Video-Filmkritik: „Your Name“

Es war nicht nur ein Traum

Von Dietmar Dath
 - 06:22
© Universum Film, FAZ.NET

Die feine Linie des mädchenhaften Profils geht ins Fenstermorgenleuchten über, wenn sich Mitsuha im Erwachen auf den Rücken dreht. Lieber würde sie weiterschlafen, weiterträumen.

Die Schülerin lebt in einem Kaff, in dem nur alle zwei Stunden ein Zug vorbeikommt und der einzige Supermarkt abends um neun schließt. Es gibt hier keine Buchhandlung, keinen Zahnarzt, vor allem aber: keine Aussichten auf ein Leben mit irgendwelchen Überraschungen.

Alte Dialekte und alte Rituale haben an diesem Ort die ganze bisherige Neuzeit überdauert, man muss allerdings weit gehen bis zu den heiligen Stätten, wo man den besonderen Reiswein den alten Gottheiten als Opfergabe darbringt, denn die nähergelegenen Kulteinrichtungen sind in einem Feuer verbrannt, von dem Lebende nur aus vagen Geschichten längst Verstorbener wissen, die das alles aber auch schon nicht mehr selbst gesehen hatten. Mitsuha will in dieser zeitlosen Provinz nicht stecken bleiben. Wenn es sich irgend machen ließe, wäre sie gern nicht nur diese Umgebung, sondern auch gleich noch sich selbst los – eine Wiedergeburt ist ihr Herzenswunsch, vielleicht als Junge in Tokio.

Just so ein Junge ist Taki, Teenager wie Mitsuha. Wenn er sich in die Mitte seiner Millionenstadt stellt, sieht er da zwar nicht die bunten Herbstblätter, den tiefblauen glitzernden See und die grünen Wälder, die Mitsuhas Welt begrenzen, aber dafür mehr Sorten von Reflexen auf Glas und Metall, als es auf allen Farbpaletten Töne gibt – einen Millionenspiegel von Menschenschicksalen, einen ins virtuell Unendliche erweiterten Raum, wo jede Seele werden kann, wovon sie träumt.

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Mitsuha und Taki lernen sich lange vor ihrer ersten Begegnung kennen, lange vor dem ersten Gespräch. Sie sind eine ganze Weile, einen halben Film lang, ein ungeheuer abstraktes Liebespaar – nicht einmal ein kleines Zwiegespräch oder einen Blickwechsel gönnt ihnen, bevor alles zu allem kommt, das Kunstwerk „Kimi no Na wa“, das in der deutschen Fassung: „Your Name – Gestern, heute und für immer“ heißt. Um dieses abstrakte, nach allen bekannten Regeln der gattungskonformen Kinosentimentalität viel zu unanschauliche Liebespaar aber haben mehr Menschen im Kino gebangt als je um irgendwelche anderen Trickfilmfiguren: Der Film ist mit seinem bisherigen Welt-Einspielergebnis von rund dreihundertfünfzig Millionen Dollar die kommerziell erfolgreichste Anime-Produktion – und das gilt selbst auf dem für Japanisches nicht allzu offenen chinesischen Markt – und überdies ein gänzlich verdienter Erfolg bei der Kritik.

Es geht in „Kimi no Na wa“ vordergründig um Körpertausch (oder andersherum, gleichsam drehsymmetrisch: um Seelentausch), in Wahrheit aber um einen sehr anspruchsvollen Begriff von Identität. Was und wer jemand ist, wird hier als ein unauflösliches Geflecht von Sehnsüchten, Meinungen, Gedanken, Taten und schließlich sowohl Anregungen als auch Reaktionen anderer Menschen gezeichnet. Das Kulissenmedium, in dem dies geschieht, verbildlicht wie die traditionellen Knüpfarbeiten, bei denen Mitsuhas Großmutter ihr die religiöse Kosmologie der Ahnen erklärt, die Idee einer fortwährenden Selbstdurchdringung der Raumzeit und zugleich die Tatsache, dass Gedächtnis Vorschau und Rückschau gleichermaßen ermöglicht.

Ist „Your Name“ magischer Realismus, Fantasy, ist das Slipstream oder Science-Fiction? Ein Schulfreund von Mitsuha schlägt nach den ersten Absonderlichkeiten, die ihm an seiner Bekannten auffallen, einen ganzen Strauß möglicher, aber nicht ästhetischer, sondern metaphysischer Interpretationsansätze fürs Erzählte vor, von der buddhistischen Reinkarnationslehre bis zur Vielweltentheorie der Everett-Version moderner Quantenmechanik. Man kann in dieser kleinen Fußnote eine Art Selbstzitat des Regisseurs erkennen, der sich in seinem bisherigen Werk von der hochzerebralen Science-Fiction-Grenzüberschreitungsparabel „The Place Promised in Our Early Days“ (2004) bis zum urbanen Gefühlsrealismus von „The Garden of Words“ (2013) alle Genregister angeeignet hat, die er für die Eroberung des jetzt erreichten werkbiographischen Hochplateaus brauchte. Mitsuha jedenfalls beißt bei den wilden Spekulationen des Schulfreunds nicht an, denn sie folgt ihrem Abenteuer nicht so, wie man einem Argument folgt, sondern so, wie man Musik macht und hört.

