Video-Filmkritik: „Elle“

Eine für sich statt für alle

Von Bert Rebhandl
 - 10:37
© dpa, F.A.Z.

Wir sehen in die Augen einer Katze, als der unbekannte Mann über Michèle herfällt. Eine Vase zerbricht, unterdrücktes Stöhnen vermischt sich mit dem verzweifelten Versuch einer Gegenwehr. Der Film hat noch kaum begonnen, und man ringt schon um Fassung. Michèle aber, „Elle“, ruft gleich danach bei einem Restaurant an und bestellt eine „Holiday Roll“. Reagiert man so auf eine Vergewaltigung? Vielleicht dann, wenn man sieben Leben hat, wie man von Katzen sagt, wie es aber auch für diese Frau namens Michèle Leblanc zu gelten scheint, die in Paul Verhoevens neuem Film ihr Geschlecht vertritt: „Elle“. Sie. „Eine Frau ist eine Frau“ hieß ein Film von Godard, in dem das Beziehungsleben junger Leute von (damals) heute zum ersten Mal als experimentell erkennbar wurde. Der Singular im Titel von „Elle“ ist vor diesem Hintergrund zugleich konsequent und irreführend. Denn die Konsequenz dessen, was wir hier von Michèle zu sehen bekommen, ist offensichtlich: Eine Frau ist viele Frauen, gerade deswegen kann eine für alle stehen. Das ergibt allerdings nur deshalb einen Sinn, weil es sich bei Michèle um eine in jeder Hinsicht herausragende Persönlichkeit handelt: herausragend in ihrer Nonchalance, in ihrem methodischen Umgang mit ihrem eigenen Leben, herausragend in ihrer Intellektualität, mit der sie ihre Schutzbedürftigkeit und ihr Begehren in Balance zu bringen versucht.

Isabelle Huppert war schon vorher die vielleicht größte europäische Schauspielerin. Mit „Elle“ aber hat sie eine Rolle gefunden, die ihrer Persona noch einmal neue Facetten verleiht und sie zugleich abrundet, wie eine Summe aus all den Erfahrungen, die sie mit ihren Rollen seit „Loulou“ oder „Der Saustall“, seit den siebziger Jahren schon, gemacht hat. Michèle Leblanc ist eine Figur, die nahezu alles enthält, was in ein heutiges Leben passen kann. Sie bewohnt allein ein großes Haus, nachdem ihr Mann ausgezogen ist, der jetzt mit einer Yogalehrerin zusammen ist. Mit ihrem Beruf wäre sie mehr als ausgefüllt, gemeinsam mit ihrer Partnerin Anna führt sie eine IT-Firma, die Computerspiele entwirft. Dazu kommen noch die Familie (eine bittere Mutter, ein schwächlicher Sohn und der alles überschattende Vater, der nach einer spektakulären Mordtat vor vielen Jahren im Gefängnis sitzt) und die Freunde und Nachbarn: Robert, der Gefährte von Anna, mit dem Michèle ein Verhältnis hat, bis sie seine Dummheit unerträglich findet; der attraktive Patrick, der mit einer Katholikin zusammen ist, die vor dem Essen ein Tischgebet spricht, und der von seinem Beruf spricht, als müsste er ihn beichten (er arbeitet bei einer Bank).

Neues Terrain für Verhoeven

Wenn alle diese Menschen zu Weihnachten an einem großen Tisch sitzen, natürlich bei Michèle, dann wird nicht „Stille Nacht“ gesungen, sondern es läuft „Lust for Life“ von Iggy Pop. Mit der Lust, und darum geht es schließlich auch, hat es aber eine komplizierte Bewandtnis: Sie will immer mehr, sie will das Leben selbst. Der Song hat durchaus programmatischen Charakter, aber er wird in „Elle“ durch das implizite Wissen der französischen Zivilisiertheit hindurch neu begriffen.

