren Plans sein könnte, das deutet der Film früh an, wenn er, scheinbar zusammenhangslos, zeigt, wie ein Lobbyist von einem Beraterteam gecoacht wird für ein Treffen mit dem Wirtschaftsminister - und sich das Gespräch mit dem Minister dann exakt so abspielt wie einstudiert. Auch die obskuren Berater werden ihren Ort finden im Mechanismus des Thrillers.

Es sind solche Momente und Pointierungen, es ist das Gespür für gute Schauplätze, die man sogar in Berlin noch finden kann, es ist die ganze Bildsprache des Films, die immer wieder über die Schwächen des Plots hinweghilft. Er wolle keinen Realismus, hat Hochhäusler gesagt - was völlig legitim ist, aber gewisse Ansprüche an die Plausibilität nicht gegenstandslos macht. Und da passt manches nicht, da konstruiert das Drehbuch krude Zufälle, obwohl gerade dort, wo sich Verschwörungen bilden, nichts verdächtiger ist als der Zufall. Das läuft dann etwa so: Fabian drückt Nadja eine gerade herumliegende „Bild“-Zeitung in die Hand und sagt, um sie loszuwerden, sie solle mal recherchieren, warum sich ein Mann in Gelsenkirchen ins Löwengehege gestürzt habe. Prompt ergibt sich daraus die Spur zu einem Giftmüllskandal und von diesem ein Link zu der Bundeswehrgeschichte, die schon versandet war.

Die Definition von Wahrheit

Klar, man könnte jetzt mit Pakulas „Zeuge einer Verschwörung“ kommen, der im Original „The Parallax View“ heißt. Denn um eine Parallaxe geht es auch hier, darum, dass sich die Position eines Objekts scheinbar ändert, wenn der Betrachter seine Position verschiebt. Aber es ist eben nicht bloß eine verschobene Wahrnehmung; es geht darum, wie plump die Verschiebung eingefädelt wird und am Ende auch, durch welchen dramaturgischen Einfall Fabian erkennen muss, dass er düpiert worden ist. Man kann übrigens auch bezweifeln, dass ein Magazin, für das „Der Spiegel“ Modell gestanden hat, die Geschichte, welche die beiden recherchiert haben, überhaupt als Titelstory gebracht hätte.

Und als habe der Film ein eigenes Unbewusstes, stößt man auf eine Szene, in der über diese Titelstory gesprochen wird, die aber zugleich über den Film selbst spricht. Da sitzen der Archivar, der Jurist, der Bürochef und das Journalistenduo und prüfen, ob die Geschichte wasserdicht ist; da fragt der Chef mit Recht, worauf denn das Ganze überhaupt hinauslaufe, warum bei der Aufdeckung eines Bundeswehrskandals so viel von einer zivilen Giftmülldeponie die Rede sei. Die beiden versprechen, noch mal daran zu arbeiten - für den Film ist es da schon zu spät.

Ihm bleibt ein eher mattes Finale ohne Illusionen, ohne die übliche Arbeitsteilung zwischen den Guten und den Bösen. Ein skeptischer Blick auf die Macht der Lobbyisten und der Spin-Doktoren, auf die Medien und ihr Verhältnis zu dem, was man so Wahrheit nennt. Dagegen ist nicht das Geringste einzuwenden. Es wäre nur, da Hochhäusler von einer „Sehnsucht“ spricht, ganz gut gewesen, wenn der Film neben seiner analytischen Substanz und visuellen Intelligenz auch ein emotionales Zentrum hätte.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFlorian David FitzMichael MannDeutschlandBildzeitungPorsche