Worum es ihr dabei geht, sagt eine Textstelle in einem Lied auf der Tonspur dieses auch musikalisch makellos durchinstrumentierten Filmgedichts, der Ballade „Sparkle“ von der japanischen Pop-Band Radwimps: Wir wollen uns an dem Ort treffen, der am weitesten von jedem Abschied entfernt ist. Die meisten Verbindungen zwischen diesem Ort und dem Diesseits sind empfundene und gedachte, nicht materielle. Für sie gilt der geheime Fahrplan, den Mitsuhas Großmutter meint, wenn sie sagt, die Zeit und das, was Menschen verbinde, seien ein und dasselbe, ein Geheimnis.

Während der ersten zwanzig Minuten von „Kimi no Na wa“ erzählt Shinkai, der wie Hayao Miyazaki und Mamoru Oshii zu den gattungsprägenden Größen der Animekunst zählt, zunächst davon, wie Mitsuha und Taki herausfinden, was überhaupt mit ihnen los ist. Dann experimentieren die beiden ein Weilchen mit ihrem Tausch, unschuldig und heiter – Takis neue feminine Erfahrungen machen ihn unerwartet interessant für eine ältere Kollegin in dem Restaurant, in dem er sein Taschengeld aufbessert; Mitsuha hinterlässt ihm für die nächste der periodischen Phasen der Rückkehr ins Ich unter anderem die Botschaft, er arbeite zu viel, was wiederum er mit dem Hinweis pariert, er müsse jetzt eben mehr Geld verdienen, weil sie, wenn sie gerade wieder er sei, so viel davon für Sachen ausgebe, die er sich selbst nicht kaufen würde.

Das alles sind Standardvariationen der aus Filmen wie „Switch – Die Frau im Manne“ (1991) von Blake Edwards bekannten Kippschalter-Idee, aber dann klemmt der Schalter plötzlich, und „Kimi no Na wa“ wird ein ganz anderer Film, der nichts mehr mit Komödienklischees zu tun hat und mehr mit Lars von Triers „Melancholia“ (2011) oder Mamoru Hosodas „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ (2006) – das heißt, mit einer filmisch realisierten philosophischen Daseinsauslegung auf einem Niveau, dem die Tricktechnik hier allseitig gerecht wird. Ein Smartphonedisplay in eine Animation einzubetten ist wohl nicht einfacher, als es für den Futurismus war, das moderne Industrietempo zu malen, aber die Zusammenführung medialer und metaphysischer Sicht- und Sinnebenen gelingt in „Kimi no Na wa“ so gut, dass man die alte und beliebte Hollywood-

Effektphrase „state of the art“ ausnahmsweise mit Adornos Wendung vom „objektiven Stand des Ästhetischen“ übersetzen darf. Wie Kreide auf eine Tafel oder ein Bleistift auf Papier schreibt, wie ein Spiegel beschlägt, wie Schatten unterm Knie beim Gehen das Schienbein verdunkeln, wie Tränen fließen, wie die Sonne untergeht, wie die Zwielichtzeit heraufzieht, die im lokalen Dialekt des Hauptschauplatzes der Handlung „kataware doki“ heißt: Man hat derlei so durchscheinend und doch fest, so dicht und atmend noch nie gesehen; man spürt, wie kalt der Wind nachts ist, man steht selbst mitten auf der zerstörten Straße und glaubt, den in der Katastrophe zerbrochenen Zug anfassen zu können.

So unwirklich wahr der Film aussieht, so vielstimmig klingt er: Lieder begleiten das Handeln, wortlose Musik, Klaviertöne, Orchesterklänge fließen durch die Momente des Innehaltens, der Innerlichkeit, Besinnung und Verlassenheit.

Manchmal sprechen Menschen, die man nicht sieht: Mitsuha etwa sagt zu Taki aus dem Off zärtlich „Taki-kun“, es ist aber kein bloßes Kosewort, sondern Vorspiel zu dem Moment, an dem die beiden einander endlich die Frage stellen können, von der dieser Film seinen Titel hat: Wie heißt du?

Diese Frage funktioniert in „Your Name“ als Kompass. Denn der unerreichbare Rand der Welt ist in diesem Film paradoxerweise ihre Mitte, zu der man gewohnheitsmäßig „ich“ sagt – alles andere führt in jede Richtung als endlose Weite voller Gelegenheiten, sich für jemanden zu öffnen, etwas anderes zu empfangen als das Erwartete, ein unbekanntes Gegenüber. So hat wohl auch dieser Film, wie seine Hauptfiguren, einen geheimen Namen, einen alten und vielleicht ewigen: Duett.

„Your Name“ läuft am 11. und 14. Januar in deutschen Kinos.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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