Video-Filmkritik: „Suburbicon“

Die Nebenebenenverwechslung

Von Dietmar Dath
 - 13:30

Seine wichtigsten Szenen lässt dieser Film selbst kaum zu, als wolle er ihnen die Bühne verweigern. Bis zum stillen, leichten, schönen Ende der von Anfang an tödlich verwundeten Krimikomödie gibt es nur Seitenblicke auf die neuen, schwarzen Nachbarn in der von weißen Mittelstandsfamilien bewohnten nordamerikanischen Mustersiedlung des Jahres 1959, nach der das Drama heißt: „Suburbicon“.

Erst, als es zu spät ist, gibt sich das Nebenthema als Hauptsache zu erkennen und das schwarze Nachbarskind als einzige Instanz, die sich zu allem, was bis dahin geschah, frei verhalten kann, unbefangen, ohne Komplizenschaft.

Die Filmkritik in den Vereinigten Staaten hat der jüngsten Regieleistung von George Clooney vielfach verübelt, dass deren Kernstory von der erst zähen, dann zunehmend katastrophenförmigen Aufklärung eines Einbruchs mit Todesfolge schief montiert sei, frankensteinhaft zusammengeflickt aus einerseits sozialkritisch Wesentlichem und andererseits hysterisch Herbeigeflunkertem, voll unglaubwürdiger Zufallswendungen und greller Effekte auch, als kaue sich diese Erzählung blutsaugend auf der eigenen Zunge herum, nur um schließlich mit etwas herauszuplatzen, das man genauso gut, nein: besser viel ruhiger hätte erzählen können. Von den Trump-Fans bei Breitbart bis zur weltoffenen „Los Angeles Times“ heißt es also, „Suburbicon“ sei misslungen. Vor allem das Nebenhandlungskonstrukt der schwarzen Nachbarn sei ein paternalistischer Pappaufsteller, ein Nichtporträt von Leuten, deren Partei der Film zwar ergreife, denen er sich aber nie wirklich nähere.

Stimmt genau. Aber gerade darum geht es: dass eine Geschichte, die von diesen Leuten zu wenig wissen will, eine falsche Geschichte ist – nicht falsch erzählt, sondern falsch gelebt, von denen, die hier im Mittelpunkt stehen. Kamera, Schnitt, Dramaturgie und Fabelführung dienen dieser Wahrheit in „Suburbicon“ vorbehaltlos, und das Ensemble tut desgleichen: Julianne Moore als Mordopfer und dessen Schwester wird von besagter Wahrheit zerrieben, Matt Damon als Witwer und Oberblödmann im gestärkten Hemd widersetzt sich derselben Wahrheit strampelnd, nur um deren Macht über ihn umso schlagender zu bestätigen, Oscar Isaac als Versicherungsdetektiv schließlich versucht, die Wahrheit auf eigene Rechnung auszutricksen, und kommt in der Peripherie eines „White Riot“ unter die Räder.

Filmkritik „Suburbicon“
Artistisch wahnsinnig gut, inhaltlich sowieso
© Concorde Filmverleih, FAZ.NET

Keine Sekunde zuckt der Regisseur Clooney vom Nies- und Juckpulver zusammen, das die Coen-Brüder, wie bei ihnen üblich, aus vollen Händen ins Drehbuch geschüttet haben, sondern liefert stattdessen seine bisher schlüssigste Arbeit hinter der Kamera ab. Das Bemerkenswerteste, was ihm hier geglückt ist, hat mit dem Fach „Figurenzeichnung“ zu tun: Die zentralen Gestalten der sadistischen Lachtragödie werden zwar schamlos als verkorkste Platzpatronen vorgeführt, aber andererseits nicht einfach abgewatscht, weil das dazu notwendige Moment der angemaßten moralischen Überlegenheit des Erzähltonfalls fehlt – der Film weiß es nicht besser, er ist wirklich nur ein Bote, wenngleich einer, dem die Hose brennt.

Trübe Typen sind Trumpf: Der Vater macht zum Sex das Licht aus, die wächserne Tante wirkt selbst bei der Mordvorbereitung wie leichenstarr vor Schreck, der pflichtbewusste Polizist sieht aus, als hätte man ihn in eine Uniform genäht, die er bis zum Tod nicht mehr verlassen wird, und der Vorgesetzte des kleinen Angestellten löst sich beim Versuch, jenen zu trösten, in seiner eigenen sozialen Überflüssigkeit auf wie ein Brausebrocken in Tränensprudel. Selbst die vergleichsweise humanste Erscheinung, Gary Basaraba als Onkel Mitch, kann seine Anteilnahme am schmerzlichen Verlust anderer nicht angemessener ausdrücken als mit der hilflos groben Drohung, er werde die Schuldigen schon finden und dann von innen nach außen krempeln. Die territorialneurotischen Herzensruinen der Haupthandlung verstricken sich in Ehebruch, Mord, Betrug und Fluchtphantasien vom rettenden Ausland, wo endlich alles anders wäre, in Wirklichkeit aber wohl lauter Fremde leben, die man in der eigenen Nachbarschaft nicht ertragen würde. Was ist hier eigentlich los?

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James Baldwin hat im späten Essay „The Price of the Ticket“ (1985) mit geschichtsergebener Lakonie die grauenhafte Wahrheit ausgesprochen, dass „der Weiße“, um „die Schwarzen“ misshandeln, unterdrücken, ausbeuten, aussperren, einschließen, ermorden und verwalten zu können, zunächst so ein „Weißer“ werden musste, eine Maske – Knast nach innen, Knastwärter nach außen. Das Erzwungene an diesem unmenschlichen Zustand darf er nicht sehen; so wie Herrenmenschen nie sehen dürfen, dass das, was sie zu sein wähnen, gar nicht sein müsste, aber von ihnen als alternativlos gelebt wird: Der Sexist muss sich zum Mann machen, um über Frauen (nicht nur als Objekte der Triebabfuhr) verfügen zu können; der Besitzende muss Ausbeuter werden, damit sein Besitz im Konkurrenzkrieg gesellschaftlich waffenfähig wird.

Alle Geschichten, die sich ungerechte Gesellschaften von sich selbst erzählen lassen, drängen die Kosten dieser Selbst- und Fremdzurichtung permanent aus der Bildmitte. Die Dramen der verbauten Subjektivität, aus denen so viele hohe Kunst- und populäre Unterhaltungsgattungen gemacht sind, warnen ständig: Ja nicht zu genau hinschauen, die Menschen sind halt leider so, jedenfalls in der Hauptsache.

„Suburbicon“ endet mit einem Blick auf die Nebenebene am ewigen Rand dieser Hauptsache – Clooneys Film schickt ein Kind hin und weicht dann selbst zurück, diskret, respektvoll, wir dürfen das Abgelegene bloß sehen, nicht betreten, den Ort jenseits des Immergleichen, wo das verblödet grausame und sinnlos lächerliche Spiel seine Grenze hat und eine andere Geschichte beginnen müsste, eine zwischen Menschen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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