Der Film ist das Resultat einer Ironie der Geschichte. Isabelle Huppert hatte den Roman von Philippe Djian gelesen, auf dem er beruht: „Oh...“ ist das rasant erzählte Porträt einer Frau, der all die Dinge widerfahren, die nun auch im Film geschehen. Paul Verhoeven sollte Regie führen, allerdings in Amerika, wo der niederländische Regisseur seit vielen Jahren lebt und arbeitet. Das Projekt kam so nicht zustande, es wurde erst möglich, als es schließlich nach Frankreich zurückkehrte. So ergab es sich, dass Verhoeven, auf den frivole Klassiker wie „Basic Instinct“ oder „Starship Troopers“ zurückgehen, zum ersten Mal mit der fremden und seltsamen Welt der französischen Bourgeoisie zu tun bekam.

„Elle“ ist ein Gesellschaftsdrama, das sich so lange auf verschiedenen Ebenen verdoppelt und vervielfacht, bis man es nicht mehr anders ernstnehmen kann, als mit radikaler Ambivalenz. Im Mittelpunkt steht eine Frau in den besten Jahren, die zwischendurch aber auch unverhohlen als eine „welke Blume“ bezeichnet wird. Michèle bekommt es aber auch noch mit weiteren Beschreibungen ihrer Physiognomie zu tun, die hier aus Gründen der guten Sitten nicht zitiert werden können. Sie wird außerdem Opfer eines Cyberstalkers, der sie mit digitalen Phantasien vielleicht stärker bedrängt als der Vergewaltiger, gegen den man sich immerhin mit Pfefferspray notdürftig wappnen kann und der mit seiner körperlichen Präsenz zumindest einen wenn auch ungleichen Kampf erlaubt. Bilder aber kann man nicht „unsehen“. Verhoeven war immer ein Filmemacher, der die Subversion an der Oberfläche versteckt hat. Nicht immer hat das gut funktioniert (über „Showgirls“ wird immer noch gestritten, und „Basic Instinct“ ist sicher eher auf eine exploitative Weise feministisch), aber in „Elle“ findet er das richtige Maß zwischen dem Voyeurismus des Publikums und der Autonomie seiner zentralen Figur. Wir sehen viel, wir können uns mehr denken, aber wir bleiben außen vor, während Michèle von Penetrationsphantasien förmlich umstellt ist.

An die Grenzen einer komplexen Subjektivität

Mit der Männlichkeit ist es nicht immer so weit her, wie es auf den ersten Blick der Fall ist. Verhoeven macht das auf seine Weise deutlich, wenn er Michèle einen Vogel, den die Katze gewildert hat, umsorgen lässt. „Ich kann einen Spatz nicht intubieren“, beteuert der Veterinär, und man meint, einen Befund über die Virilität in Michèles Umfeld zu hören. In Momenten wie diesem grenzt „Elle“ hart an eine ausdrückliche Satire, wie auch in der zentralen, frühen Szene eines Abendessens unter zwei Paaren, bei dem der Champagner noch einmal fünf Minuten warten muss, denn gerade hat Michèle von ihrer Vergewaltigung erzählt. Der Mann, der für das daraufhin erforderliche Gespräch fünf Minuten anberaumt, bevor dann doch der Korken knallen darf, wird vom dem Deutschen Christian Berkel gespielt – eine von vielen klugen Besetzungen in „Elle“, auch wenn Berkel das zweifelhafte Privileg bekam, den größten Idioten in diesem wunderbaren Ensemblefilm zu spielen.

Die Pointe ist natürlich, dass Michèle nicht einmal fünf Minuten auf die Diskussion ihrer Befindlichkeit verwenden will, sondern gleich zur Tagesordung übergehen. Sie möchte nicht zur Polizei gehen, keine „Schlammschlacht“ haben, wie es schon einmal eine in ihrem Leben gab, als ihr Vater die Nation schockierte. Aber hinter diesem spezifischen Motiv wird Grundsätzlicheres erkennbar: ein Selbstverhältnis, das durch Distanz geprägt ist und doch die Rätsel des Genießens nicht verleugnet. Michèle führt uns an die Grenzen einer komplexen Subjektivität, und das geht wohl nur mit einer Vertreterin des „schwachen“ Geschlechts, mit einer verwundbaren Frau, die noch in der extremsten Entäußerung nicht gewillt scheint, sich überwältigen zu lassen. Nicht von den Geschehnissen und schon gar nicht von sich selbst.

Quelle: F.A.Z.
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